Über den Atlantik in den Amazonas: Von einer, die auszog, um fürs Klima zu kämpfen
Kathrin Henneberger erlebt bewegte Zeiten, seit sie sich im September mit einem Segelschiff zur COP30 in Brasilien aufmachte: Hinter ihr liegen rund zwei Monate auf See und zehn Tage intensiver Einsatz auf der Klimakonferenz. Jetzt will sie indigene Gemeinden im Amazonasgebiet besuchen. Wer mit ihr spricht, spürt: Die Klimabewegung ist quicklebendig.
- Johannes Patzig
Lesezeit: 8 Minuten
Quelle: privat
Kathrin Henneberger entschuldigt sich, als sie im Videocall auf dem Bildschirm erscheint, im Hintergrund die bunten Azulejo-Fliesen ihrer Unterkunft im brasilianischen Belém. Sie sei etwas krank und ihre Stimme daher nicht die beste, sagt sie. Nicht etwa wegen der rund 9.400 Kilometer weiten Segelreise über den Atlantik, die sie hinter sich hat – die Klimaanlagen in den Konferenzräumen der COP30 haben der ehemaligen Bundestagsabgeordneten der Grünen zugesetzt. Gerade ist die Weltklimakonferenz zu Ende gegangen, aber für Kathrin Henneberger geht der Kampf fürs Klima ohne Pause weiter.
Kathrin, dein Leben stand die vergangenen Monate komplett im Zeichen der Klimakonferenz. Wie geht es dir, nun da sie vorüber ist?
Vieles, was auf dieser Konferenz geschehen ist, kritisiere ich scharf: vor allem den Abschlusstext ohne Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und den schwachen Auftritt der deutschen Bundesregierung. Aber es war auch grandios, auf See wie auf der Konferenz, so viele Verbündete zu treffen: unterschiedlichste Akteur*innen, die sich global zusammenfinden, um für eine klimagerechte Welt zu kämpfen – von der englischen Campaignerin bis zur indigenen brasilianischen Parlamentsabgeordneten. Gemeinsam haben wir es geschafft, dass einige wichtige Formulierungen nun in den Beschlüssen stehen. Und wir haben Zukunftspläne geschmiedet. Wir wissen schon jetzt genau, wie das nächste Jahr aussieht und woran wir weiter arbeiten müssen.
Gehen wir doch nochmal kurz zurück auf Los. Was hat dich dazu bewogen, mit einem 100 Jahre alten Segelschiff zur COP30 zu reisen?
In den letzten Jahren war ich als Bundestagsabgeordnete und Mitglied der deutschen Delegation bei den Weltklimakonferenzen. Diesmal bin ich als freie Aktivist*in angereist, weil ich auf keinen Fall der fossilen Lobby das Feld überlassen wollte. Und was das Segeln betrifft: Wir sprechen immer davon, dass eine klimagerechte Welt auch bedeutet, Dinge zu entschleunigen. Ich wollte das einmal für mich selbst ausprobieren. Deshalb habe ich mich, zusammen mit Aktivist*innen aus aller Welt, der „Flotilla4Change“ (siehe Infobox) angeschlossen. Mir ist bewusst, dass es ein großes Privileg ist, so zu reisen und sich die Zeit dafür nehmen zu können.
Diesmal bin ich als freie Aktivist*in angereist, weil ich auf keinen Fall der fossilen Lobby das Feld überlassen wollte.
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Von Amsterdam aus ging es für dich über den Atlantik – rund zwei Monate ohne festen Boden unter den Füßen. Hat dir das keine Angst gemacht?
Ich bin vorher noch nie gesegelt. Das war also schon eine Herausforderung. Aber als Klimaaktivistin aus dem rheinischen Braunkohlerevier ist man ja einiges gewohnt (lacht). Als ich das erste Mal über die Wanten den Mast hinauf geklettert bin, habe ich gemerkt: Das ist einfacher, als im Hambacher Forst auf Bäume zu klettern. Die Seekrankheit war anfangs allerdings heftig, etwa als das Schiff im Ärmelkanal zwei Tage lang schräg im Wind lag. Aber der Körper gewöhnt sich schnell an die neuen, schwankenden Umstände und nach den ersten Tagen hatte ich die ganze Strecke über den Atlantik keine Probleme mehr.
Wie hast du die Ankunft in Belém erlebt?
Voller Ungeduld: Denn wegen einiger Flauten kamen wir erst Mitte der ersten COP-Woche an. Sobald ich das Boot verlassen durfte, bin ich zur Konferenz gewetzt. Das Schönste, das sofort spürbar wurde: Die COP fand endlich wieder in einem Land mit lebendiger Zivilgesellschaft statt, in dem Demonstrationen möglich waren. Die letzten drei Konferenzen wurden in Ländern abgehalten, in denen dies aufgrund der repressiven Regierungen nicht möglich war. Doch in Belém waren allein bei der Demo zur Halbzeit Zehntausende auf der Straße. Da hat man gespürt: Die Klimagerechtigkeitsbewegung lebt!
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„Nein zur Erdölförderung! Nein zum kapitalistischen Agrargeschäft!“ steht auf diesem Transparent. Indigene Gemeinschaften sind für den Schutz der Wälder und der Artenvielfalt weltweit von zentraler Bedeutung. Doch in der Klimapolitik finden sie oftmals kein Gehör.
Besonders präsent waren indigene und traditionelle Gemeinden …
… und das war sehr gut so, denn sie sind in ihren Territorien besonders hart von Extraktivismus und Entwaldung betroffen. Ich durfte auch auf einem Panel sprechen, bei dem vor allem Vertreter*innen indigener Gemeinschaften anwesend waren. Das war ein bewegendes Erlebnis: ein außergewöhnlich inklusiver Diskurs, der ganze Raum wurde mit einbezogen und Themen aus vielen unterschiedlichen Perspektiven angesprochen.
Was können Aktivist*innen auf der COP bewegen?
Allein kann man wenig erreichen, auch wenn man, wie ich, als Beobachterin akkreditiert ist. Deshalb organisieren sich zivilgesellschaftliche Akteur*innen vor Ort, etwa unter dem Dach des „Climate Action Network“ (CAN). Hier gibt es Arbeitsgruppen, die die einzelnen Verhandlungsthemen begleiten. Ich habe mich unter anderem auf den fossilen Ausstieg und auf Klimafinanzierung fokussiert, sowie bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Hinzu kommen Netzwerke wie „The Women and Gender Constituency”. Jeden Morgen sammeln wir uns und entwickeln eine Strategie für den Tag. Wir besprechen: Wie entwickelt sich welcher Verhandlungsstrang der Konferenz? Wo müssen wir besonders Druck machen? Zu welchem Thema einen Protest auf die Beine stellen? Wir melden uns zu Wort, wo das im Rahmen der offiziellen Verhandlungen möglich ist und sind präsent auf den vielen Gesprächsrunden, die parallel dazu stattfinden.
Gibt es auch einen Austausch mit den Delegationen der Länder?
Ja, es wird versucht, bilaterale Gespräche mit den Delegationen zu führen, um Informationen zu erhalten und auf sie einzuwirken. Manche fangen Delegierte in den Gängen ab. Ich bin einfach öfters im deutschen Delegationsbüro aufgetaucht und habe Fragen gestellt.
Was kann man auf diese Weise erreichen?
Ein zentrales Ziel des Climate Action Network konnte durchgesetzt werden: Es wurde ein Programm beschlossen, das Länder dazu befähigen soll, den Übergang hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft sozial gerecht zu gestalten. Dafür hat CAN unter dem Schlagwort „BAM“ (Belém Action Mechanism) von Beginn an gekämpft. Auch der „Gender Action Plan“, der mir sehr am Herzen lag, ging durch. Er fördert und fordert Gendergerechtigkeit im Rahmen von Klimaschutz und Klimaanpassung. Diese beiden Beschlüsse waren tolle, motivierende Erfolge.
Beim Ausstieg aus fossilen Energien ist die Europäische Union gegenüber den Ölstaaten eingeknickt, auch die deutsche Bundesregierung hat sich nicht genug engagiert.
Dennoch kritisierst du den Ausgang der COP …
Beim Ausstieg aus fossilen Energien ist die Europäische Union gegenüber den Ölstaaten eingeknickt, auch die deutsche Bundesregierung hat sich nicht genug engagiert. Nun kommt das Wort „fossil“ in der Abschlusserklärung nicht einmal vor. Es hätte härter verhandeln werden können. Wie das geht, habe ich vor zwei Jahren in Dubai erlebt, als Annalena Baerbock die Verhandlungen für die EU führte. Sie hat damals unmissverständlich klar gemacht, dass es keinen gemeinsamen Abschlusstext geben würde, wenn keine Formulierung für den Ausstieg aus den Fossilen gefunden wird. Der Unterschied zwischen Annalenas feministischer und klimagerechter Außenpolitik und dem Verhalten der aktuellen Bundesregierung in Belém könnte größer nicht sein. Das zeigt: Grüne in Regierungsverantwortung können auch auf globaler Ebene Großes bewirken.
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Arbeitstag auf See: Alle 15 Aktivist*innen an Bord mussten täglich Segelschichten von insgesamt acht Stunden absolvieren. Dazu gehörte auch das Erklimmen des rund 15 Meter hohen Mastes. Duschen an Bord bedeutete übrigens: sich einen Eimer Meerwasser über den Kopf gießen.
Wie kann der Kampf für Klimagerechtigkeit nun weitergehen?
Enttäuschung können wir uns auf jeden Fall nicht leisten. Wir haben ja oft erlebt, dass Klimakonferenzen dank fossilem Lobbyismus, autoritärer Ölstaaten und konservativer westlicher Regierungen nicht die Ergebnisse bringen, die dringend geboten wären. Wir müssen weiterarbeiten und dürfen uns nicht entmutigen lassen. Es gibt ja auch Hoffnungsschimmer: etwa die freiwillige Initiative für die Erarbeitung eines fossilen Ausstiegs, die die COP-Präsidentschaft aufgenommen hat sowie die Konferenz im April in Kolumbien zu diesem Thema. Darauf sollten wir uns fokussieren. Und wir dürfen auch nicht auf Beschlüsse warten, sondern müssen als Zivilgesellschaft Klimaschutz selbst in die Hand nehmen.
Wie meinst du das?
Initiativen überall auf der Welt zeigen, wie man einen sozial gerechten Ausstieg aus den Fossilen auch selbst organisieren kann. „Watts Up Africa“ zum Beispiel verfolgt das Ziel, Menschen auf dem ganzen Kontinent mit elektrischem Strom zu versorgen, durch dezentrale erneuerbare Energiequellen in den Händen der Menschen vor Ort. Je besser wir uns als globale Graswurzelbewegung vernetzen, desto mehr können wir bewegen.
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Machen Weltklimakonferenzen dann künftig überhaupt noch Sinn?
Also ich schimpfe ja immer gerne und viel über Strukturen und Ergebnisse der Konferenzen (lacht). Aber es ist dennoch wichtig, dass es sie gibt. Und dass wir um jedes Wort in den Erklärungen ringen. Denn wann immer es Formulierungen zur Klimagerechtigkeit in die Beschlüsse schaffen, können sie weltweit zu einer Referenz werden, an der sich Klimapolitik ausrichtet. Wie die 1,5-Grad-Grenze, die 2015 in Paris so hart erkämpft wurde. Jeder Stadtrat kann sich heute darauf beziehen, wenn es darum geht, lokal klimagerechte Politik umzusetzen.
Eine Flotte für Klimagerechtigkeit
In der Non-Profit-Initiative „Flotilla4Change“ haben sich erfahrene Segler*innen und Klima-Aktivist*innen aus aller Welt zusammengeschlossen, um das Segeln zur Weltklimakonferenz in Belém zu ermöglichen. Insgesamt sechs Segelboote brachen aus unterschiedlichen Regionen auf. Das Boot mit Kathrin Henneberger, ein 43 Meter langer Schoner aus dem Jahr 1920, stach von Amsterdam aus in See. Die Route verlief durch den Ärmelkanal, dann südwärts über Lissabon und Teneriffa bis nach Sal, einer der Kapverdischen Inseln. Von dort ging es in südwestlicher Richtung quer über den Atlantik nach Belém in Brasilien. Kathrin Henneberger schilderte die Reise auch in einem Blog auf klimareporter.de
Welche Schritte planst du als nächstes?
Ich will meine Verbündeten unter den indigenen Gemeinschaften Brasiliens in ihrer Regionen treffen. Während meiner Zeit im Bundestag habe ich beispielsweise viel mit Célia Xakriabá zusammengearbeitet, die als Vertreterin der indigenen Bevölkerung in den brasilianischen Kongress gewählt worden ist. Mir geht es darum, mehr über die Situation und Sichtweisen der indigenen Gemeinschaften zu lernen und dieses Wissen auch nach Deutschland zu tragen. Wenn Deutschland etwa Rohstoffpartnerschaften in Südamerika abschließt, müssen wir dringend darauf achten, dass weiterer Raubbau und Kolonialismus in indigenen Territorien verhindert werden. Diese Perspektive werde ich auch bei den Grünen einbringen.
Wann und wie wirst du nach Deutschland zurückkehren?
Ich weiß es noch nicht (lacht). Aber es wird sich schon ein Segelschiff finden, das mich wieder mit zurücknimmt.
Zur Person
Kathrin Henneberger, geboren 1987 in Köln, ist seit 2004 Mitglied der Grünen. Sie war Sprecherin der Grünen Jugend und von 2021 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestags. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in der Klimagerechtigkeitsbewegung.
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