Buchtipp: Frauen. Krisen. Kraft.
Claudia Teibler porträtiert 20 weibliche „Rolemodels“, die in den Krisenjahren von 1850 bis 1950 gewirkt haben. Das Buch zeigt eindrucksvoll, was Frauen und feministische Bewegungen seither erreicht haben. Und doch lesen sich die Porträts stellenweise aktueller, als frau lieb sein kann.
- Redaktion
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Ein Verein gegen das Tragen von Korsetts? Frauen, die als vermeintliche Prostituierte verhaftet wurden, weil sie alleine auf der Straße unterwegs waren? Massenhaft Fehlgeburten aufgrund hoher Arbeitsbelastung durch die „Ernährungsschlacht“ der Nationalsozialisten in der Landwirtschaft? Der Blick zurück auf die Lebensumstände von Frauen in den Jahren der beginnenden industriellen Revolution, der Wirtschaftskrisen, der beiden Weltkriege, und der Wiederaufbauarbeiten danach ist ein Blick zurück im Zorn.
Zorn ist ein wichtiger Antrieb für Veränderung, aber nach der Lektüre der zwanzig Kurzporträts von Frauen im Kampf gegen die Krisen ihrer Zeit ist klar: Genauso wichtig für das Wirken der in diesem Buch porträtierten „Rolemodels“ waren weibliche Solidarität, verlässliche Mitstreiter*innen, Humor, Mut und Kreativität. Und davon brauchte es in den Krisenjahren von 1850 bis 1950 jede Menge, um die Lebensumstände von Menschen in großer Not zu verbessern. In großer Not waren auch oft genug die Frauen selbst. Schließlich sind sie von Krisen und Kriegen häufig im besonderen Maße betroffen, was übrigens bis heute so ist.
Die Auswahl der Frauen dieser Porträtsammlung konzentriert sich keinesfalls nur auf die bekannten feministischen Vorstreiterinnen wie Simone de Beauvoir. Man liest auch vom bewaffneten Widerstand einer Louise Michel in der Pariser Kommune, vom Wirken der „Kunstspionin“ Rose Valland im Verborgenen, vom kritischen Blick auf soziale Verwerfungen der Fotografin Dorothea Lange in den USA, vom Engagement der Psychoanalytikerin Anna Freud für Kinder und Familien in London und über die besonderen Lebensumstände von Hildegard Hamm-Brücher, die sich nach 1945 als Journalistin und später als Politikerin für mehr Demokratie und die konsequente Aufarbeitung der NS-Geschichte einsetzte.
Viele der porträtierten Frauen kämpften für bessere Bildung, für eine gute medizinische Versorgung, aber auch für eine gerechte Bezahlung und mehr Mitsprachrechte von Frauen. Das Buch macht einmal mehr deutlich, wie lange und beschwerlich der Weg hin zu Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau war – und ist. Denn auch das wird bei der Lektüre schmerzhaft bewusst: Wir sind trotz großer Fortschritte und einiger Erfolge noch lange nicht am Ziel. Im Gegenteil: Viele Frauen müssen gerade erleben, dass Frauenfeindlichkeit wieder salonfähig wird, hart erkämpfte Rechte in Frage gestellt oder abgeschafft werden. Gerade auch vor diesem Hintergrund ist die Porträtsammlung von Claudia Teibler mit ihren kurzen Kapiteln zur historischen Einordnung eine lehrreiche und vor allem inspirierende Lektüre.
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