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„Nichts und niemand ist eine Insel“

Klimawandel, fossile Energien, der rechtsextreme Rollback und männliche Egos: Die amerikanische Wissenschaftlerin und Feministin Cara New Daggett erklärt durch ihr Konzept der „Petromaskulinität“, wie das alles zusammenhängt. Ein Gespräch über Energie, Emotion und warum das Ende der Welt, wie wir sie kennen, kein Verlust sein muss.

● Von

Lesezeit: 5 Minuten

Quelle: Bastian Thiery

Die Ökofeministin Cara New Daggett untersucht die großen Zusammenhänge zwischen Patriarchat, dem Beharren auf der Nutzung fossiler Energien und dem Aufstieg rechtsautoritärer Bewegungen.

Wenn man Ihren Essay über Petromaskulinität liest, erscheint – ob man will oder nicht – sofort Donald Trump vor dem inneren Auge. Hat er Sie zu diesem Konzept inspiriert?

Tatsächlich habe ich den Essay im Nachgang zur ersten Wahl von Donald Trump geschrieben. Und ja, Donald Trump mit seiner „Drill, baby, drill“-Attitüde ist eine der Gallionsfiguren, wenn es um die Verbindung einer patriarchal geprägten Geschlechterordnung mit dem ausbeuterischen System fossiler Energiegewinnung geht. Doch Petromaskulinität geht, so wie ich sie verstehe, weit über Einzelpersonen und politische Bewegungen hinaus – und ist auch keine Spezialität der Rechten. Politiker wie Trump und seine Make-America-Great-Again-Unterstützer machen durch ihren Extremismus diese Verbindungen nur für jeden sichtbar.

Ihr Begriff von Petromaskulinität ist sehr vielschichtig. Es geht um Kolonialismus, Kapitalismus, um Geschlechterordnung, um Klimawandel und um das, was Sie autoritäres Begehren nennen. Können Sie das kurz erklären?

Der Begriff bezieht sich auf den Zusammenhang zwischen einer Geschlechterordnung, die Frauen beherrscht und ausbeutet und einem polit-ökonomischen System, das die Natur beherrscht und ausbeutet – insbesondere auch durch den Abbau und die Verbrennung fossiler Energien. Das System lebt von der Entwertung weiblicher Arbeitsleistung, profitiert von Kolonialismus und autoritärer Herrschaft und nutzt unseren Planeten als Rohstofflieferanten. Dass in rechtsautoritären Bewegungen wie MAGA die Leugnung des Klimawandels, das Beharren auf fossile Energiegewinnung, Rassismus und Frauenfeindlichkeit Hand in Hand gehen, ist kein Zufall, sondern reflektiert die tiefliegenden petromaskulinen Machtstrukturen westlicher Gesellschaften.

Das heißt, der Zusammenhang liegt in unserer Geschichte und Kultur begründet?

Für meine Arbeit beschäftige ich mich intensiv mit Geschichte. Die Wurzeln unserer westlich geprägten Petrodemokratien liegen im Imperialismus, in der Industrialisierung und in der modernen Wissenschaftsphilosophie, die die Natur als Objekt betrachtet. Ein Objekt, das außerhalb menschlichen Lebens existiert. Ein Objekt, das man studieren, sich zu Nutze machen und für sich arbeiten lassen kann. Diese Einstellung steht im direkten Zusammenhang mit einer Form von Hypermaskulinität, die von rechtsextremen Bewegungen angesprochen wird und offenbar große Anziehungskraft auf weiße Männer ausübt. 
Auch das hat historische Gründe. Seit der industriellen Revolution wurden Männer im westlichen Teil der Welt so sozialisiert, dass sie ihr Selbstverständnis und ihre Wertschätzung daraus ziehen, ihre Familien durch Lohnarbeit zu ernähren und daheim dem Haushalt vorzustehen. Doch dieses Ideal eines fossil befeuerten Wohlstands mit großem Auto, Haus im Vorort und unbegrenztem Konsum ist mit dem Niedergang industrieller Strukturen, den Auswüchsen des Kapitalismus und angesichts des Klimawandels nur noch schwer möglich.

Quelle: Malika Sag/Unsplash

Die Spitze der demokratischen Partei in den USA glaubt, sie habe die Präsidentenwahl 2024 wegen identitätspolitischer Zugeständnisse verloren – und zieht daraus einen falschen Schluss.  

„Die politischen Ereignisse in den USA sind eine Reaktion auf die Verwerfungen des Kapitalismus und auf ein System, das in Auflösung begriffen ist.“

Und jetzt kommt alles aufs Tapet.

Krisenzeiten sind Hochzeiten für reaktionäre Bewegungen. Das können wir in den USA gerade live erleben. Die politischen Ereignisse dort sind eine Reaktion auf die Verwerfungen des Kapitalismus und auf ein System, das in Auflösung begriffen ist. Der Aufstieg von MAGA und ähnlicher politischer Bewegungen ist auch eine Reaktion auf die Klimabewegung und den wachsenden Einfluss von anti-rassistischen, feministischen und queeren Anliegen. Diese gegenläufigen Bewegungen müssen in Zusammenhang gebracht werden. Denn der Kapitalismus beruht eben auf der Ausbeutung von Natur, Frauen und Kolonialismus. Rechtsextreme verstehen das intuitiv.

Hat progressive Politik die Macht politpsychologischer Faktoren wie Männlichkeitsideale und Arbeiterkultur unterschätzt?

Für die Klimawissenschaft und Mainstream-Umweltpolitik trifft diese Aussage sicherlich zu. Die Bedrohung durch den Klimawandel wird ja stark rationalisiert und anhand wissenschaftlicher Modelle verdeutlicht. Es wurde wie selbstverständlich angenommen, dass sich die Menschen, sobald sie das Problem verstanden haben, auch entsprechend verhalten würden. Eine Fehlannahme. Wie die Bedrohung durch den Klimawandel wahrgenommen wird, hängt stark vom alltäglichen soziokulturellen Umfeld und den beliebten Erzählungen zu technologischem Wandel, Nationalgeschichte oder auch der Leistungsgesellschaft ab. Sie beeinflussen, wie Menschen eine Flut oder eine Hitzewelle einordnen – und wen oder was sie dafür verantwortlich machen. Ursprüngliche, naturverbundende oder ökofeministische Sichtweisen auf die Umweltzerstörung, die Gefühle und Beziehungsgeflechte in Gemeinschaften einbeziehen, werden hingegen kaum beachtet.

Die Umstellung auf erneuerbare Energien wurde in den USA genauso wie hier in Deutschland als wichtiger Wirtschaftszweig und Jobmotor verkauft. Warum verfangen diese Argumente nur schwerlich?

Mich überrascht das nicht, weil diese im Grunde wachstumsfreundlichen Fakten und Zahlen das Ausmaß der Verluste der Menschen durch den Petrokapitalismus nicht wirklich adressieren. Es geht um Emotionen, die aber nicht zwangsläufig das Gegenteil von Vernunft sein müssen. Ein wissenschaftlicher Bericht voller Diagramme und Statistiken vermittelt auch Gefühle – von Kontrolle und Vertrauen zum Beispiel. Aber diese Gefühle widersprechen den aktuellen Lebenserfahrungen gerade auch der Arbeiterklasse. Deshalb bedient sich das fossile Patriarchat bewusst der Sentimentalität: die heteronormative Familie, Eheleben und liebende Mütter sollen in der jetzigen Krise Sicherheit und Stabilität vermitteln. Wenn Umweltbewegungen Erfolg haben wollen, müssen sie nicht auf mehr Emotion setzen, sondern klar analysieren, wo und wie Emotion wirken und längst eingesetzt werden. Auch im eigenen Lager. Das jetzt im Zuge des Irankriegs häufig vorgebrachte Argument, eine Abkehr von fossilen Energien befördere die Energieunabhängigkeit, ist natürlich nicht falsch. Ich halte es dennoch für eine Fantasie. Auch grüne Energien aus Wind und Sonne werden uns nicht unabhängig machen. Kein Land und kein Mensch ist eine Insel. Alles hängt mit allem zusammen. Für mich als Feministin ist Abhängigkeit eine Tatsache menschlichen Zusammenlebens.

Quelle: documerica/Unsplash

Die USA sind ein klassischer Petrostaat, in dem die Förderung fossiler Energien, nationale Stärke und ein dominantes Männlichkeitsideal eine unheilige Allianz bilden. Aber auch in Deutschland hängt der nationale Wohlstand am Energieausbau.

„Auch grüne Energien aus Wind und Sonne werden uns nicht unabhängig machen. Kein Land und kein Mensch ist eine Insel.“

Wie meinen Sie das?

Wir können nur in Abhängigkeit von anderen Wesen, Menschen und Kräften existieren. Zu den großen Versprechen technologischer Innovationen gehört die Unabhängigkeit von anderen Menschen und unserer Umwelt. Aber Technologie hebt Abhängigkeiten nicht auf, sie verschleiert sie lediglich. Meiner Meinung nach sollten wir darüber nachdenken, wie wir unsere naturgegebenen wechselseitigen Abhängigkeiten besser gestalten können. Wir brauchen einen anderen Lebensstil, der das Wohlergehen von Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellt.

Wie realistisch ist so eine Veränderung des Lebensstils angesichts der tiefen Verwurzelung des von Ihnen beschriebenen Systems?

Ich beziehe mich jetzt hauptsächlich auf die USA, wo ich herkomme. Dort leiden inzwischen die meisten Menschen unter den Umständen. Sogar privilegierte Menschen spüren, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann. Doch die – aus meiner Sicht unumgängliche – Änderung des energieintensiven Lebensstils wird mit Verlust gleichgesetzt oder geht mit dem schlechten Gefühl einher, sich als Teil des Systems andauernd schuldig zu machen. Das machen sich die reaktionären und rechtsextremen Bewegungen zunutze. Sie sagen: „Die wollen euch den amerikanischen Way of Life verbieten. Aber alles geht so weiter wie bisher.“ Was gerade in den USA passiert, lässt mich oft verzweifeln. Aber es gibt auch zarte Pflänzchen der Hoffnung. Zum Beispiel finden Ideen auf kommunaler Ebene oder für mehr Ökologie relativ hohen Anklang. Deshalb wäre es wichtig, dass Bewegungen für Klimagerechtigkeit und für soziale Gerechtigkeit tragfähige Allianzen schmieden.

Daran arbeiten zum Beispiel auch in die Grünen in Deutschland. Inwiefern unterscheiden sich die USA und Deutschland in dieser Hinsicht?

Die USA sind ein klassischer Petrostaat, in dem die Förderung fossiler Energien direkt mit nationaler Stärke und maskuliner Identität in Verbindung steht. Die unbegrenzte Verfügbarkeit fossiler Energien ist synonym mit Expansion und Wachstum. In Deutschland sind diese Zusammenhänge nicht so offensichtlich – trotz der Bedeutung des Kohlebergbaus oder auch der Autoindustrie. Aber auch hier hängt der nationale Wohlstand, der sich am Bruttosozialprodukt bemisst, vom Energieausbau ab. Das muss man hinterfragen. Aber durch sein sozialdemokratisch geprägtes Staatswesen und die gute öffentliche Infrastruktur hat Deutschland zumindest schon mal eine institutionelle Basis, um mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen.

Das mit der guten öffentlichen Infrastruktur sehen viele Menschen hier anders …

Das ist mir auch aufgefallen. Als Amerikanerin bin ich immer noch total begeistert, dass ich in einer Stadt wie Berlin kein Auto brauche. Nachdem ich hierhergezogen bin, habe ich allen andauernd erzählt, wie toll es ist, dass man überall hin mit dem Zug hinkommt. In den USA ist die öffentliche Infrastruktur völlig unterfinanziert. Umso gefährlicher ist es, dass die neoliberale Sparpolitik jetzt auch in Deutschland Fuß fasst. Was passiert, wenn man nicht in öffentliche Güter investiert, sehen wir in den USA. Meine zugegeben verklärte Wahrnehmung der Bahn ist eben meiner persönlichen Erfahrung geschuldet.

Wahrnehmungen zu ändern, gilt in der Psychologie als besonders langwieriges Unterfangen. Ich habe gelesen, dass Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien in den USA jetzt PR-Filme drehen, in denen Muskelmänner auf Windräder klettern. Was halten Sie davon, dass erneuerbare Energien auf diese Weise männlicher und damit erstrebenswerter dargestellt werden sollen?

Wirklich, das gibt’s? Das halte ich für problematisch. Es geht ja nicht um männliche oder weibliche Identität an sich, sondern um ein autoritäres patriarchales System der Ausbeutung, das durch solche Zuschreibungen aufrechterhalten wird. Abgesehen davon sind auch E-Technologien und ihre Produkte schon ziemlich vermännlicht. Man denke nur daran, wie bei der Vorstellung des E-Cybertrucks von Tesla seinerzeit ein Mann in schweren Boots und eng anliegendem T-Shirt die angeblich angriffssichere Scheibe einschlagen sollte. Das ist ihm dann absurderweise sogar gelungen. Dass sich Elon Musk später mit Trump zusammengetan hat, zeigt mir, dass diese Art von Männlichkeitsideal und Autoritarismus zwei Seiten einer Medaille sind.

Quelle: hoch3fotografie/Unsplash

Investitionen in öffentliche Infrastruktur und Güter sind staatliche Präventionsmaßnahmen gegen Autoritarismus und rechtsextreme Bewegungen.

„Deutschland hat mit seinem Sozialstaat und einer starken Infrastruktur gute Voraussetzungen für mehr soziale Gerechtigkeit.“

Apropos Musk. Wie spielt eigentlich Künstliche Intelligenz in Ihr Konzept von Petromaskulinität? Schließlich wird der gesamte Bereich von sehr machthungrigen weißen Männern vorangetrieben, die sehr energiehungrige Rechenzentren benötigen.

Ich finde das alles sehr deprimierend. KI ist für mich die nächste Stufe des Extraktivismus, also dem Wirtschaftsmodell, das auf dem ungerecht organisierten Abbau und Export von natürlichen Ressourcen basiert. Aber die breite Öffentlichkeit scheint zumindest den Rechenzentren sehr skeptisch gegenüberzustehen. Das wäre auf jeden Fall ein Anknüpfungspunkt für Umweltbewegungen und grüne Parteien.

Was würden Sie progressiven und grünen Bewegungen in der momentanen Situation raten?

Das ist jetzt vielleicht ein bisschen provokativ, aber ich möchte vor einer technologisch und wissenschaftlich begründeten Umweltpolitik warnen, die einer kapitalistischen Logik folgt. Die Natur ist kein Problem, das sich mit Technologie lösen lässt. Linke und progressive Politiker*innen müssten radikalere Lösungen anbieten, die antirassistische, antikolonialistische und ökofeministische Vorstellungen von Wohlergehen und Fürsorge einbeziehen. Ich glaube, dass die Bereitschaft für einen grundlegenden Wandel grundsätzlich da ist. Viele MAGA-Anhänger haben Trump gewählt, weil sie erklärtermaßen alles niederbrennen wollen. Das ist destruktiv, drückt aber auch eine tiefe Sehnsucht nach echtem Wandel aus. Das Verlangen nach Wandel haben sie mit Ökofeminist*innen gemeinsam. Die Parteispitze der Demokraten in den USA glaubt immer noch, dass sie die Wahl wegen identitätspolitischer Zugeständnisse, beispielsweise an die queere Community, verloren hat und deshalb konservativer werden muss. Diese Anpassungstendenzen sehe ich auch in Deutschland. Für mich ist dieser Schluss jedoch ein Fehler. Wir sollten lieber ehrlich darüber sprechen, wie sich unser aller Leben verbessern kann, wenn wir uns von der Wachstumsdoktrin abwenden und alle weniger Energie verbrauchen.

Zur Person

Cara New Daggett war ziemlich überrascht, dass der 2018 von ihr geprägte Begriff der „Petromaskulinität” so eine Durchschlagskraft entwickelt hat. Die politische Philosophin und Ökofeministin forscht zur Geschichte der Energie- und Umweltpolitik. Momentan arbeitet sie am Zentrum Futures of Sustainability der Universität Hamburg, davor war sie als Fellow am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit in Potsdam tätig. Bevor sie nach Deutschland zog, lehrte sie an der Virginia Tech feministische Umweltpolitik. Im kommenden Jahr erscheint ihr Buch „Petromaskulinität“, in dem sie das Konzept noch breiter fasst und erläutert, wie diese Allianz aus Männlichkeitsidealen und der Nutzung fossiler Energien unseren Umgang mit ökologischen Herausforderungen prägt.

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