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Was vor Ort zählt: Zwei Bürgermeister*innen aus Bayern und Hessen zeigen, was grüne Politik für Klimaschutz und Demokratie bewirken kann.

Susanne Tausendfreund, Bürgermeisterin im bayerischen Pullach, hat die weitgehende Selbstversorgung ihrer Gemeinde mit Wärmeenergie aus dem Erdinneren auf den Weg gebracht. Lars Keitel drückt als Bürgermeister im hessischen Friedrichsdorf regelmäßig die Schulbank, um mit den Kindern über Politik zu sprechen.
● Von

Lesezeit: 2,5 Minuten

Quelle: Sonja Herpich

Voran gehen

mit Susanna Tausendfreund, Bürgermeisterin in Pullach, Bayern

Als Bürgermeisterin von Pullach, eine südlich von München gelegene Gemeinde im Isartal, muss sich Susanna Tausendfreund um vieles kümmern. Dass die Grüne trotzdem noch genug Zeit für die Pflege ihres „Dschungels“ findet, wie sie die stattliche Sammlung an Topfpflanzen in ihrem Büro nennt, ist Ehrensache. Und überhaupt mag Tausendfreund ihre Rolle als Gemeindeoberhaupt viel zu gerne, um sich über die Aufgabenfülle zu beschweren. „In diesem Amt kannst du wirklich was bewegen“, sagt sie. Und bewegt hat Susanna Tausendfreund so einiges. 



Wärme aus dem Erdinneren
Um über eines der wichtigsten Projekte in ihrer Kommune zu reden, überquert die Bürgermeisterin die Straße. Schräg gegenüber vom Rathaus sitzt die „Innovative Energie für Pullach GmbH“ (IEP). In einem schicken Büro mit großen Plänen an der Wand wird hier die Wärmewende schon seit Langem mit Riesenschritten vorangetrieben. Im Süden Bayerns, das hatten Geolog*innen schon länger herausgefunden, sind die Voraussetzungen optimal, um Wärme aus dem Erdinneren zu gewinnen. Dafür müsste man nur den riesigen Vorrat an heißem Wasser anzapfen, der in Pullach etwa 3.500 Meter tief unter der Erdoberfläche gespeichert ist. Zum Glück, sagt Tausendfreund, konnte der Gemeinderat damals davon überzeugt werden, die Erschließung der Geothermie in die eigenen kommunalen Hände zu nehmen. Heute werde mehr als die Hälfte des Ortsgebiets mit klimaneutral gewonnener Energie versorgt, beziehungsweise 60 Prozent des Wärmebedarfs gedeckt – unabhängig von Weltmarktpreisen. „In nicht allzu ferner Zukunft“, hofft die Bürgermeisterin, „wird ganz Pullach an das Fernwärmenetz angeschlossen werden können“.

Sauber, nachhaltig, profitabel
Ein sauberes, nachhaltiges und für die Gesellschaft in der Gemeinde profitables Geschäft. Entsprechend groß ist die Nachfrage der Bürger*innen und der Industrie nach der zukunfts- und krisensicheren sowie hocheffizienten grünen Energie. „Auf den Landkreis München umgerechnet, spart man durch die Nutzung der Geothermie die Leistung eines halben Atomkraftwerks“, sagt Helmut Mangold, Geschäftsführer der IEP. Um sich in Zukunft gegenseitig absichern zu können, strebt Pullach die Vernetzung mit umliegenden Geothermie-Netzen an und wird diesen Bodenschatz mit weiteren Bohrungen noch effektiver erschließen. Es gibt Expert*innen, die schätzen, dass die thermalwasserführende Gesteinsschicht im Süden Bayerns die Hälfte des Wärmebedarfs im kompletten Freistaat abdecken könne. Gute Nachrichten für das Stromentwicklungsland Bayern, finden Mangold und Tausendfreund. 


Zur Person

Susanna Tausendfreund, 62, ist erste Bürgermeisterin von Pullach und Kreisrätin. Zuvor arbeitete sie als Rechtsanwältin und war zwei Wahlperioden lang Mitglied des Bayerischen Landtags. In den Pullacher Gemeinderat war sie erstmals im Alter von 21 Jahren gewählt worden.

Quelle: privat

In die Schulen gehen

mit Lars Keitel, Bürgermeister in Friedrichsdorf

„Vier ganz unterschiedliche Stadtteile wurden durch die Gebietsreform 1972 zur Stadt Friedrichsdorf. Mitten im Ballungsraum Rhein Main und Dank des nahegelegenen Taunus bietet Friedrichsdorf eine tolle Wohnlage, und es gibt hier viele erfolgreiche mittelständische Unternehmen. Die Grünen sind mit knapp über 30 Prozent stärkste Kraft und stellen seit 28 Jahren den Bürgermeister. Vor vier Jahren gelang es mir, direkt gewählt zu werden und einem grünen Bürgermeister nachzufolgen – als erster hessenweit. Wir haben einiges bewirkt, aber es bleibt viel zu tun. In meiner Arbeit brauche ich gute Antennen. Vielleicht hilft mir mein früherer Beruf als Pianist und Dirigent viele unterschiedliche Stimmen und Meinungen zu einem Ganzen zu fügen. Überhaupt ist mir eine klare und offene Kommunikation extrem wichtig. Ich habe einen engen Draht zum Seniorenbeirat, der bei uns sehr aktiv ist. Man trifft mich aber auch öfter mal in unserer Gesamtschule an, die ich früher selbst besucht habe. Erst heute morgen habe ich mich mit Schüler*innen in unserer wundervollen neuen Stadtbücherei getroffen. Regelmäßig spreche ich mit Klassen, um zu erklären, wie hier im Rathaus Entscheidungen getroffen werden. Die Schüler*innen sollen spüren, dass sie sich in die Politik einmischen können. Und das scheint zu wirken: Wir haben momentan eine tolle Jugendvertretung in der Stadt, die sich sehr aktiv am politischen Prozess beteiligt.“

Zur Person

Lars Keitel, 55, war Pianist, Dirigent und grüner Stadtverordneter, ehe er 2021 zum Bürgermeister von Friedrichsdorf in Hessen gewählt wurde. 

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