Pro & Contra: Brauchen wir ein Social-Media-Verbot für junge Menschen?
Das Ziel ist klar: Die Social-Media-Plattformen der großen US-Tech-Konzerne dürfen nicht länger dazu beitragen, dass Kinder manipuliert, radikalisiert und abhängig gemacht werden. Wie aber ist dieses Ziel zu erreichen? Hilft ein Verbot? Oder gibt es andere Ideen? Ein Pro- und Contra-Austausch mit zwei grünen Stimmen.
- André Boße
Lesezeit: 4 Minuten
Quelle: Sandra Then/Theo Schmuck
pro
Alexandra Geese
Abgeordnete der Grünen im Europäischen Parlament
Ich bin dafür, den Zugriff von problematischen Tech-Konzernen auf Kinder bis 15 Jahren zu versperren.
Nicht, um Kinder mit Vorschriften zu gängeln. Sondern um sie zu schützen – und die Familien mit diesem Problem nicht allein zu lassen. Auf vielen großen Social-Media-Plattformen sind Algorithmen bewusst so programmiert, dass sie süchtig machen. Sie sind zudem darauf ausgelegt, junge Nutzer*innen zu radikalisieren und in gefährliche Rabbit Holes zu führen. Bei Jungen zum Beispiel in die misogyne Manosphere, bei Mädchen zu Inhalten, die Körperbildstörungen hervorrufen könnten. Gemeint ist aber auch die politische Radikalisierung: Schaut man sich das Wahlverhalten junger Menschen zuletzt an, sind die Folgen bereits jetzt ersichtlich. Statistiken zeigen, dass die AfD auch bei Erstwähler*innen stark zulegt.
Was auch nicht vergessen werden darf: Die großen Plattformen verstoßen in vielen Fällen weiterhin gegen den Datenschutz.
Man kann sich die großen Social-Media-Plattformen vielleicht wie einen Abenteuerspielplatz vorstellen, der 24 Stunden lang von Erwachsenen belagert wird. Diese Leute verabreichen den Kindern süchtig machende Stoffe, reden auf sie ein, sagen, sie seien nicht schön oder männlich genug. Einen solche Ort dürfte es in der realen Welt niemals geben. In der Online-Welt gibt es ihn. Daher finde ich es notwendig, den problematischen Plattformen den Zugang zu unseren Kindern zu versperren. Und zwar so lange, bis die Tech-Konzerte über ein externes und unabhängiges Audit nachweisen, dass sie alle Mechanismen entfernt haben, die für Kinder schädlich sein könnten.
Diese Maßnahme schützt nicht nur die Kinder, sie lässt auch die Chance einer neuen, besseren Social-Media-Welt entstehen. Denn sie öffnet einen großen Raum, in dem bessere Plattformen wachsen oder sich neue Plattformen gründen können. Die Politik muss diese Dynamik unterstützen, zum Beispiel durch eine Interoperabilitätsverpflichtung: Die großen Plattformen müssen garantieren, dass Nutzer*innen ihre Accounts mit allen Freund*innen jederzeit problemlos auf eine andere Plattform übertragen können. Das ist technisch längst möglich und würde dafür sorgen, dass alternative und bessere Angebote schnell eine große Community aufbauen können. Ich kann verstehen, dass die Tech-Konzerne diese Funktion nicht selbst anbieten. Also müssen wir sie politisch dazu verpflichten.
Social Media ist kein Problem, dessen Lösung wir allein den Eltern oder Schulen überlassen dürfen. Dafür sind die Gegner, nämlich die Tech-Konzerne, viel zu mächtig. Politik muss handeln, wobei es nicht darum geht, in jedem Einzelfall zu verhindern, dass ein Kind unter 15 doch einmal den Weg auf diese Plattformen findet. Viel wichtiger ist es, eine neue gesellschaftliche Norm zu etablieren, die aussagt: Ein Tech-Konzern hat nur dann Zugriff auf ein Kind, wenn er sich strikt an eindeutige Regeln hält.
kontra
Senem Bozdag
Landessprecherin der Grünen Jugend Hessen
Ich bin gegen ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche.
Zum einen aus ganz pragmatischen Gründen, denn: Es bringt nichts. Die Annahme, es reiche, ein Verbot auszusprechen, und alle hielten sich daran, ist naiv. Junge Menschen werden sehr schnell Wege finden, es zu umgehen. Wobei ich es problematisch finde, dass in diesem Moment diejenigen, die wir eigentlich schützen wollen, dazu gebracht werden, ein Vergehen zu begehen.
Mich irritiert generell, dass die politischen Reaktionen auf Themen, die junge Menschen betreffen, häufig Verbote oder Verpflichtungen sind, über die die Politik ohne Teilhabe der Betroffenen entscheidet. Statt mit der jungen Generation zu reden, wird über ihre Köpfe hinweg bestimmt. Würde man mit den jungen Menschen reden, käme ein Argument in der Diskussion viel stärker zum Vorschein: Social Media spielt im Leben von vielen jungen Menschen eine positive Rolle, wenn es darum geht, die eigene Identität zu finden und Kontakte zu knüpfen. Daher sind die sozialen Medien auch nicht mit Alkohol oder Nikotin gleichzusetzen, bei denen der Konsum keinerlei positive Effekte hat.
Bei Gesprächen mit der queeren Community habe ich erfahren, dass gerade für junge Menschen, die in ländlichen Gebieten leben, die großen Plattformen wie Instagram und TikTok oft die einzigen Ankerpunkte sind, um mit anderen queeren Menschen Kontakte aufzubauen und aufrechtzuerhalten. In ihren Familien, Schulen, Dörfern oder Kleinstädten finden sie häufig kaum Unterstützung, in den sozialen Netzwerken dagegen schon.
Das betrifft auch junge Menschen, die in bestimmten Gegenden Deutschlands kaum noch Leute finden, die linksliberal denken. Die Rechten sind stark in den sozialen Medien, aber natürlich findet man dort auch weiterhin Stimmen, die junge Menschen in ihrem linksliberalen Denken stärken können. Das gilt auch für mich persönlich: Ohne Instagram hätte ich nicht erfahren, dass die Grüne Jugend überhaupt existiert.
Auch, wenn ich gegen ein Verbot bin: Natürlich darf in den sozialen Netzwerken nicht alles so bleiben, wie es ist. Ich plädiere dafür, von den Tech-Konzernen zu verlangen, die Algorithmen offenzulegen. Damit wir lernen, wie sie funktionieren, und wir daraufhin Änderungen einfordern können. Zudem halte ich es für wichtig, in den Schulen verstärkt Medienkompetenz zu vermitteln.
Statt Social Media zu verbieten, sollten wir den jungen Menschen helfen, die Plattformen sinnvoll zu nutzen. Ich bin der Überzeugung, dass viele dann selbst auf die Idee kommen, dass es klug sein kann, für sich selbst ein Zeitlimit festzulegen. Das gilt für Kinder und Jugendliche. Und für Erwachsene übrigens auch.
Das fordern die Grünen im Bundestag
Die grüne Fraktion im Bundestag hat ihren Plan für sichere Plattformen klar formuliert. Die Abgeordneten fordern unter anderem strikte Regeln für die Tech-Konzerne, ein Mindestalter von 14 Jahren und eine Nationale Strategie für Medienkompetenz. Ihr wollt mehr wissen? Hier gibt’s die Details.
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