Grüne Power für die Ukraine
Nach ihrer Flucht aus der Ukraine stürzten sich Oleksandra Priadkina und Mykola Postolnyk in eine neue Aufgabe: Sie wollten alles über erneuerbare Energien lernen. Ihr Wissen soll nun den Menschen in ihrer Heimat helfen, denn saubere Energiequellen schützen nicht nur das Klima. In Zeiten von Kriegen und Krisen können sie überlebenswichtig sein.
- Lydia Krüger
Lesezeit: 6 Minuten
Als die zweite Rakete nahe ihrer Wohnung in Kyjiw einschlug, beschloss Oleksandra Priadkina zu fliehen. Es war kurz nach vier Uhr am 24. Februar 2022, dem ersten Tag der russischen Vollinvasion. „Mir war sofort klar, was zu tun war. Anders als mein Mann hatte ich es erwartet“, erinnert sich die zweifache Mutter. In den Wochen zuvor hatte sie dafür gesorgt, dass der Tank ihres Autos jeden Tag voll ist, einen Notfallrucksack gepackt und die wichtigsten Dokumente zusammengesucht. Ihr Ehemann, ein Straßenbauunternehmer, fand das ein bisschen verrückt. Doch jetzt war der Krieg in Kyjiw angekommen.
Mit dem jüngeren Sohn und ihrem Vater machte sich Oleksandra auf den Weg zu ihrem älteren Sohn, der in Deutschland lebte und arbeitete. Ihr Mann begleitete sie nur bis zur Grenze. Er wollte die Ukraine nicht verlassen. Acht Tage dauerte die Flucht über Ungarn und Wien bis nach Berlin.
Von Null auf Neustart in Berlin: Deutsch als Hürde und Chance
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„Das ist unsere Zukunft“: Oleksandra Priadkina bei einer Photovoltaik-Weiterbildung für ukrainische Kommunalbetriebe in Berlin.
Zur Weiterbildung gehörte ein Praktikum bei Compango e. V., einem Verein, der mit Geflüchteten am Klimaschutz arbeitet. Dort lernte sie Mykola Postolnyk kennen. Er stammt aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, nur 40 km von der russischen Grenze entfernt. Seit den ersten Kriegstagen bombardiert Russland dort immer wieder Wohnblocks, Supermärkte und Krankenhäuser.
Mykola war genau wie Oleksandra wegen des Kriegs nach Deutschland geflohen. Auch er absolvierte eine Weiterbildung im Bereich Photovoltaik, Solarthermie und erneuerbare Energien. Als Elektroingenieur begeisterte er sich für die Energiewende. Und auch er hatte schnell Deutsch gelernt, mit derselben Entschlossenheit, mit der er sich neues Know-how aneignete. Das half ihm, beruflich Fuß zu fassen: Heute arbeitet er als Projektmanager in einem Handwerksbetrieb, der Wärmepumpen installiert. „Unsere Kunden wissen es sehr zu schätzen, dass man mit mir alles im Detail besprechen kann.“
Die Faszination für das Potenzial erneuerbarer Energien und der tief empfundene Wunsch, den Menschen in ihrer Heimat zu helfen, verbanden Oleksandra und Mykola von Anfang an. Und mit ihren neu erworbenen Abschlüssen eröffneten sich dafür ganz neue Möglichkeiten. „Es war die Zeit der ersten Blackouts in der Ukraine, es gab viele Angriffe auf das Energiesystem“, erzählt Oleksandra. Also entwickelten sie eine ehrgeizige Idee: eine Photovoltaik-Anlage in der Ukraine zu bauen. Sie waren dabei nicht allein, sondern fanden engagierte Mitstreiter*innen, etwa aus Solarvereinen in Potsdam und Berlin, die ebenfalls helfen wollten.
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In Gedanken bei der Heimat: Elektroningenieur Mykola Postolnyk arbeitet in Deutschland als Projektmanager in einem Betrieb, der Wärmepumpen installiert.
Energiesystem unter Beschuss: Angriffe auf die Lebensadern der Ukraine
Trotz größter Anstrengungen der Energieversorger, das System am Laufen zu halten, sind mittlerweile bis zu 70 Prozent der Stromerzeugungskapazitäten verloren.
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Erneuerbare Energien: sauber und sicherer
Die Situation in der Ukraine verdeutlicht auf dramatische Weise, dass die Energiewende nicht nur für den Klimaschutz entscheidend ist, sondern darüber hinaus auch für die Sicherheit eines Landes – eine Lektion auch für Deutschland und andere EU-Staaten. Saubere heimische Energiequellen machen unabhängig von Öl- und Gaslieferungen aus autokratisch regierten Ländern. Auch sind sie weniger anfällig für gezielte Angriffe aus der Luft, wie sich in der Ukraine zeigt. Während eine einzige Rakete ein fossiles Kraftwerk lahmlegen kann, berichtet Oleksandra von einer PV-Freiflächenanlage mit einem Hektar Größe, die bei einem russischen Angriff nur zu fünf Prozent zerstört wurde. Hinzu kommt: Solarmodule lassen sich leichter ersetzen als eine Turbine für ein fossiles Kraftwerk.
Bislang setzt die Ukraine vor allem auf Kernenergie: Drei Atomkraftwerke sorgen für über 70 Prozent der Stromversorgung – nicht mitgezählt sind das russisch besetzte AKW Saporischschja und das stillgelegte AKW Tschornobyl. Zum Vergleich: In Deutschland stammten im ersten Halbjahr 2025 rund 42 Prozent des im Inland produzierten Stroms aus konventionellen Energieträgern wie Gas und Kohle und rund 58 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Mykola, der früher elektronische Schalter für Kraftwerke verkauft hat, kennt alle ukrainischen Anlagen persönlich: „Man muss sagen, dass die Atomkraftwerke die Situation gerade retten. Ohne Atomstrom wäre die Ukraine längst tot.“
Saporischschja ist das größte Atomkraftwerk Europas und stellt ein ständiges Sicherheitsrisiko dar – insbesondere seit der Eroberung und Besatzung durch Russland.
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Energie in Kriegszeiten: Kleine Photovoltaik-Lösungen für zuhause sind in der Ukraine mittlerweile heiß begehrt.
Andererseits sind die AKWs ein ständiges Sicherheitsrisiko. Das gilt vor allem für Saporischschja, das größte Atomkraftwerk Europas. Immer wieder wurde es infolge der russischen Eroberung und Besatzung von der externen Stromversorgung getrennt. Die sechs Reaktoren sind in diesen Fällen zwar heruntergefahren, müssen aber weiter gekühlt werden. Das erledigen übergangsweise Diesel-Notstromaggregate – laut der Internationalen Atomenergiebehörde eine extrem gefährliche Situation.
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Ein Forschungsteam von Fachleuten aus der Ukraine, der Schweiz und Deutschland kam daher zu einem klaren Ergebnis: Erneuerbare Energien müssen beim Wiederaufbau der ukrainischen Stromversorgung eine zentrale Rolle spielen. Das weiß auch die ukrainische Regierung. In ihrem nationalen Energie- und Klimaplan setzt sie sich das Ziel, den Anteil der Erneuerbaren bis 2030 auf mindestens 27 Prozent zu erhöhen. Bis 2050 soll der Energiesektor klimaneutral werden. Deutschland unterstützt dabei. So hilft die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), erneuerbare und dezentrale Energiequellen auszubauen und berät die Regierung zu zukunftsfähigen Energiesystemen nach EU-Standards, Energieeffizienz und Klimaneutralität.
Eine Idee wird geboren: Das Solarprojekt in der Ukraine
Was also können zwei Ingenieur*innen von Berlin aus dazu beitragen? Oleksandra und Mykola entschieden sich für ein Projekt, das den Schwächsten in der Ukraine hilft: eine Solaranlage für eine ökologische Kinderstation im westukrainischen Iwano-Frankiwsk.
Auf diesem Kinderbauernhof lernen Kinder und Jugendliche Pflanzen anzubauen, erfahren viel über Natur und Ökologie und feiern gemeinsam Feste. Seit Ausbruch des Krieges ist der Hof ein Zufluchtsort geworden für Kinder und Familien, die aus den russisch besetzten oder frontnahen Gebieten fliehen mussten. Aktuell gibt es nach ukrainischen Angaben 4,6 Millionen Binnenvertriebene im Land. Oft sind das Menschen, die ihr Zuhause, ihr gesamtes Hab und Gut, Familienangehörige und Freund*innen verloren haben. Umso wichtiger sind Einrichtungen wie die Kinder-Ökostation als Ort zum Auftanken.
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Durchatmen, Kraft tanken: Die Kinder-Ökostation in Iwano-Frankiwsk ist ein Zufluchtsort für Kinder und Familien im Krieg geworden. Sie soll eine Solaranlage erhalten.
Auch im Westen der Ukraine greift Russland immer wieder mit Raketen und Drohnenschwärmen an. Stromausfälle erschweren das Leben auf dem Kinderbauernhof massiv. Eine autarke Photovoltaikanlage mit Batteriespeicher wäre die Lösung. Damit könnten Stromausfälle überbrückt und die Stromkosten um 3.000 Euro jährlich gesenkt werden. Oleksandra und Mykola machten sich gemeinsam mit ihren deutschen und ukrainischen Partner*innen (hier aufgeführt) an die Arbeit, um die Anlage mit einer Spitzenleistung von 20 kWp zu planen und an die speziellen Realitäten der Energieversorgung vor Ort anzupassen.
Eine ukrainische Solarfirma würde die Installation zum Selbstkostenpreis übernehmen. Für die Anlage werden 22.500 Euro benötigt, die über Spenden zusammenkommen sollen – noch fehlt mehr als die Hälfte der Summe. Die beiden Ingenieur*innen hoffen auch auf die Zusammenarbeit mit Bündnis90/DIE GRÜNEN. In der AG Ukraine, einer AG des Kreisverbands Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, bringen sie ukrainische Perspektiven und ihr Know-how ein – und werben für ihr Spendenprojekt.
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Deutschland und Ukraine: Ein Spagat zwischen zwei Welten
Die Frage nach Zukunftsplänen ist fast ein bisschen vermessen. Oleksandra kann sich im Moment nicht vorstellen, nach Kyjiw zurückzukehren. Immer wieder wird die Hauptstadt mit Drohnen und Raketen attackiert. Militärexpert*innen gehen davon aus, dass Russland die Energie- und Wärmeversorgung der Ukraine in der kalten Jahreszeit massiv ins Visier nehmen wird, um die Zivilbevölkerung zu zermürben.
Das Leben in Berlin ist für sie ein Spagat: „Mein älterer Sohn hat hier schon Familie, der Jüngere hat gerade Abitur gemacht und spielt in einer Jazzband. Trotzdem bleibt Kyjiw meine Heimat. Mein Mann lebt dort, er ist mittlerweile über 60 und darf das Land verlassen. Manchmal kommt er für zwei, drei Wochen hierher, um [ohne Luftalarm, Anm. d. Red.] zu schlafen. Wenn der Krieg vorbei ist, will er wieder Straßen bauen.“
„Ich habe mich entschieden, meine Familie hier in Sicherheit zu bringen. Jetzt versuche ich, der Ukraine zu helfen.“
Die Ingenieurin sucht gerade einen Job in Berlin – am besten mit einem Fokus auf erneuerbare Energien, gemeinnützig oder im Bildungswesen. Mykola sieht seine Zukunft in Deutschland: „Ich habe mich entschieden, meine Familie hier in Sicherheit zu bringen. Jetzt versuche ich, der Ukraine zu helfen, mit Spenden für meine Freunde, die an der Front kämpfen. Und mit meinem Wissen über erneuerbare Energien.“
Vor kurzem erst begleitete Oleksandra einen Photovoltaik-Kurs für ukrainische Kommunalbetriebe als technische Übersetzerin – und Mykola organisierte den Kurstag, an dem die Teilnehmer*innen praktische Erfahrungen sammeln konnten. Grüne Energie für die Ukraine – das bleibt ihr Herzensthema.
Über die AG Ukraine
Die AG Ukraine im KV Berlin Friedrichshain-Kreuzberg wurde am 21. Juli 2025 gegründet und hat über Berlin hinaus 28 Mitglieder. Ihr Ziel ist es, der Ukraine bei der Verteidigung ihrer Souveränität, territorialen Integrität und kulturellen Identität beizustehen und auf einen gerechten und dauerhaften Frieden hinzuwirken. Die AG vernetzt Berliner*innen mit der ukrainischen Community und fördert den Austausch ukrainisch-deutscher Perspektiven.
Über die Autorin
Lydia Krüger ist seit 2021 Mitglied von Bündnis90/Die Grünen im Kreisverband Berlin-Pankow und engagiert sich unter anderem für die Ukraine. Bei der Recherche hat sie besonders beeindruckt, in wie vielen Netzwerken und Projekten Oleksandra und Mykola für die Ukraine aktiv sind und dass sie trotz aller Widrigkeiten immer nach vorn schauen.
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