Oh Mann!
Dieser Move sorgte für Aufsehen: Felix Banaszak ging in die Höhle des Löwen. Also zum „Playboy“. Er gab dem Magazin ein Interview über Männlichkeit. Die Botschaft, die er für die männliche Leserschaft im Gepäck hatte: „Lebe, wie du möchtest, nur sei kein Arschloch.“ Wir wollten mehr wissen – und haben mit Felix gesprochen. Über sein Verständnis von moderner Männlichkeit und wie es entstanden ist. Und darüber, was die Grünen tun können, um mehr Männer für progressive Politik zu gewinnen.
- Johannes Patzig
Lesezeit: 5 Minuten
Quelle: Elias Keilhauer
Du bist der erste grüne Parteivorsitzende, der Männlichkeit so explizit zum Thema macht. Warum?
Viele Krisen, mit denen wir heute konfrontiert sind, sind auch auf eine Krise der Männlichkeit zurückzuführen. Es ist ein bestimmter Männertypus, der gerade überall auf der Welt Gesellschaften ins Autoritäre führen will. Das ist ein aktives Aufbegehren gegen die Erfolge des Feminismus und gegen den gesellschaftlichen Wandel. Dem müssen wir uns stellen.
Neulich hast du im Bundestag die Energiepolitik der Bundesregierung kritisiert. Du sagtest, sie entspringe offenbar „fossilen feuchten Träumen“, in denen „das Öl spritzt, als gäb’s kein Morgen“. Wir kommen nicht umhin, da eine gewisse Metaphorik zu bemerken …
(lacht) Die darf man ruhig bemerken. Der Versuch eines Rollbacks beim Klimaschutz ist eben auch männlich besetzt. Der Journalist Christian Stöcker spricht in diesem Zusammenhang nicht zu Unrecht von „Männern, die die Welt verbrennen“. Es ist ein letztes Aufbäumen des fossilen Patriarchats, das seine Macht erhalten will. Gerade reiche Männer stellen sich gegen die Klimabewegung, die überwiegend von jungen Frauen geprägt ist. Dahinter steckt oft ein archaisches Männlichkeitsverständnis: das Recht zu haben, sich die Erde – und ihre Bewohnerinnen und Bewohner – untertan zu machen und sie auszubeuten, frei nach dem Trump-Motto „Drill, Baby, Drill“. Und sich dabei von Frauen nichts sagen lassen zu müssen.
Wir müssen uns fragen: Bieten wir ein anderes Bild von Männlichkeit an? Eines, das nicht auf Dominanz und Unterwerfung aufbaut, sondern auf Selbstwert, Respekt und Gleichberechtigung?
In westlichen Demokratien, auch in Deutschland, klafft ein immer größer werdender „Political Gender Gap“. Frauen wählen eher progressive Parteien wie die Grünen, während Männer häufiger rechts wählen …
… und wenn wir nicht wollen, dass immer mehr junge Männer den patriarchalen Verheißungen von Rechtsextremen folgen, müssen wir die Frage stellen: Bieten wir denn ein anderes Bild von Männlichkeit an? Eines, das nicht auf Dominanz und Unterwerfung aufbaut, sondern auf Selbstwert, Respekt und Gleichberechtigung? Diese Frage treibt mich um.
Du kommst aus der Stahlstadt Duisburg. Welchen Männerbildern bist du denn dort als Heranwachsender begegnet?
Meine Jugend war in diesem Sinne ungewöhnlich. Ab meinem vierten Lebensjahr bin ich bei meinem Vater aufgewachsen – er war alleinerziehend. So bin ich früh damit konfrontiert worden, dass Waschen, Bügeln, Kochen und Kindererziehung für Männer zumutbare Tätigkeiten sind. Ich habe erst relativ spät gemerkt, dass nicht alle das so sehen.
Also eine Kindheit ohne klassisch-patriarchale Einflüsse?
So würde ich es nicht sagen, denn prägend sind ja neben dem Elternhaus auch Schule, Umfeld und Medien – und da gab es in Duisburg, wie überall sonst, jede Menge Patriarchat. Ich habe meine Jugend an vielen Stellen als einengend empfunden, auch weil ich irgendwann festgestellt habe, dass ich mich nicht nur für Frauen interessiere. Und es gab wenig Orte, wo das selbstverständlich akzeptiert worden wäre. Erst im Studium in Berlin und in der Grünen Jugend habe ich das unterstützende, akzeptierende Umfeld gefunden, das mir das Selbstvertrauen gegeben hat, der zu sein, der ich bin – und offen als bisexueller Mann zu leben.
Glaubst du, dass viele Jungen und junge Männer eine solche Enge erleben?
Viele junge Männer leiden unter stereotypen Rollenbildern, weil sie in irgendeiner Form nicht hineinpassen. Und sei es nur, weil sie ein paar Zentimeter kleiner sind als der Durchschnitt. Und das setzt sie unter Druck. Dieser Druck kann sich bei manchen in Unzufriedenheit, Wut oder sogar Gewalt entladen, und so wird aus dem Problem der Männer dann doch wieder eins der Frauen. Das ist auch Teil der Erklärung, warum etwa Incel-Netzwerke entstehen.
Spätestens, wenn es im Erwachsenenleben um Macht, Geld und Einfluss geht, sind Männer immer noch keineswegs benachteiligt – im Gegenteil.
Tatsächlich wird derzeit viel über eine Jungen-Krise gesprochen. Jungs haben schlechtere Noten als Mädchen, verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss und sind öfter verhaltensauffällig.
Darüber müssen wir reden, ja. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen: Spätestens, wenn es im Erwachsenenleben um Macht, Geld und Einfluss geht, sind Männer immer noch keineswegs benachteiligt – im Gegenteil. Die Frauenquote im Bundestag nimmt ab, der Gender Pay Gap verringert sich viel zu langsam. Gleichzeitig nimmt Gewalt gegen Frauen zu. Was Collien Fernandes angetan wurde, ist abscheulich, und leider ist es an der Tagesordnung. Physische und digitale Gewalt von Männern sind eine Realität, der die meisten Frauen ausgesetzt sind. Wir sollten nicht in den Abwehrreflex verfallen, Männer als Opfer zu stilisieren.
Genau das machen die Rechten. Sie gehen auf Stimmenfang, indem sie gerade unsichere Männer auf der Suche nach ihrer Identität umgarnen und sie als Opfer einer „woken“ Gesellschaft darstellen. Maximilian Krah von der AFD gab auf Social Media Dating-Tipps nach dem Motto: Echte Männer sind hart, echte Männer sind rechts. Sei du auch rechts, dann kriegst du auch eine Freundin.
Als das Video veröffentlicht wurde, haben viele bei uns darüber gelacht. Aber das ist die falsche Reaktion. Denn die Botschaft ist zumindest auf den ersten Blick für viele Jungs attraktiv – weil solche altbekannten Rollenmuster in einer Zeit, in der sich Krisen überlagern, ein Stück vermeintliche Sicherheit, ein Stück Halt versprechen. Darauf haben wir progressiven Kräfte aus meiner Sicht bisher keine ausreichende Antwort gefunden.
Was wäre die richtige Reaktion?
Ich wünsche mir ein bisschen Selbstreflexion – das gilt auch für mich: Was haben wir denn im progressiven Spektrum in den letzten Jahren versäumt? Wir haben zu Recht benannt, dass Männer und stereotype Vorstellungen von Männlichkeit Teil des Problems sind. Aber haben wir genügend Räume geschaffen, dass Männer Teil der Lösung werden können? Und sind diese Räume offen und einladend genug, dass man damit auch Menschen jenseits der eigenen Milieus erreicht? Das ist nicht primär Aufgabe von Frauen, sondern von männlichen Allies, diese Brücken zu bauen.
Welche Botschaft kann man dem Stereotyp von Männlichkeit entgegensetzen?
Dass Männlichkeit unheimlich vielfältig sein kann. Progressive Männlichkeit bedeutet, nicht immer stark sein zu müssen, auch verletzlich sein zu dürfen. Progressive Männlichkeit bedeutet, frei zu sein von einengenden Rollenerwartungen. Wenn du dir als Mann gerne die Fingernägel lackierst, ist das völlig ok. Wenn du gerne Bier trinkst, zum Fußball gehst und dir ein Nackensteak auf den Grill legst, meinetwegen. Das ist keine toxische Männlichkeit, solange du die Selbstbestimmung von Frauen in allen Aspekten respektierst und unterstützt.
Quelle: Elias Keilhauer
Warum ist es dir wichtig, das zu betonen?
Weil ich glaube, dass viele Männer, die eben Bier, Fußball und Steak mögen, zuletzt das Gefühl hatten, dass sie in progressiven Kreisen nicht willkommen sind. Dass ihr Lebensentwurf vielleicht sogar pauschal verlacht oder abgelehnt wird. Und das verschärft gesellschaftliche Spaltung. Aber für mich geht es bei Gleichberechtigung nicht um Lebensstilfragen. Es geht um Respekt, Rücksichtnahme und Empowerment. Deshalb bin ich auch zum Playboy gegangen – um diese Botschaft an den Mann zu bringen.
Was bedeutet das konkret für die Grünen?
Zunächst einmal bin ich sehr froh, Vorsitzender einer feministischen Partei sein zu dürfen, in der die Macht zwischen den Geschlechtern aufgeteilt ist. Die Arbeit in Doppelspitzen ist ein Gewinn. Auch bei den Grünen haben sich die Frauen ihren Anteil an Macht und Einfluss erst erkämpfen müssen, denn auch bei uns gab und gibt es Macho-Kulturen. Die aktuell starke Präsenz von Frauen in grünen Führungspositionen – 62 Prozent Frauenanteil in der Bundestagsfraktion – führt erfreulicherweise dazu, dass sich viele Frauen mit uns identifizieren. Gleichzeitig müssen wir uns fragen: Bieten wir daneben auch ausreichend Role Models für feministische Männer an?
Und auf politischer Ebene?
… müssen wir dafür kämpfen, dass Strukturen geschaffen werden, die es ermöglichen, moderne Rollenbilder zu leben. Wir dürfen den Einzelnen nicht allein lassen mit dieser Aufgabe.
An welche Maßnahmen denkst du konkret?
Zum einen geht es darum, echte Gleichberechtigung in Partnerschaften zu fördern. Das Ehegattensplitting begünstigt noch immer das Modell des männlichen Alleinverdieners, das darf so nicht bleiben. Auch gibt es viel zu wenig Anreize, die Elternzeit paritätisch aufzuteilen. Darüber hinaus geht es um Programme, die konkret Jungen und Männer adressieren. Es gibt da sehr gute Beispiele, etwa „Vaterwelten“ – ein Projekt, das Männer ermutigt, ihr Vatersein bewusst und aktiv zu gestalten, sich Raum für die Familie im Beruf zu erkämpfen. Bei mir in Duisburg hat mich das Programm „HeRoes“ beeindruckt: Dort wurde mit jungen Männern unterschiedlicher Herkunft kultursensibel über Geschlechterrollen gesprochen. Tolle Ansätze von engagierten Menschen in der Zivilgesellschaft gibt es also. Aber ich erwarte, dass das Familienministerium dafür eine Gesamtstrategie erarbeitet. Und: Das Justizministerium muss endlich Reformen unseres Strafrechts auf den Weg bringen, damit eklatante Lücken beim Thema digitaler Gewalt gegen Frauen geschlossen und Vergehen, wie sie Collien Fernandes angetan wurden, auch wirksam geahndet werden können. Es ist höchste Zeit.
Gibt es etwas, dass du Männern abschließend mit auf den Weg geben möchtest?
Es hat etwas unglaublich Befreiendes, sich zu lösen von alten klischeehaften Rollenerwartungen! Ich habe noch gut in Erinnerung, welche Last mir als junger Mann von den Schultern fiel, als ich das Selbstvertrauen entwickelte, Aspekte von mir zu leben, die nicht dem Stereotyp entsprechen. Und als Vater und Politiker erlebe ich, wie wichtig es ist, mit Franziska in einer gleichberechtigten Doppelspitze zu sein. Es gibt uns beiden die Möglichkeit, uns die Aufgaben zu teilen und neben der politischen Arbeit auch eine echte Rolle im Leben unserer Töchter zu spielen. Das alles geht nur in einer Welt mit modernen Geschlechterrollen, in der Verantwortung auf mehreren Schultern liegt.
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