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Teuerung als Ergebnis politischer Leerstellen

Mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland spürt die steigenden Lebensmittelpreise ganz konkret im Alltag. Gleichzeitig explodieren die Mieten. Dabei sind hohe Preise weder Schicksal noch Naturgesetz, sondern eher das Ergebnis politischer Leerstellen. Es ist höchste Zeit, gegenzusteuern. Denn hohe Preise sind sozialer Zündstoff.

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Lesezeit: 3 Minuten

Steigende Preise für Lebensmittel und Wohnen

In den vergangenen Jahren sind die Preise für Lebensmittel und Wohnen rasant gestiegen. Zwar hat sich die Inflation zuletzt deutlich stabilisiert, doch an der Supermarktkasse ist davon wenig zu spüren: Seit 2020 sind die Lebensmittelpreise um rund ein Drittel gestiegen. Auch beim Wohnen zeigt sich ein alarmierendes Bild. EU-weit haben sich die Immobilienpreise in den letzten 15 Jahren um mehr als 55 Prozent erhöht, die Mieten um fast 27 Prozent.

Besonders hart trifft dies Menschen mit niedrigen Einkommen. Haushalte mit weniger als 1.300 Euro Nettoeinkommen im Monat mussten 2023 laut Statistischem Bundesamt ganze 64 Prozent ihrer Konsumausgaben für Essen und Wohnen aufbringen. Im Durchschnitt waren es rund 50 Prozent. Wenn der Großteil des Einkommens für Grundbedürfnisse draufgeht, läuft etwas grundlegend falsch.

Warum steigende Preise nicht bei den Landwirten ankommen

Ein Teil der Preissteigerungen lässt sich durch hohe Weltmarktpreise und gestiegene Energie- und Produktionskosten erklären. Die abrupten Preissprünge seit 2020 sind jedoch kein Zufall. Angebotsschocks, hervorgerufen durch die Corona-Pandemie und die Energiekrise, haben die Inflation angeheizt. In solchen Phasen erhöhen Unternehmen oft zugleich ihre Preise, um ihre Gewinnmargen zu sichern.

Doch das erklärt nicht alles. Das Sondergutachten der Monopolkommission zeigt deutlich: Entlang der Lebensmittel-Lieferkette nimmt der Wettbewerb ab. Hersteller und Einzelhandel sind hoch konzentriert, die Preisaufschläge steigen. Gleichzeitig protestieren die Landwirtinnen und Landwirte, denn sie profitieren langfristig kaum davon. Am Ende gewinnen vor allem jene, die ohnehin zu den Reichsten gehören, während viele Menschen sich ihre Grundbedürfnisse kaum noch leisten können.

„Es braucht gezielte politische Antworten, um die Marktmacht der großen Player zu brechen und den Wettbewerb zu beleben.“

Hohe Lebensmittelpreise sind politisch veränderbar

Es braucht gezielte politische Antworten, um die Marktmacht zu brechen und den Wettbewerb zu beleben. Dazu gehört vor allem eine deutlich schärfere Fusionskontrolle. Die EU-Kommission arbeitet zwar an neuen Leitlinien, doch entscheidend ist, dass künftig die gesamte Lieferkette in den Blick genommen wird, nicht nur einzelne Marktstufen.

Ebenso notwendig sind mehr Preistransparenz und bessere Daten über Gewinne. Spanien hat mit einer Beobachtungsstelle für Gewinnmargen ein Instrument geschaffen, um zu verhindern, dass Unternehmen Krisen zur Gewinnmaximierung ausnutzen. Ein solches Modell sollte auch auf europäischer Ebene etabliert werden.

Darüber hinaus brauchen wir zeitlich begrenzte Gewinnaufschlagsgrenzen nach Krisen. Griechenland zeigt, wie das gehen kann: Dort dürfen Gewinnmargen nach Schocks nicht über ein definiertes Referenzniveau hinaus steigen.

Europa braucht insgesamt einen besseren Mechanismus zur Inflationssteuerung. Zinspolitik stößt bei Angebotsschocks an die Grenzen der Wirksamkeit. Preisobergrenzen dürfen kein Tabu sein, ebenso wenig eine konsequentere Wettbewerbspolitik gegen den Missbrauch marktbeherrschender Stellungen. Dafür ist eine enge Koordinierung zwischen EZB, EU-Institutionen und Wettbewerbsbehörden unerlässlich.

Wir müssen außerdem die Spekulation mit steigenden Lebensmittelpreisen an den Finanzbörsen beenden, die zu teuren Einkaufskörben führen.

Wohnen: Wenn ein Grundrecht zum Spekulationsobjekt wird

Besonders deutlich zeigt sich das Problem bei Wohnraum. Wohnen ist längst zur Ware und zum Spekulationsobjekt geworden. Die EU-Kommission hat zwar Ende 2025 einen Plan für leistbares Wohnen vorgelegt, der sich auch mit dem Thema Spekulation befasst, doch dieser bleibt bislang zahnlos. Statt konkreter Eingriffe sollen zunächst Daten gesammelt, die Transparenz verbessert und spekulative Muster analysiert werden.

Dabei ist klar: Die Finanzialisierung des Wohnungsmarkts ist ein zentraler Treiber wachsender Ungleichheit. Mieten steigen deutlich schneller als reale Immobilienwerte, während sich Vermögen an der Spitze konzentriert und immer weiter in knappe Immobilien fließt. Wenige profitieren von steigenden Renditen und passivem Einkommen.

Was fehlt, sind verbindliche politische Eingriffe. Notwendig sind transparente Eigentumsverhältnisse, ein starker kommunaler und gemeinnütziger Wohnungsbau sowie öffentliche Investitionen, die konsequent an soziale Auflagen gebunden sind. Ebenso dringend ist der Abbau von Steuerprivilegien für große Immobilienkonzerne.

Konkret braucht es Gesetze gegen Spekulation: ein Immobilienregister, einen Renditedeckel für große Wohnkonzerne und das Ende steuerlicher Sonderbehandlungen.

„Teuerung ist kein temporäres Randproblem, sondern ein strukturelles Risiko für den sozialen Zusammenhalt.“

Leistbares Leben stärkt Gesellschaft und Wirtschaft

Teuerung ist also kein temporäres Randproblem, sondern ein strukturelles Risiko für den sozialen Zusammenhalt. Wenn immer größere Teile des Einkommens für Essen und Wohnen aufgewendet werden müssen, gerät soziale Teilhabe unter Druck und mit ihr das Vertrauen in Politik und Demokratie.

Essen und Wohnen müssen wieder leistbar werden. Dabei wirken Entlastungen doppelt: Sie geben Haushalten Luft zum Atmen und stärken zugleich die Konjunktur, weil mehr Spielraum für andere Ausgaben die heimische Nachfrage belebt.

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