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Volle Kraft voraus!

Das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche probt in der Energiewende die Rolle rückwärts. Reiche stellt nun sogar das EU-Klimaziel für 2050 infrage. Aber um die Herausforderungen bei der Umsetzung der Energiewende zu meistern, muss man nicht ins fossile Zeitalter zurückkehren. Energieexperte Tim Meyer erklärt, wie man den Zubau von erneuerbaren Energien kostengünstiger, flexibler und effizienter gestalten könnte.

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Lesezeit: 6 Minuten

Quelle: Christophe/Adobe Stock

Zuerst die gute Nachricht: Die Energiewende ist in vollem Gange. In Deutschland stammten 2025 rund 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien. Die meiste Energie liefert der Wind, Sonnenenergie stand mit 18 Prozent Anteil am Strommix erstmals an zweiter Stelle, vor Kohle und Gas. Und jetzt die schlechte: Blickt man auf die verschiedenen Initiativen und Gesetzesvorhaben aus dem Wirtschaftsministerium der schwarz-roten Regierung, so wird offensichtlich, dass das Momentum der Energiewende zugunsten fossiler Energieträger abgewürgt werden soll. Unbestritten ist, dass der rasche Zubau der erneuerbaren Energien Nebenwirkungen hat, die behoben werden müssen. Aber das kann kein Grund sein, um „den schnellen Zuwachs der Erneuerbaren abzubremsen anstatt den langsamen Umbau der Infrastruktur zu beschleunigen“, wie Tim Meyer sagt. Für den grünblog skizziert der Energieexperte fünf zukunftsweisende Lösungen für fünf Problemfelder der Energiewende.

Ja, wir müssen die Netze ausbauen. Aber wir müssen und können sie auch viel intelligenter nutzen.

Die Stromnetze sind überlastet

Der Ausbau der Stromnetze in Deutschland hat mit dem schnellen Zubau der erneuerbaren Energien nicht Schritt gehalten. Über viele Jahre hinweg wurde viel zu wenig investiert. Nicht nur in den Ausbau von Stromtrassen, Kabeln und Umspannwerken, sondern vor allem in Digitalisierung und Flexibilisierung der Netze. Die Folge: Wenn nun aufgrund günstigen Wetters viel Sonnen- und Windstrom in die Netze eingespeist wird, kommt es zu Netzüberlastungen. 

Tim Meyer: Ja, wir müssen die Netze ausbauen. Aber wir müssen und können sie auch viel intelligenter nutzen. Bei all den Berichten über Netzengpässe und lange Wartezeiten für neue Netzanschlüsse wird übersehen, dass die bestehenden Netze schon jetzt viel mehr leisten könnten. Besonders schnell und günstig ginge das mit Batteriespeichern, die überschüssigen Strom einspeichern und bei Bedarf wieder ausspeisen können. Die Voraussetzungen dafür sind gut: Die Kosten für diese Anlagen sind in atemberaubendem Tempo gesunken und so ein Batteriecontainer ist schnell angeschlossen.

Doch viele Netzbetreiber sehen diese Anlagen eher als Gefahr für ihr Netz, denn als Retter in der Not. Tatsächlich können Batterien abhängig von ihrer Steuerung Netze zusätzlich belasten. Zum Beispiel, wenn sie sich ins Netz entladen, obwohl gerade sehr viel Solarstrom durch die Leitungen fließt. Für diese Fälle müsste man klare Spielregeln vereinbaren. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Weder Bundesregierung noch Bundesnetzagentur übernehmen bislang Verantwortung bei der Gestaltung dieser Regeln. Projektentwickler und Anlagenbauer werden in Verhandlungen mit oft überforderten Netzbetreibern alleine gelassen. Diese machen oft schlicht „dicht“ und geben Bedingungen für den Batteriebetrieb in ihren Netzen vor, die unsinnig und für Batteriebetreiber unwirtschaftlich sind. Die Regeln für das Zusammenspiel von Netzen und Speichern muss deshalb auf Augenhöhe zwischen Netz- und Batteriebetreibern passieren, transparent und mit durchsetzbaren Rechten für alle.

Quelle: Mike Mareen/Adobe Stock

Der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix wächst: 2025 war die Windkraft der stärkste Nettostromerzeuger mit einem Anteil von rund 30 Prozent. Batteriespeicher wären ein probates Mittel, um Netzengpässe durch ein Überangebot an erneuerbaren Energien zu vermeiden. 

Die Lösung für das Problem heißt Standardisierung. Das klingt einfach, ist aber in der Praxis sehr schwer umsetzbar.

Bei den Netzbetreibern herrscht „Kleinstaaterei“ 

Viele Köche verderben den Brei: In Deutschland gibt es derzeit über 850 regionale Netzbetreiber. Jeder dieser Netzbetreiber kocht seine eigene Suppe. Es gibt keine allgemeingültigen technischen und bürokratischen Standards für Netzanschlüsse. Ineffiziente Doppelstrukturen sorgen für erhebliche Mehrkosten und erschweren den Anschluss neuer Verbraucher wie Rechenzentren ebenso wie neuer Solar- und Windkraftanlagen. Zudem fehlen verlässliche Vorgaben zu den Rechten der Netzkund*innen und den Pflichten der Netzbetreiber.

Tim Meyer: Die Lösung für das Problem heißt Standardisierung. Das klingt einfach, ist aber in der Praxis sehr schwer umsetzbar. Trotzdem führt daran kein Weg vorbei. Warum muss ein Elektriker verschiedene Stromklemmen mit sich führen, wenn er in zwei verschiedenen Netzgebieten unterwegs ist, warum ein Netzbetreiber für sich spezifische Trafos anfertigen lassen statt ein günstiges Standardmodell zu verwenden? Warum muss es hunderte verschiedener Formblätter, Planungsvorgaben und Softwaresysteme für Netzkunden geben statt einheitlicher, am besten zentral zugänglicher Portale für Informationen und Datenmeldungen an seinen Netzbetreiber? 

Doch Standardisierung ist kein Selbstläufer. Die Veränderung gewachsener Strukturen erzeugt Anpassungsschmerzen und betrifft hoheitliche Aufgaben von Bundesländern und Kommunen, was die Sache zusätzlich verkompliziert. Daher muss Standardisierung zwar im Gespräch miteinander, aber letztendlich klar „von oben“ durch das Wirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur vorgegeben werden. Das ist zugegeben kein einfacher Prozess, aber über kurz oder lang ist er unvermeidlich. Der jetzige „Flickenteppich“ wird den Anforderungen eines modernen Industrielandes nicht mehr gerecht und kostet viel zu viel Zeit und Geld. Geld, das man sehr viel gewinnbringender in Netzausbau, Digitalisierung und Standardisierung investieren könnte.

Deutschland hat die Digitalisierung bei der Energieversorgung in der Tat verschlafen.

Die Digitalisierung kommt nicht voran

Die Digitalisierung der Stromnetze steckt in Deutschland in den Kinderschuhen. Dabei wären sogenannte Smart Grids (intelligente Stromnetze) die Voraussetzung, um schwankende Strommengen, Speicherleistung und Verbrauch in Echtzeit zu erfassen und zu steuern. Auf Verbraucherseite würden es intelligente Stromzähler (Smart Meter) ermöglichen, den Verbrauch am Angebot auszurichten – und so Geld zu sparen. Doch in Deutschland sind bislang nur unter vier Prozent aller Messlokationen digitalisiert. Zum Vergleich: EU-weit liegt die Quote bereits bei 60 Prozent. Die mangelnde Digitalisierung führt dazu, dass Produzenten erneuerbarer Energien häufig abgeregelt werden und ihr wertvoller Strom ungenutzt bleiben muss.

Tim Meyer: Deutschland hat die Digitalisierung bei der Energieversorgung in der Tat verschlafen. Die blamable Smart-Meter-Quote ist dafür das prominenteste Beispiel. Mehr als die Hälfte des Stromnetzes befindet sich in Niederspannung, also den aus dem eigenen Haushalt bekannten 230 V/400V. Doch dieser Teil des Netzes wird als „Blackbox“ betrieben, es gibt kaum Messdaten für den alltäglichen Strombedarf von Haushalten und kleinen Gewerbekunden. Damit ist eine Optimierung der Stromverteilung nicht möglich. Es müssen deshalb im Netz große Sicherheitspuffer vorgehalten werden – und die kosten Geld.

Aber Digitalisierung mit Smart Grids geht weit über Smart Meter hinaus. Intelligente Netze umfassen auch digitale Zwillinge – also virtuelle Abbilder – von Planungsprozessen, Netzausbau, Betriebsmitteln und Betriebsoptimierung und natürlich digitale Geschäftsprozesse zwischen Netzbetreibern und Netzkunden. Die gute Nachricht ist: Deutschland verfügt über eine leistungsfähige Elektronikindustrie, über das nötige Know-how in der Steuerungs- und Regelungstechnik sowie die passenden Softwarelösungen. Was fehlt ist vor allem der wirtschaftliche Anreiz für Netzbetreiber, diese Techniken auch einzusetzen. Geld wird im Netz immer noch mit dem Verlegen von Kupferkabeln verdient, nicht mit Digitalisierung. Doch finanzielle Anreize lassen sich, wenn gewollt, leicht ändern. Ein weiterer Vorteil: Die Digitalisierung des Netzes kann einen großen ökonomischen „Heimvorteil“ für unsere bislang exportorientierten Elektronikunternehmen schaffen.

Quelle: reisezielinfo/Adobe Stock

Die Aussichten sind gut für die Erzeugung von Strom durch Photovoltaik. 2025 lag die erzeugte Solarstrommenge um 17 Prozent über dem Vorjahresniveau – neuer Rekord.

Kulturkampf und das obsessive Festhalten an heute veralteter Technologie wie dem Verbrenner schaden unserem Wohlstand.

Die Regierung verunsichert Wirtschaft und Menschen

Für die Elektrifizierung der Energieversorgung fehlen klare politische Vorgaben, Leitlinien und Förderbedingungen. Was gestern noch galt, kann morgen schon Makulatur sein. Die Aufweichung des angeblichen „Verbrenner-Aus“, das geplante „Netzpaket“ oder der Vorschlag für ein neues Heizungsgesetz sind dafür nur die jüngsten Beispiele. Die ungeordneten Rückzugsgefechte der aktuellen Bundesregierung sorgen für viel Verunsicherung – nicht nur in der Energiebranche, sondern auch in der Wirtschaft und bei Verbraucher*innen. Während in Ländern wie China oder Saudi-Arabien der Ausbau von erneuerbaren Energien ein Business Case ist, tobt in Deutschland der energiepolitische Kulturkampf. Investitionen in die Zukunft bleiben aus.

Tim Meyer: In Deutschland wird Energiewende allzu oft noch missverstanden als Liebhaberprojekt für umweltinteressierte Menschen. Doch Elektrifizierung und Energiewende sind Märkte, in denen kleine und große Investoren, Unternehmen und Banken jährlich Dutzende Milliarden Euro alleine in Deutschland bewegen. Wie in jedem Markt sind Verlässlichkeit und Planbarkeit entscheidend. Schon Ankündigungen der aktuellen Bundesregierung wie „das Heizungsgesetz schaffen wir ab“ oder „Batteriebetreiber sollen zukünftig Netzentgelte zahlen“ sind Gift für die Märkte. Erst recht, wenn dann viele Monate lang keine konkreten Vorschläge und Regeln folgen.

Auch hier wäre die Lösung einfach und schwierig zugleich: Man müsste sich parteiübergreifend einig sein, dass Kontinuität in der Energiewende einen großen ökonomischen Wert hat. Das gilt im Hinblick auf Klimaschutzziele, aber sinnvollerweise auch für die Instrumente zum Erreichen dieser Ziele. Kulturkampf und das obsessive Festhalten an heute veralteter Technologie wie dem Verbrenner schaden unserem Wohlstand.

Die viel beschworene „Technologieoffenheit“ klingt zwar gut, ist bei näherer Betrachtung aber meist eine hohle Phrase, die Fortschritt verhindert. Welchen Sinn soll es zum Beispiel machen, für viel Geld in der Fläche Erdgasnetze zu erhalten, wenn heute schon klar ist, dass sich die Kund*innen jetzt und in Zukunft ganz technologieoffen für eine Wärmepumpe entscheiden?

Quelle: Countrypixel/Adobe Stock

Baustelle Energiewende: Während der Zubau der Erneuerbaren zügig voranschreitet, hinkt der Ausbau der Netze hinterher. 

Die Stromkosten sind zu hoch

Im Schnitt kostete die Kilowattstunde Strom in Deutschland 2025 für Privathaushalte etwas über 39 Cent. Mit diesem Preis besetzen wir im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz. Warum kommt die kostengünstige Produktion von Energie aus Sonne und Wind beim Verbraucher nicht an? Wie stark steigen die Netzentgelte, die fast 30 Prozent des Preises ausmachen, denn nun wirklich wegen der Energiewende? Vom aktuellen Strompreis-Entlastungspaket profitieren vor allem große Energieverbraucher. Die Verteilung der Kosten für die Energiewende ist also auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Tim Meyer: Zu den hohen Strompreisen ist erschreckend viel Fehlinformation im Umlauf, auch weil das Thema leider wirklich kompliziert ist. Im Energiehandel ist Strom immer dann billig, wenn viel Wind weht oder Sonne scheint. Er ist teuer, wenn Gas verstromt werden muss. Trotzdem geht das Märchen um, vor allem die Energiewende habe die Strompreise steigen lassen. Dabei liegen die Preissteigerungen primär an den gestiegenen Gas- und CO2-Preisen. Erneuerbare Energien senken die Stromkosten. 

Doch ohne Digitalisierung und Smart Meter können die meisten Verbraucher*innen die günstigen Preise nicht nutzen, sondern zahlen Durchschnittswerte unabhängig von ihrem eigenen – womöglich sparsamen – Verbrauchsverhalten. Solchen Verbraucher*innen bleibt aktuell nur ein wirksamer Hebel: sich bei anderen, möglichst ökologischen Stromlieferanten umzusehen. Denn für Neukund*innen beträgt der durchschnittliche Haushaltsstrompreis nur 25 Cent/kWh. In anderen Worten: Mit Bestandskund*innen und ihren Langzeitverträgen verdienen Energieunternehmen in Deutschland oft ihr Geld.

Natürlich müssen mit der Energiewende die Stromnetze ausgebaut werden. Das ist teuer und lässt die Gesamtkosten des Systems steigen. Aber: Die Netze transportieren zukünftig auch doppelt so viel Strom, sodass beide Effekte – die Kosten für den Netzausbau und der steigende Stromtransport – sich finanziell ausgleichen können. Um die Kosten zu senken, müssen wir unsere Effizienzpotenziale heben und die Digitalisierung und Flexibilisierung der Netze endlich anpacken. Sonst wird es tatsächlich und unnötigerweise teuer. Wenn zudem die Privilegien für reduzierte Netzentgelte für Großverbraucher, Gewerbe und Verbraucher mit steuerbaren Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen so angepasst werden, dass alle ihren verursachergerechten Anteil zahlen, können Netzentgelte für die meisten Stromkund*innen in Zukunft sogar sinken – und damit auch der Strompreis.

Zur Person

Dr. Tim Meyer hat Elektrotechnik studiert und am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme und der TH Karlsruhe promoviert. Nach Stationen in der Fraunhofer-Gesellschaft, der Solarindustrie und als Unternehmensgründer im Strommarkt war er zuletzt Vorstand der Naturstrom AG. Heute arbeitet er als Berater und Autor. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung ist er ein profunder Kenner der Branche und Stimme der Vernunft angesichts der politischen Grabenkämpfe rund um die Energiewende. 2025 veröffentlichte er sein Buch „Strom – Über Nostalgie, Zukunft und warum der Markt längst entschieden hat“. Darin analysiert Tim Meyer die Elektrifizierung der Energiewende auf wohltuend sachliche Art und Weise, zeigt wesentliche Zusammenhänge auf und macht nebenbei auch noch richtig Lust auf Zukunft.

Grünes Update für die Energiewende

Erneuerbare Energien schonen das Klima, senken den Strompreis, sichern heimische Jobs und ermöglichen es uns, unabhängig von Energielieferungen aus dem Ausland und damit weniger erpressbar zu werden. Deshalb kämpfen Bündnis 90/Die Grünen mit unverminderter Kraft für eine starke Energiewende. Aber es gibt Herausforderungen, die auf dem Weg hin zur Elektrifizierung unserer Energieversorgung zu meistern sind. In einem aktuellen 10-Punkte-Plan machen wir zehn konkrete Vorschläge, wie wir den Ausbau der Erneuerbaren schneller und günstiger gestalten, bereits vorhandene Potenziale heben, den Netzausbau billiger machen und Unsicherheiten bei Investoren vermeiden können.

Den bündnisgrünen 10-Punkte-Plan für das Update der Energiewende findet ihr hier.

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