Früher hießen wir Gastarbeiter
Eine Ausstellung in Hamburg zeigt Fotografien vom Leben im Deutschland der 1960er-, 70er- und 80er-Jahre aus migrantischer Perspektive.
- Redaktion
Lesezeit: 5 Minuten
Zwei Dinge vorweg: Migration nach Deutschland gab es schon immer. Und Migration wird meist aus dem Blickwinkel der deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachtet. In beiderlei Hinsicht liefert die Ausstellung „Früher hießen wir Gastarbeiter“ einen interessanten Perspektivwechsel und angesichts der heute scharf geführten Migrationsdebatte den dringend nötigen historischen Kontext.
In den 1960er-Jahren bis offiziell 1973 warb der deutsche Staat sogenannte Gastarbeiter an. Sie kamen vorwiegend aus der Türkei, Griechenland, Spanien oder Italien nach Deutschland. Zu ihnen gehörten auch Muhlis Kenter, Nuri Musluoğlu, Mehmet Ünal und Asimina Paradissa, deren Fotografien aus dieser Zeit jetzt im Museum für Kunst & Gewerbe in Hamburg zu sehen sind.
Ihre Arbeiten dokumentieren eine gar nicht so ferne Vergangenheit: Frauen an der Nähmaschine, rauchende Männer an einer Bushaltestelle oder Szenen von Familienleben in bescheidenen Verhältnissen. Letztere wurden festgehalten von Asimina Paradissa, einer der wenigen migrantischen Frauen hinter der Kamera. Mehmet Ünal wiederum setzt sich in seinen Collagen auch mit Diskriminierung und der bürokratischen Willkür in Deutschland auseinander.
Alle vier Amateurfotograf*innen stehen mit den Aufnahmen in der Tradition der Arbeiterfotografie. Ziel dieses fotografischen Ansatzes war es, dass Arbeiter*innen selbst zur Kamera greifen, um das (Selbst-) Bewusstsein für die eigene Wirklichkeit zu schärfen. Und diese Wirklichkeit war merklich geprägt von sozialer Ungleichheit, Rassismus und den Schwierigkeiten, in einem fremden Land Fuß zu fassen. Dass die Leben der Menschen, die früher Gastarbeiter hießen, trotzdem alles andere als schwarz-weiß erscheinen, ist der Verdienst der Fotograf*innen – auch wenn keine*r von ihnen Farbfilme verwendet hat.
Die Fotoausstellung „Früher hießen wir Gastarbeiter“ ist noch bis zum 17. Mai 2026 im Museum für Kunst & Gewerbe am Steintorplatz in Hamburg zu sehen. Infos und Tickets auf mkg-hamburg.de
Blick nach vorn
Diese junge Frau in einer Textilfabrik in Alsdorf bei Aachen wurde von Muhlis Kenter im Jahr 1980 fotografiert.
Quelle: Muhlis Kenter
Fotograf am Schreibtisch
Muhlis Kenter kam 1972 aus der Türkei nach Deutschland. Er ist Professor für Produktionsorganisation und -technologien in Bremen und autodidaktischer Fotograf. Das Bild stammt von Christa Kenter.
Quelle: Muhlis Kenter
Work-Life-Balance
Muhlis Kenter war es wichtig, Gastarbeiter*innen als Menschen mit Selbstbewusstsein und einem Leben jenseits ihres Arbeitsplatzes zu porträtieren.
Quelle: Muhlis Kenter
Freiheitskämpfer mit Kamera
Mehmet Ünal lebt und arbeitet seit 1976 als Autor und Fotograf in Deutschland. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zum Thema Migration und der Lebenssituation von Minderheiten.
Quelle: Mehmet Ünal
Alles auf eine Karte?
Mehmet Ünal verarbeitet seine Erfahrungen mit deutschen Behörden und rassistischer Diskriminierung in Deutschland auch in Fotocollagen. Diese stammt aus dem Jahr 1982.
Quelle: Mehmet Ünal
Die Freiheit des Worts
Diese Collage aus dem Jahr 1982 ist eine Hommage an Nâzim Hikmet, einen bedeutenden türkischen Dichter und Dramatiker.
Quelle: Mehmet Ünal
Der Mensch als Zaungast
Das Foto zeigt einen jungen Mann vor dem Wohnheim für Asylsuchende in Heilbronn, 1983.
Quelle: Nuri Musluoğlu
Solidarität im Stehen
Arbeiter der Firma Kolbenschmidt während eines Streiks in Neckarsulm im Jahr 1984.
Quelle: Nuri Musluoğlu
Protest & Politik
Nuri Musluoğlu ist ein politisch sehr engagierter Mensch und ein Dokumentar der Protestkultur der 1980er-Jahre. Seine Kamera hatte er auf Versammlungen, bei Demos und Protestaktionen immer zur Hand.
Quelle: Nuri Musluoğlu
Sichtbar in Schwarz-Weiß
Asimina Paradissa um 1966/67 in Wilhelmshaven auf dem Fahrrad. Um diese Zeit kam sie Rahmen eines Anwerbeabkommens aus Griechenland nach Deutschland und lebt schließlich in Wuppertal. In ihrer Freizeit fotografiert sie schreibt und Gedichte.
Quelle: Asimina Paradissa
Ein anderes Leben
Asimina Paradissa (rechts) mit ihrer Freundin im Frauenwohnheim der Olympia-Schreibmaschinenwerke. Ein Drittel der Gastarbeiter*innen waren Frauen, die aber öffentlich kaum wahrgenommen wurden.
Quelle: Asimina Paradissa
Das könnte dich auch interessieren …