Please login to bookmark Close

Work-Life-War-Balance: Franziska Brantner schildert ihre Eindrücke aus Kyjiw

Franziska Brantner ist Anfang Oktober für zwei Tage nach Kyjiw gereist, um mit Menschen in der ukrainischen Hauptstadt über ihre Situation vor Ort zu sprechen. Die gute Nachricht ist: Viele haben trotz des Horrors des andauernden russischen Angriffskriegs die Hoffnung nicht aufgegeben.

● Von

Lesezeit: 4 Minuten

Quelle: Philipp Töllner

Quelle: Philipp Töllner

Unermessliches menschliches Leid ist in Kyjiw allgegenwärtig. An diesem Wohnhaus hatte kurz zuvor ein 12-jähriges Mädchen durch einen Luftangriff der Russen ihr Leben verloren.

Als ich zusammen mit dem grünen Europaabgeordneten Sergej Lagodinsky den Zug nach Kyjiw bestiegen habe, war das wahrscheinlich wichtigste Reiseutensil schon auf unserem Handy installiert: eine App für den Luftalarm, der mittlerweile den Lebensrhythmus in der Ukraine bestimmt. Sobald die App Alarm schlägt, muss man in einen Schutzraum oder sich anderweitig – so gut es geht – in Sicherheit bringen.

Und die App schlug oft Alarm, weil die Attacken Russlands mit Drohnen und Raketen zu dem Zeitpunkt stark zugenommen hatten. Schon während der Hinfahrt gab es drei Warnmeldungen, in der Nacht nach unserer Ankunft in Kijiw mussten wir zweimal in den Schutzraum. An Schlaf war nicht zu denken. Es gibt für diesen Zustand sogar schon einen eigenen, sehr traurigen Begriff: die Work-Life-War-Balance. Eine Balance, die Ukrainer*innen auch nach mittlerweile zweieinhalb Jahren Krieg zu halten suchen.

Die Ziele dieser Attacken sind kurz vor Beginn des Winters zunehmend die Energieversorgung, die Menschen in den Städten und ihr Alltag. Jede Nacht kann die letzte sein.

Jeder Drohnenangriff kann bedeuten, dass man sein Zuhause verliert oder bald frieren muss. Der Angriffskrieg ist auch ein perfider Zermürbungskrieg – gerichtet gegen die Zivilbevölkerung. Putin setzt darauf, dass die Menschen einfach irgendwann nicht mehr können.

Wir haben in den zwei Tagen in Kijiw einen Eindruck davon gewinnen können, wie anstrengend und ermüdend das Leben im Krieg ist. Und wie stark der existenzielle Schrecken das Leben der Menschen beherrscht. An einem Wohnhaus im Stadtteil Solomjanka, wo wir auch waren, hatte kurz zuvor ein 12-jähriges Mädchen durch einen Luftangriff ihr Leben verloren. Die Mutter schwebte in Lebensgefahr und wusste zu dem Zeitpunkt noch gar nichts vom Tod ihrer Tochter.

Angesichts solch unermesslichen menschlichen Leids war es für mich überraschend und bewundernswert, wie viel Hoffnung und Durchhaltevermögen in den Gesprächen deutlich wurde, die wir in Kyjiw geführt haben. Wir haben viele Menschen getroffen, die trotz Krieg und Verlust mit einer unglaublichen Kraft und großem Mut jeden Tag begehen. Denn es gibt sie: die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf eine friedliche Ukraine in der Europäischen Union.

Die Abgeordnete des ukrainischen Parlaments und Vorsitzende der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe, Halyna Yanchenko, berichtete uns von ihrem größten Wunsch: dass ihre beiden eigenen und alle anderen geflüchteten oder gekidnappten Kinder endlich wieder nach Hause in die Ukraine kommen können. In einem Rehabilitationszentrum erzählte uns ein Veteran, der an der Front mehrere Gliedmaßen verloren hat, wie sehr er hofft, dass die großen Opfer der Ukrainer*innen nicht vergeblich waren. Sein größter Wunsch ist es, dass die Ukraine wiederaufgebaut wird und die nachfolgenden Generationen in Frieden leben können. Und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft erklärten uns, wie sie auch im Krieg an ihrer Vision arbeiten: Rechtsstaatlichkeit verteidigen, Korruption bekämpfen und Reformen voranbringen.

„Das schlimmste Szenario wäre, wenn wir allein wären“, sagte bei unserem Besuch im Rathaus der Kyjiwer Bürgermeister Vitali Klitschko.

Sie alle bauen dabei auf die Unterstützung Deutschlands und der Europäischen Union. „Das schlimmste Szenario wäre, wenn wir allein wären“, sagte bei unserem Besuch im Rathaus der Kyjiwer Bürgermeister Vitali Klitschko. Auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha, den wir direkt am Morgen nach unserer Ankunft getroffen haben, unterstrich die Bedeutung der Hilfen und warb um gemeinsame Anstrengungen, um dem russischen Drohnenprogramm etwas entgegenzusetzen.

Szenen einer Reise durch ein Land im Krieg: Viele Begegnungen waren trotz aller Schrecknisse getragen von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. (alle Bilder: Philipp Töllner)

Zumindest unserer Unterstützung können sich Ukrainer gewiss sein. Wir Grüne fordern unablässig, dass die Bundesregierung ihr Möglichstes tut, um der Ukraine zu helfen. Ich habe der Reform der Schuldenbremse auch deshalb zugestimmt, damit dafür ihr finanzieller Handlungsspielraum erweitert wird. Momentan wird aus meiner Sicht aber noch nicht einmal das Nötige getan. Während Verteidigungsminister Boris Pistorius einen Bedarf von 15,8 Milliarden Euro im Jahr 2026 für die Ukraine-Unterstützung angemeldet hat, sind im Haushalt sind jetzt nicht einmal mehr zehn Milliarden vorgesehen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum an diesem – auch für unsere eigene Sicherheit – wichtigen Posten der Rotstift gezückt wird. Und auch nicht, warum die von der EU eingefrorenen russischen Vermögen nicht endlich für die Unterstützung und den Wiederaufbau der Ukraine nutzbar gemacht werden.

Der Mut der Ukrainer*innen verpflichtet uns: Wir müssen die Ukraine mit allem unterstützen, was sie zur Verteidigung ihrer und unserer Freiheit braucht. Was diese Freiheit für einen persönlich bedeutet, das ist mir auf der emotionalen Ebene bewusst geworden, als ich nach der 24-stündigen Fahrt in einem verdunkelten Zug durch ein Land im Krieg wieder am Berliner Hauptbahnhof ausgestiegen bin.

Das könnte dich auch interessieren …

Please login to bookmark Close

Gamen für Gerechtigkeit

In „The darkest files“ müssen Naziverbrecher vor Gericht gebracht werden.

● Von

Please login to bookmark Close

Brücken bauen in der WG

Kein Ich ohne Wir: Der Philosoph Jan Skudlarek macht sich Gedanken über den Zusammenhang von individueller Freiheit und Gemeinwohl.

● Von

Please login to bookmark Close

Wir machen uns erpressbar

Eine „Milliarden-Lobby“ will uns zum Schaden des Landes weiter von Öl und Gas abhängig machen, sagt Correctiv-Autorin Annika Joeres. Was können die Grünen tun, um Klimaschutz wieder zum Gewinnerthema zu machen? Ein Gespräch.

● Von

Nach oben scrollen