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Im Osten viel Neues

Warum haben es die Grünen im Osten so schwer und wie kann man das ändern? Mit diesen Fragen beschäftigten sich im vergangenen September 500 Grüne, die aus dem ganzen Land in der Lutherstadt Wittenberg zusammengekommen waren. Der Ostkongress „ELBE 2025“ war eine Premiere. Drei Teilnehmer*innen berichten über den Wert von Gemeinschaft, den guten Umgang mit verhärteten Fronten und Couchsurfing mit Fischbrötchen.

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Lesezeit: 4 Minuten

„Gemeinsam wieder aufstehen“

Sandra Lüder, 57 – die einzige grüne Stadträtin in der Lutherstadt Wittenberg und frauenpolitische Sprecherin des Landesvorstands von Sachsen-Anhalt.

Als Stadträtin in Wittenberg hab ich gejubelt, nachdem bekannt wurde, dass der erste Ostkongress bei uns stattfinden wird. Und ich hab mich total gefreut, wie viele Bundespolitiker und Mitglieder auch aus den westlichen Bundesländern auf den Kongress kamen. Bei der offiziellen Eröffnung habe ich meine erste große Rede gehalten. Vor 500 Leuten!

Insbesondere was die Vernetzung und den Austausch mit Grünen-Mitgliedern aus anderen Regionen angeht, war der Kongress ein voller Erfolg. Viele Grüne im Osten fühlen sich sehr allein – gerade auf dem Land. Wenn man mal zusammen meckern kann, fällt es auch leichter, gemeinsam wieder aufzustehen und anzupacken. Deshalb war für uns alle das Gemeinschaftsgefühl so wichtig.

Das Angebot an Workshops und Panels war so reichhaltig, dass es schwer fiel, sich zu entscheiden. Es gab Runden, die sich mit der Geschichte der DDR und Erfahrungen aus der Wendezeit beschäftigt haben. Auf anderen Veranstaltungen ging es um praktische Tipps zum Umgang mit sozialen Medien beispielsweise. Noch besser hätte ich es insgesamt gefunden, wenn es einfacher gewesen wäre, sich individuell einzubringen. Die Mitglieder im Osten haben ja ein unheimliches Bedürfnis, aktiv zu werden.

Es hat mir gut gefallen, dass auch Vertreter von Unternehmen gesprochen haben. Stefan Traeger, der CEO von Jenoptik, hat im Gespräch mit Michael Kellner viel Erfrischendes über die Situation im Osten erzählt. Viele Leute in der Industrie sind ja sehr offen für unsere Ideen und meist viel weniger skeptisch als Teile der Bevölkerung. Wie der Wittenberger Batteriehersteller Tesvolt zum Beispiel, den ich kurz vor dem Ostkongress noch mit Franziska Brantner besucht habe.

Auch andere Organisationen könnte man beim nächsten Mal einbinden. Ich habe zum Beispiel einen sehr guten Draht zu den Landfrauen hier. Je mehr überparteilichen und zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt wir hinbekommen, desto leichter können wir gegen die AfD zusammenstehen. Leider ist das derzeit noch nicht wirklich der Fall. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Ich weiß, wie es ist, in einer Diktatur zu leben. Auch wenn mein Frust manchmal sehr groß ist: Ich werde nie aufgeben und rappele mich immer wieder auf.

„Anständig und bodenständig”

Linda Jörke, 30, Ärztin und bis 2025 grüne Stadtverordnete der ehemaligen Industriestadt Wittenberge. Wegen eines Umzugs musste sie ihr Amt aufgeben. Aktuell lebt sie mit ihrer Familie in Magdeburg.

Netzwerken war eines der wichtigsten Ziele des Kongresses. Dabei haben Formate wie das superlustige Kneipenquiz sehr geholfen. In den Gruppen, die gegeneinander antraten, herrschte ein tolles Miteinander. Das hat über das ganze Wochenende hinweg getragen.

Statt der üblichen Phrasen kamen auf dem Ostkongress viele verschiedene Stimmen zu Wort und es wurden praktische Ansätze diskutiert. Aber es hat sich schnell gezeigt, dass die Zeit nicht reichte, um produktiv in die Detailarbeit zu gehen. Dafür sind viele Themenfelder einfach zu vielfältig und zu speziell. Wohnen zum Beispiel. Das hatte der sächsische Landtagsabgeordnete Thomas Löser aus Dresden Neustadt eingebracht. Aber eineinhalb Stunden Vortrag mit Diskussion waren natürlich nicht genug Zeit. Eine Lehre, die wir daraus ziehen können, ist dass man für bestimmte Themen künftig ganze Tage einplanen muss.

In der bundespolitischen Debatte gelten wir Grünen für viele leider als diejenigen, die den Leuten das Geld für unnütze Maßnahmen aus der Tasche ziehen. Einem Großteil der Wähler*innen ist gar nicht bewusst, dass wir ein sehr soziales Programm haben. Das Thema Gerechtigkeit muss man noch mehr nach außen tragen – da waren wir uns alle einig. Die Kommunalpolitik bietet dazu die Möglichkeit. Hier kann man auf einer persönlichen Ebene mit den Leuten in Kontakt kommen. Ich bin in Wittenberge nicht wegen, sondern trotz meiner Parteizugehörigkeit ins Amt gekommen. Ich war die einzige Grüne unter 28 Abgeordneten und hatte schon Bammel. Aber als meine Kolleg*innen gemerkt haben, dass mir ein fairer Austausch und echte Lösungen wichtig sind, war ich schnell respektiert. Auf kommunaler Ebene geht es eben primär um die Sache.

In der Bundespolitik sind die Fronten ja aktuell ziemlich verhärtet. Auch weil CDU/CSU hartnäckig daran arbeiten, die Grünen zu diskreditieren und Zwist zu schüren. Umso wichtiger ist es, anständig und bodenständig zu kommunizieren. Wir brauchen positive Narrative. Das kam auf dem Kongress immer wieder zur Sprache. Zum Beispiel sollte man eben auch mal betonen, was hier im Osten alles innerhalb einer Generation geschafft wurde. Das ist eine Riesenleistung.

„Raus aus der Blase“

Pascal Hilker, 21, studiert Deutsch und Geographie auf Lehramt. Er ist Mitglied in der Gemeindevertretung von Neuenkirchen sowie Sprecher des Kreisverbands und des Kinder- und Jugendbeirats von Greifswald.

Wir sind die erste Partei, die einen Ostkongress veranstaltet hat. Und wenn wir auf die Ergebnisse der vergangenen und die anstehenden Wahlen schauen, war so eine Veranstaltung längst überfällig. Um die schwierige Situation zu drehen, müssen wir Grüne uns hier neu erfinden. Wir müssen Themen anpacken, die die Menschen tagtäglich beschäftigen. Und wir müssen raus aus der eigenen Blase und Menschen ansprechen, die aus allen Bereichen der Gesellschaft kommen.

Wenn Kandidatinnen und Kandidaten in der Region verwurzelt und in den Vereinen aktiv sind, hat man viele Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen. In unserem Wahlkampf haben wir hauptsächlich die Personen nach vorne gestellt, weniger die Partei. Wir haben bei 60 Prozent aller Haushalte geklingelt und über Dinge gesprochen, die die Leute vor Ort interessieren. Der neue Spielplatz, die Pflege der Bürgersteige oder Radwege. Einfache Dinge, die greifbar sind und zeitnah umgesetzt werden können. So haben wir in Neuenkirchen zwei Sitze in der Gemeindevertretung geholt.

Darüber, dass schnelle und niedrigschwellige Aktionen in Zukunft eine größere Rolle spielen sollten, wurde auch auf dem Ostkongress viel gesprochen. Wir sollten lokale Themen stärker in den Vordergrund stellen. Den Jugendclub, der geschlossen werden soll oder den öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel. Mit greifbaren Forderungen, kann man auch Jüngere abholen. Viele Leute gerade im Osten können mit dem Parteiensystem wenig anfangen und sich auch gar nicht vorstellen, selbst aktiv zu werden. Auch diese Menschen wollen wir erreichen. Aber das braucht natürlich Zeit – und eine starke grüne Gemeinschaft.

Wir sollten die Netzwerkarbeit des Kongresses weiter ausbauen und Partnerschaften eingehen. Eine Idee von uns: Organisiertes Couchsurfing, sodass sich Grünen-Mitglieder aus verschiedenen Bundesländern besser abwechselnd besuchen und uns hier im Landtagswahlkampf 2026 beispielsweise unterstützen können. Also macht euch auf nach Mecklenburg-Vorpommern, es wird sich für alle lohnen. Wer uns hier besucht, bekommt unsere leckeren Fischbrötchen gratis obendrauf – versprochen.

„Der erste grüne Ostkongress hat gezeigt: Wir sind viele und wir wollen anpacken. Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie grüne Mitglieder und Gäste über die teils sehr schwierigen Probleme und konkreten Aufgaben diskutierten. Sie wollen sich nicht unterkriegen lassen, sondern gemeinsam etwas bewegen. Das hat Mut gemacht und genau deshalb braucht es eine Fortsetzung.“ Heiko Knopf, stellvertretender Bundesvorsitzender aus Jena

500 Grüne kamen im September in der Lutherstadt Wittenberg zum ersten Ostkongress zusammen. Das starke Gemeinschaftsgefühl hat vielen Grünen im Osten Mut gemacht. (Bilder: Elias Keilhauer)

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