Der Ball ist bunt
Links, basisdemokratisch, antifaschistisch: Der Internationale Fußball-Club Rostock positioniert sich als politischer Sportverein. Das gefällt in Mecklenburg-Vorpommern nicht jedem. Doch der IFC zeigt Haltung, sieht sich als Missionar der Vielfalt – und gewinnt auch dort Anerkennung, wo die AfD Kulturkämpfe führt.
- André Boße
Lesezeit: 5 Minuten
Quelle: Ina Gouveia/Adobe Stock
Wenn WM ist, wird viel Fußball gespielt. Und noch mehr über Fußball geredet. Über Trainer, Taktiken und Tore. Aber auch über das Verhältnis von Fußball und Politik. Während einerseits die Politik in Gestalt von Donald Trump unverfroren in den Fußball eingreift, fordern andererseits viele Fußball-Funktionäre (gendern eher nicht nötig) immer wieder: Fußballer*innen und ihre Vereine mögen sich bitte ausschließlich um den Sport kümmern – und sich aus der Politik raushalten.
Auch Martin Quade ist Fußball-Funktionär. Fragt man ihn, was er von dieser Forderung hält, sagt er: „Ich könnte kotzen!“ Das dürfe man gerne genauso zitieren. „Kein gesellschaftlicher Raum ist frei von Politik, auch nicht der Sport. Man kann nicht vor dem Gang auf den Platz seine politische Haltung in der Kabine lassen, das funktioniert nicht.“
„Kein gesellschaftlicher Raum ist frei von Politik, auch nicht der Sport. Man kann nicht vor dem Gang auf den Platz seine politische Haltung in der Kabine lassen, das funktioniert nicht.“ Martin Quade
Quelle: Martin Quade
Quade, 39 Jahre alt, ist Geschäftsführer des IFC Rostock, eines Sportvereins, der sich als links und basisdemokratisch definiert. Das I im Vereinsnamen steht für „International“, der Club hat in der Hansestadt Tradition. Aus der Taufe gehoben wird der IFC 1899 von Seeleuten aus Rostock, mit dem Ziel, Fußballern aus verschiedenen Ländern ein Zuhause zu geben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Verein von den Alliierten für aufgelöst erklärt, 70 Jahre später gründet er sich 2015 neu. Wieder mit dem Anspruch, für Vielfalt einzutreten. Und sich dabei klar politisch zu positionieren: für Inklusion und Integration, gegen Rassismus, Faschismus, Sexismus und Homophobie. Der Verein will einen diskriminierungsfreien Raum schaffen, in dem alle Menschen willkommen sind, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Nationalität, Glauben, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und sozialem Status. Und: Der IFC will auch abseits des Platzes für seine Werte eintreten.
Nach dem Neustart fokussiert sich der IFC zunächst auf Fußball. Nach und nach bilden sich Teams für FLINTA*, Kids, Spieler über 35. Bald kommen weitere Sportarten hinzu: Darts, Tischtennis, Volleyball, Basketball, Handball, Roller Derby, Kickboxen. Dazu kostenlose Angebote für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Vierteln. „Die Impulse, neue Sparten zu gründen, kommen immer von den Mitgliedern“, sagt Quade. Der Club hilft mit seinen Strukturen allen, die sich engagieren wollen – so definiert der IFC sein Vereinsleben.
Quelle: IFC Rostock
Und das kommt an: Fast 900 Mitglieder zählt der Verein heute. „Wir sind erfolgreich mit dem, was wir tun“, sagt Martin Quade. Wobei der IFC Erfolg anders definiert als der Proficlub aus der Stadt, der FC Hansa. „Klar, auch wir wollen gewinnen, schließlich sind wir Sportler“, sagt Martin Quade. Es gebe aber auch Erfolge, die nichts mit Punkten und Pokalen zu tun haben. Wenn es zum Beispiel gelingt, den IFC wirklich basisdemokratisch zu organisieren. Oder wenn der Verein für die Stadt wertvolle Kultur- und Sozialarbeit leistet. So sammelt der IFC Geld für die Bewohner*innen einer Notunterkunft für Geflüchtete oder für den Verein Medinetz e.V., der die medizinische Versorgung von Menschen ohne geklärten Aufenthaltsstatus gewährleistet.
Als Akteur in der Stadt arbeitet der IFC mit Rostocker Schulen zusammen, in den Kursen wird nicht nur die Freude an Sport und Bewegung vermittelt, sondern auch über gesellschaftliche Themen wie Fair Play oder Zusammenhalt gesprochen. Das kostenlose Sommerangebot „Sport am Strand“ richtet der IFC auch an Kinder und Jugendliche, die aus sozial benachteiligten Familien stammen und sich keine Urlaube leisten können. Übrigens lassen sich auch mit solchen Aktionen Titel holen: 2025 wird der IFC mit dem Sozialpreis der Stadt Rostock ausgezeichnet.
Zeit, mit einer „Kicker-Legende“ zu sprechen. Als solche wird Louisa Reis, 27, vom Fachschaftsrat ihrer Hochschule vorgestellt. Die angehende Gymnasiallehrerin ist seit 2022 Mitglied beim IFC, kommt ursprünglich aus Hamburg, hat dort in einigen Fußballvereinen gespielt, Position: zentrales, offensives Mittelfeld, viel Zug zum Tor. Wie Aitana Bonmatí vom FC Barcelona. Als Louisa Reis nach Rostock zieht, sucht sie bewusst nach einem Verein, der „demokratische Strukturen wirklich lebt“. Oft bleibe es nämlich bei Lippenbekenntnissen und, wie hat es die BVB-Fußball-Ikone Adi Preißler in den 50er-Jahren so schön formuliert, „Grau is’ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is’ auf’m Platz.“
Quelle: IFC Rostock
„Der IFC legt viel Wert darauf, uns Mitglieder*innen sprechfähig zu machen – und dafür zu sorgen, dass wir jederzeit unsere Meinung einbringen können.“ Louisa Reis
Louisa Reis ist beim IFC im FLINTA-Team aktiv, das in einer eigenen FLINTA-Liga antritt. „Unsere Trainerin ist offen dafür, dass wir uns als Spielerinnen daran beteiligen, das Training zu gestalten oder passende Taktiken oder Aufstellungen zu finden“, sagt Louisa Reis. Diese Kultur der Teilhabe prägt für sie den gesamten Verein: „Der IFC legt viel Wert darauf, uns Mitglieder*innen sprechfähig zu machen – und dafür Sorge zu tragen, dass wir zu jeder Zeit unsere Meinungen einbringen können.“
Konkret funktioniert das über die Teamräte, besetzt mit zwei, drei Akteur*innen aus jedem Team. Aufgabe dieser Delegierten ist es, die Meinungen der jeweiligen Gruppen in den Verein zu tragen. Dies geschieht beim Vereinsplenum, „neben dem Vorstand und der Mitgliederversammlung ein drittes Organ bei uns, über das die allermeisten Vereine nicht verfügen“, sagt Martin Quade. Das Plenum treffe alle relevanten Entscheidungen, zu Finanzen und Investitionen, zu Schutzkonzepten für den Kinder- und Jugendsport, „und auch zur Frage, wie wir uns als Verein in der Öffentlichkeit positionieren wollen.“ So wurde im Plenum auch darüber gesprochen, ob der IFC die Einladung annehmen soll, beim Ostkongress der Grünen Ende Juni in Sassnitz per Videobotschaft teilzunehmen. Das Gremium stimmte zu. „Weil wir glauben, dass es wichtig ist, sich nicht nur zu positionieren, sondern auch wahrnehmbar zu sein, gerade im aktuellen politischen Klima“, so Quade.
Und damit zum Blauen Elefanten im Raum. Bei den Umfragen für Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD derzeit bei rund 35 Prozent, sie wäre damit bei der Landtagswahl im September stärkste Kraft. In dieser Region als linker, antifaschistischer Verein unterwegs zu sein – wie ätzend ist das? Martin Quade differenziert: „Rostock selbst ist kein AfD-Gebiet. Wir haben eine Bürgermeisterin der Linken, fast alle Stadtteile haben links gewählt.“ Im Ligabetrieb geht’s aber auch raus aufs Land. Nach Lalendorf zum Beispiel, wo die AfD bei der vergangenen Bundestagswahl 50,2 Prozent der Stimmen erhalten hat. Ja, sagt Martin Quade, es habe Auswärtsspiele gegeben, „in denen Brisanz lag, wo es auch zu Handgreiflichkeiten kam, das will ich nicht unter den Teppich kehren“. Der IFC-Geschäftsführer betont aber auch, die Lage spitze sich aktuell nicht zu: „Mein Eindruck ist eher, dass wir als Missionar*innen für Offenheit auch mit Leuten aus dem rechten Spektrum ins Gespräch kommen. Und bei ihnen Überzeugungsarbeit leisten, dass nicht alle progressiven Ideen prinzipiell doof sind.“
„Wenn wir mit Menschen aus dem rechten Spektrum reden, können wir ihnen zeigen, dass nicht alle progressiven Ideen prinzipiell doof sind.“ Martin Quade
Louisa Reis bestätigt das, spricht von einer „Wertschätzung“, die der IFC dafür erfährt, dass er seine Positionen mit Leben füllt. Klar, es komme auch mal zu blöden Sprüchen und Pöbeleien. Doch gerade dann spielt der IFC seine Stärke abseits des Platzes aus. „Wir reflektieren intern: Hat sich jemand im Team unwohl gefühlt, haben wir als Gruppe richtig reagiert?“, sagt die Spielerin. Gelingt diese Reflexion, führt das zu einem nachhaltigen Sieg, losgelöst vom sportlichen Ergebnis.
Also besser ein stressfreies 0:5 als ein 4:2 mit Stress? „Na ja“, sagt Louisa Reis, „wir haben in der ersten Zeit viel verloren, und das mag ich gar nicht“. Also hat sie ihren Frust über die Niederlagen zum Thema gemacht. Das Team fand einen Weg, den Leistungsgedanken zu stärken, ohne Spielerinnen auszugrenzen. Dies gelang zum Beispiel durch die Aufteilung in kleinere Gruppen mit verschiedenen Leistungsansprüchen – oder auch dadurch, dass ambitionierte Spielerinnen Übungen initiierten. Mit dem Ziel, dass alle einen Schritt nach vorne machen. „Das geht, denn Leistung und Integration sind kein Widerspruch“, sagt Louisa Reis.
Ihr persönliches Ziel für die kommende Saison: Ein Tor pro Spiel, mindestens. Ebenso wichtig: Haltung bewahren, Position beziehen, Spaß haben. In dieser Hinsicht habe sie die WM inspiriert, trotz allem: „Zu erleben, wie kleine Nationen wie Kap Verde hinter ihrer Mannschaft standen – das macht Spaß.“ Da geht’s um Zusammenhalt. „Und der“, sagt Louisa Reis, „ist natürlich auch politisch.“
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