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Aufdecken, was nicht vergessen werden darf

Die Exil-Iranerin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin Mina Khani hat Familie im Iran, von der sie nicht weiß, ob sie noch lebt, wo sie sich aufhält. Für die Organisation Hengaw versucht sie, die Gräueltaten des Regimes zu dokumentieren, was kaum noch möglich ist, weil seit Kriegsbeginn das Internet abgeschaltet ist. Diese Situation zehrt auch an ihren Nerven. Also nimmt sie sich vor, im Interview absolut ehrlich zu sein. Ihre Forderung: Europa müsse über die Menschen im Iran und das Land neu denken.

● Von

Lesezeit: 5 Minuten

Quelle: Monika Fischer und Mathias Braschler

Frau Khani, Sie haben Familie im Iran. Seit Kriegsbeginn ist das Internet abgestellt. Ist es Ihnen aktuell möglich, Kontakt aufzunehmen?

Nein. Meine Mutter und mein Bruder erreichen mich nicht, ich erreiche sie nicht. Null. Seit den ersten Bomben und Raketen hatte ich keinen Kontakt mehr mit ihnen. Ich weiß nicht, ob sie noch leben. Ich weiß auch nicht, wo sie sind. Die Internetsperre des Regimes lässt sich zwar mit Starlink oder anderen Satellitensystemen überwinden, aber auch das funktioniert aktuell nicht gut. Während des Zwölftagekrieges zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 war das noch anders, da war das Internet nicht komplett weg. Jetzt liegt der Iran im Dunklen.

Wie fühlt sich das für Sie als Iranerin im Exil an?

Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, aber es ist in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder vorgekommen. Das erste Mal 2019 nach den von Benzinpreiserhöhungen ausgelösten Unruhen. Dass das Internet plötzlich nicht mehr funktionierte, war ein Schock. Bei mir stellte sich schnell eine große Leere ein. Meine Gefühle waren vergleichbar mit denen der Iranerinnen und Iraner, die in den Achtzigerjahren ins Exil gegangen waren. Damals funktionierte der Austausch ja nur über Briefe, und Nachrichten gab’s nur übers Radio.

Welche Auswirkungen hat das abgeschaltete Internet für die Zivilbevölkerung im Iran?

Es herrscht Krieg im Iran, und der Bevölkerung wird durch die eigene Regierung in dieser Situation die Möglichkeit genommen, miteinander zu kommunizieren, sich zu organisieren oder sich zu vergewissern, dass es den anderen gut geht. Das ist Terror des Regimes an der eigenen Bevölkerung und ein krasser Angriff auf die Psyche der Menschen. Stellen Sie sich vor, wie es uns im friedlichen Deutschland gehen würde, wenn für Tage das Internet weg wäre. Was plötzlich alles nicht mehr funktionieren und wie sich das anfühlen würde!

„Das ist Terror des Regimes an der eigenen Bevölkerung und ein krasser Angriff auf die Psyche der Menschen.“

Sie sind für die unabhängige Organisation Hengaw tätig, die Menschenrechtsverletzungen in der Region Kurdistan und im ganzen Iran dokumentiert. Was können Sie aktuell für die Menschen und speziell für die gefährdeten Minderheiten tun?

Zunächst einmal: Diese Arbeit ist gerade auch persönlich wichtig für mich. Dadurch, dass ich mich intensiv damit beschäftigte, muss ich nicht ständig an meine Familie im Iran denken. Ich habe somit keine Zeit, etwas zu fühlen. Und das tut mir gut. Unsere Aufgabe bei Hengaw ist es, zu dokumentieren: Welche Gefangennahmen und welche Hinrichtungen gab es? Welche Menschen wurden auf offener Straße erschossen? Denn auch jetzt, im Krieg, finden solche Verbrechen weiterhin statt. Ein besonderer Blick gehört den Minderheiten wie den Bahai, den Sunnit*innen, den Christ*innen, Kurd*innen und anderen ethnischen Minderheiten aber auch der queeren Community. Wir nennen die Namen der Opfer oder Inhaftierten, zeigen Fotos von ihnen. Diese Menschen sollen und dürfen nicht vergessen werden. Klar ist, dass unsere Arbeit aktuell, ohne Internet im Iran, sehr schwer ist. Trotzdem versuchen wir, mit Menschen zu sprechen und das, was passiert, zu verifizieren.

Sie sprachen eben davon, keine Zeit zu haben, etwas zu fühlen. Geht es den Menschen im Iran aktuell auch so?

Kaum ein Mensch dort hat gerade Zeit oder Gelegenheit, das, was passiert ist und was passiert, aufzuarbeiten. Dazu ist niemand in der Lage. Unter Bomben schon mal gar nicht. Was ich aber unbedingt durchbrechen möchte, ist das Diskutieren in Dualitäten.

„Es wird gefragt, und auch ich werde gefragt: Zu welchem Lager gehörst du? Eine klare Antwort ist nicht möglich.“

Quelle: Ali Haghighi/Unsplash

Zwischen Krieg und Unterdrückung: Die Menschen im Iran blicken in eine ungewisse Zukunft.

Wie meinen Sie das?

Von den Menschen im Iran wird entweder erwartet, dass sie sich in der jetzigen Situation komplett gegen die USA und Israel stellen, schließlich wird ihr Land von diesen beiden Armeen angegriffen. Oder aber, dass sie sich darüber freuen, dass Ali Chamenei gestorben ist, und feiernd auf die Straße gehen. Es wird gefragt, und auch ich werde gefragt: Zu welchem Lager gehörst du? Eine klare Antwort ist nicht möglich. Es geht beides zugleich: Wenn sich die progressiven Iraner*innen freuen, dass Chamenei nicht mehr lebt und dass viele aus seiner Mörderbande eliminiert wurden, dann heißt das nicht, dass sie es gleichzeitig befürworten, dass in ihrem Land Krieg herrscht und Bomben vom Himmel fallen. Das sind zwei verschiedene Dinge, die sich eigentlich gut differenzieren lassen. Man darf es sich nur als Beobachter*in von außen nicht zu einfach machen. Aber genau das passiert. Dieser Krieg ist nicht vergleichbar mit dem Zwölftagekrieg, als recht schnell klar wurde, dass es bald einen Waffenstillstand geben wird. Dieser Krieg ist total. Und er wird das Land verändern. Er wird verändern, wie die Städte aussehen. Ob in eine bessere oder noch schlechtere Richtung? Das weiß niemand. Es fällt mir schwer, mir eine Vorstellung von der Zukunft zu machen.

Wie gefährlich ist das Regime noch?

Wenn ein Regime in der Lage ist, nach Beginn der Massenproteste im Januar 2026 innerhalb von wenigen Tagen Tausende umzubringen – man redet mittlerweile von 30.000 Menschen, wir von Hengaw können diese Zahl aber nicht bestätigen, da wir sehr pingelige Verifizierungsmethoden haben –, dann muss man davon ausgehen: Sobald sich die Lage im Iran wieder normalisiert, wartet wohl die nächste Hinrichtungswelle auf uns. Und jede und jeder, der jetzt etwas gegen das Regime macht, der feiert oder protestiert, der könnte dann dran sein. Mit erfundenen Vorwürfen. Gerne genommen wird „Spionage für Israel“. Was man über den Iran wissen muss: Wer nicht Teil des Systems ist, der ist Gefangener des Systems. Es gibt nur diese zwei Lager. Es gibt keinen Graubereich. Den gab es mal, man konnte damals noch eine Haltung irgendwo zwischen Gegner*in und Teil des Regimes einnehmen. Aber diese Position ist verschwunden, dafür hat das Regime gesorgt.

„Sobald sich die Lage im Iran wieder normalisiert, wartet wohl die nächste Hinrichtungswelle auf uns.“

Warum?

Weil die Einteilung in Feinde und Freunde viel einfacher zu überblicken ist. Es begann im Jahr 2022 nach dem Mord an Jina Mahsa Amini, 22 Jahre alt, und dem Start der „Jin, Jiyan, Azadî“-Bewegung – „Frau, Leben Freiheit“. Diese Bewegung hat dafür gesorgt, dass die jungen Menschen Hoffnung hatten. 15, 16, 17 Jahre alte junge Frauen und Männer gingen auf die Straße, mit der Hoffnung, dass es bald vorbei sein könnte mit dem Regime. Doch es kam anders. Viele dieser Menschen kamen in Gefangenschaft und wurden dort misshandelt, sexuell missbraucht, auch die Jungen, wir haben das dokumentiert. Viele wurden ermordet. Und wer überlebte, den hat das Regime versucht kleinzukriegen. Ich habe mit diesen Menschen gesprochen, viele von ihnen sind traumatisiert oder suizidal, wollen nicht mehr leben.

Quelle: Teheran Hassan Hedayatzadeh/Unsplash

Rund neun Millionen Menschen leben in der iranischen Hauptstadt Teheran. In diesen Tagen ist sie ein zentrales Ziel israelischer Luftangriffe.

Können Sie beschreiben, wie die Unterdrückung durch das Regime den Alltag der Menschen bestimmt?

Nehmen Sie die Kopftuchpflicht. Es gab 2025 zunächst ein neues Gesetz, das härtere Strafen vorsah, dann wurde es entschärft. Sehr viele Frauen haben daraufhin das Kopftuch abgelegt und tragen es seitdem nicht wieder auf der Straße. Im Westen entstand der Eindruck: „Iranerinnen ohne Kopftuch – das bedeutet also Liberalisierung, alles gut.“ Dass aber Millionen dieser Frauen, wenn sie danach in Autos unterwegs waren, durch das Nummernschild identifiziert wurden und dann vom Regime eine SMS erhielten, mit der Aufforderung, Strafgeld zu zahlen, darüber wurde kaum berichtet. Das ist der wahre Terror: „Wir, das Regime, wir sehen dich.“ Der Westen hat gehofft und geglaubt, das Regime könnte sich schleichend liberalisieren. Aber das geht nicht.

Warum nicht?

Weil das Regime auf Säulen aufgebaut ist, und wenn nur eine dieser Säulen ausgehöhlt würde, bräche es in Gänze zusammen.

Was für Säulen sind das?

Eine Säule ist die Feindschaft zu den USA: Gäbe es diplomatische Beziehungen zu Amerika, wäre es das Ende des Regimes. Würde der Iran den Staat Israel anerkennen, wäre es das Ende des Regimes. Gäbe es die repressiven Regeln der Theokratie, etwa das Kopftuchgesetz, nicht mehr, wäre es das Ende des Regimes. Daraus folgt: Dieses Regime ist nicht reformierbar. Es bleibt, wie es ist. Oder es ist nicht mehr.

Durch Ihre Arbeit bei Hengaw haben Sie einen besonderen Blick auf die Minderheiten, zum Beispiel auf die Kurd*innen. Wie ist die Situation dieser Menschen?

Die Kurd*innen im Iran sind jahrelang ignoriert worden. Man hat sie nicht wahrgenommen. Jina Mahsa Amini war Kurdin, die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ entstand aus der Region Kurdistan heraus. Eine Plattform haben die Kurd*innen dadurch nicht bekommen, sie blieben die nicht beachtete Minderheit. Das Tragische ist: Das ist eine vertane Chance.

Warum?

Weil in der Region Kurdistan – also auf dem Boden des Regimes – demokratische Parteien agieren. Die Kurd*innen dort haben die Wahl zwischen sieben Parteien, und wenn sich diese zusammenschließen, könnten sehr schnell Millionen von Kurd*innen im Iran mobilisiert werden. Das ist ein großes Kapital, zum Beispiel, um einen weiteren Generalstreik zu realisieren, zu einem solchen hatten die kurdischen Parteien im Januar schon einmal aufgerufen. Obwohl im Iran keinerlei demokratische Infrastruktur existiert, leben die Kurd*innen eine moderne Vielfalt und ein Verständnis von Demokratie vor, das dem ganzen Land ein Vorbild sein könnte.

Was kann man in Deutschland tun, damit dieses Potenzial geweckt wird?

Ladet sie überall ein! Gebt ihnen ein Podium, geht mit ihnen in den Austausch! Wir haben im Januar mit Hengaw eine Vermittlungsrolle eingenommen, um die kurdischen Parteien mit Mitarbeiter*innen des Auswärtigen Amts für erste Gespräche zusammenzubringen. Das war ein Anfang, aber es reicht nicht. Ladet sie in den Bundestag ein! Man darf in Deutschland nicht unterschätzen, wie wichtig es für diese Menschen ist, gesehen und ermutigt zu werden. Die Frage der Kurd*innen im Iran ist keine Identitätsfrage, sondern eine Frage der Demokratie.

Zur Person

Mina Khani, geboren 1983 in Teheran, lebt seit gut 20 Jahren in Deutschland. Als Exil-Iranerin arbeitet sie als Künstlerin und Autorin. Als queer-feministische Aktivistin ist sie Mitarbeiterin der unabhängigen Menschenrechtsorganisationen Hengaw und Hawar.help, deren Aufgabe es ist, die Menschenrechtsverletzungen im Iran zu dokumentieren und damit vor dem Vergessen zu bewahren.

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