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Natural Born Brückenbauer

Cem Özdemir, Kandidat für das Ministerpräsidentenamt in Baden-Württemberg, und der Journalist Gero Günther kennen sich seit einem halben Jahrhundert. Am 60. Geburtstag des grünen Politikers treffen sie sich zu einem Spaziergang durch die Stuttgarter Weinberge – und sprechen über Herkunft und Zukunft.

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Lesezeit: 8 Minuten

Quelle: Gero Günther

Beste Aussichten: Cem Özdemir auf einer Panorama-Terrasse des Weißenburgparks in Stuttgart. Unter ihm breitet sich die Landeshauptstadt aus. 

Erstaunlich wie frisch er aussieht, obwohl wir noch vor wenigen Stunden nebeneinander auf der Tanzfläche gefeiert haben und die Nacht entsprechend kurz war. „Los geht’s“, sagt Cem und zippt einen dicken Daunenanorak zu. Es ist kalt an diesem sonnigen Dezembermorgen, am 60. Geburtstag meines Kumpels aus Kindertagen. Cem muss sich warm anziehen. In wenigen Wochen wird der Ministerpräsident von Baden-Württemberg gewählt und Cem will die Nachfolge von Winfried Kretschmann antreten. Seit Monaten ist er deshalb rund um die Uhr unterwegs. Aber jetzt ist erstmal Zeit für einen Spaziergang.

Wir starten an der Altbauwohnung, die Cem mit seiner Partnerin Flavia Zaka im Sommer bezogen hat. „Zum Glück ist man in Stuttgart so schnell in der Natur. Das hab’ ich in Berlin vermisst“, sagt Cem. – „Deshalb musst du aber nicht gleich so rennen“, entgegne ich. Schließlich geht es geradewegs „den Buckel nauf“. Wir sind unterwegs auf einem der vielen Stäffele, wie man in Stuttgart die alten Winzerwege nennt, die zum größten Teil aus steilen Treppen bestehen. Wenn man wie Cem und ich am Rand der Schwäbischen Alb aufgewachsen ist, kann man sich ein Leben ohne Steigungen kaum vorstellen. „Meine Eltern hatten, wie du dich erinnerst, keinen Garten“, erzählt Cem: „Deshalb war ich oft im Wald. Ich glaube, dass die Natur uns Menschen ausgeglichener macht.“ Das Wandern ist bis heute seine Leidenschaft.

Während wir den verschlungenen Pfad zwischen Gärten und Grünanlagen hinaufeilen, grüßt Cem alle entgegenkommenden Spaziergänger*innen. So macht man das in unserem Heimatort Bad Urach und so hat Cem es immer gehalten, wenn wir miteinander gewandert sind. Egal ob auf der Schwäbischen Alb, in den bayerischen Alpen oder in Griechenland. Da kann er noch so lange in Berlin Kreuzberg gewohnt haben, ein Teil von Cem bleibt immer der Schwabe, der zwischen Streuobstwiesen, Fachwerk und Kalksteinfelsen groß geworden ist. Seine städtische und seine ländliche Seite leben in friedlicher Koexistenz nebeneinander. Eine gute Eigenschaft, wenn man grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden will und viele Brücken bauen muss: zwischen Stadt und Land, zwischen Ökologie und Industrie und zwischen grüner Basis und konservativen Milieus.

„Wir müssen es aushalten, dass andere anders sind.“

Vielleicht hat ihn die Aufgabe auch deshalb so gereizt: Weil er für das Bauen dieser Brücken nicht erst seit gestern bekannt ist, als gebürtiger Schwabe und Gastarbeiterkind, mit türkischen und griechischen Wurzeln. Und weil er sich mit Leichtigkeit zwischen den verschiedensten Lebenswelten bewegen kann – ohne peinlich zu wirken.

Auf seiner Geburtstagsfeier am Vorabend konnte man das perfekt beobachten. Die Bilder sind noch frisch im Kopf: Da stehen in Cems Wohnung nicht nur der amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Teile des Baden-Württembergischen Kabinetts und die grüne Bundesvorsitzende Franziska Brantner beisammen, sondern auch Uraltfreund*innen aus Bad Urach, Mitarbeiter*innen, Wegbegleiter*innen, schwäbische, jesidische und griechische Freund*innen, Vertreter*innen von Handwerk und Gewerkschaften, Winzer*innen, Sozialarbeiter*innen und Studierende. Und dann ist da noch ein großgewachsener Mann, der unter dem Künstlernamen Haftbefehl bekannt ist. Sämtliche Altersgruppen sind vertreten, alle reden und lachen durcheinander. Winfried Kretschmann hält eine Rede, eine Ukrainerin (die Frau von Cems Hausarzt) intoniert einen bewegenden Segenswunsch, alle singen und dann wird getanzt. So mag Cem das. So wünscht er sich seine Gesellschaft. Offen und ohne trennendes Statusdenken.

Da ist es nur folgerichtig, dass das Wort „Kompromiss“ für Cem keinerlei negativen Beiklang hat. Er erklärt mir das am steilsten Stück unseres Aufstiegs. „Winfried hat es gestern in seiner Gratulationsrede betont: Nicht die Einheit, sondern die Vielfalt muss das Zentrum der Demokratie bilden. Wir müssen es aushalten, dass andere anders sind.“ Und: „Wenn man denen die Verantwortung überlässt, deren Geschäftsmodell es ist, Brücken zu sprengen, landet man in einer Gesellschaft wie sie sich gerade in den USA zeigt“.

„Wir haben keinen Dukatenesel und können nicht nach der Methode Merz verfahren: Erst alles versprechen und dann das Gegenteil davon machen.“

Inzwischen sind wir im Weißenburgpark mit seinen herrlichen Aussichtspunkten angekommen. Die Landeshauptstadt breitet sich facettenreich unter uns aus: Das barocke neue Schloss, der Nachkriegsbau des Rathauses, Kirch- und Bürotürme, gründerzeitliche Altbauten und Wohnblocks. Wir blinzeln in die Mittagssonne. Über uns blauer Himmel. Ich genieße das, aber Cem, voll im Wahlkampfmodus, erinnert es an etwas anderes, das Winfried ihm mit auf den Weg gegeben hat. „Wir dürfen den Menschen nicht das Blaue vom Himmel versprechen“, sagt er. „Wir haben keinen Dukatenesel und können nicht nach der Methode Merz verfahren: Erst alles versprechen und dann das Gegenteil davon machen.“ Ich frage ihn, ob die Bürger*innen den vielzitierten Gürtel nun endlich enger schnallen müssen. „Das Bild ist übergriffig, weil man als Politiker ja meist den Gürtel von jemand anderem enger schnallt“, sagt er. „Die Taille von anderen geht mich nichts an. Aber: „Wir leben in Zeiten multipler Krisen, die sich auch hier in Baden-Württemberg auswirken.“

„Mit dieser Bussi-Bussi-Diplomatie, die Deutschland viel zu lange gepflegt hat, konnte ich noch nie viel anfangen.“

Wichtig sei es jetzt, die Lage realistisch zu beurteilen und entschlossen zu handeln, gerade angesichts der Autokraten und Aggressoren, die die Welt in Atem halten. „Mit dieser Bussi-Bussi-Diplomatie, die Deutschland viel zu lange gepflegt hat, konnte ich noch nie viel anfangen“, bekennt Cem. Das hat auch mit seiner Biografie zu tun. Seine Familie ist direkt mit Krieg und Unterdrückung konfrontiert gewesen. Cems Mutter, die griechische Wurzeln hat, war 1955 in Istanbul Augenzeugin eines Pogroms an der griechisch-christlichen Minderheit. „Da bekommt man einen anderen Blick auf autoritäre Herrscher, religiöse Fanatiker und nationalistische Macho-Männer.“ Kein Wunder also, dass Cem die Rettungsaktion, mit der 2015 mehr als 1100 jesidische Frauen und Kinder aus dem Irak nach Baden-Württemberg geholt wurden, als eine der größten Erfolgsgeschichten der Regierung Kretschmann bezeichnet. Den Jesid*innen hatte die Versklavung durch den Islamischen Staat gedroht.

Gerade in der Migrationsfrage, sagt Cem, dürfe man sich nicht von Schwarz-Weiß-Denken oder Ideologien leiten lassen. Probleme offen ansprechen und zwischen den Welten vermitteln, das ist seine Devise. „Wir brauchen Migrant*innen und ihre Organisationen in Deutschland, wir sind ein Einwanderungsland. Viele Chancen wurden vertan, weil man das lange nicht wahrhaben wollte“. Seine Vision: ein neuer Gesellschaftsvertrag, der zwischen Migrant*innen und Konservativen, Liberalen und Grünen ausgehandelt werden müsse. „Dabei muss klar sein: Unser Zusammenleben ist regelbasiert. Alle müssen verstehen, dass Mann und Frau in Deutschland gleichberechtigt sind, dass Schwule und Lesben die gleichen Rechte haben und Erziehung ohne Gewalt stattfindet. Wenn das etwa von reaktionären Religionsvertreter*innen in Frage gestellt wird, muss man klare Worte finden.“ Andererseits müsse Deutschland aber auch endlich sein Bildungssystem so weiterentwickeln, dass weder die ethnische noch die soziale Herkunft darüber entscheidet, welchen Weg die Kinder nehmen.

Wo fängt man da an? Mit Begegnung und Zuhören. Wie auf der Feier am Vortag, wo es vor Menschen mit Migrationshintergrund nur so wimmelte. „Erfahrungen von Menschen wie etwa Aykut können uns dabei helfen, mit diesen schwierigen Themen umzugehen“, sagt Cem. Aykut Anhan ist der Rapper, der sich Haftbefehl nennt. In einer viel diskutierten Dokumentation sprach er sehr offen über Drogenabhängigkeit, familiäre Traumata und psychische Probleme. „Das finde ich absolut beeindruckend“, sagt Cem, der ehemalige Sozialarbeiter. „Wir Männer tun uns ja oft schwer damit, über psychische Probleme zu sprechen oder gar Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Quelle: Gero Günther

Warm anziehen und nicht das Blaue vom Himmel versprechen: Cem Özdemir plädiert für Pragmatismus und Entschlossenheit in Zeiten multipler Krisen.

„Das Elektroauto ist die Zukunft und eindeutig das bessere Fahrzeug.“

Zugegeben: Cems Bereitschaft, sich außerhalb eingefahrener politischer Bahnen zu bewegen, kann manchmal irritieren. Auch bei den Grünen. Ich habe das selbst erlebt, in den Anfangstagen des Bad Uracher Ortsverbandes, als man sich in der Pizzeria Wurster traf – und wir Gymnasiast*innen gerne pauschal auf das System schimpften. Cem nervte uns dann regelrecht damit, dass er als Kind von Einwanderern von seinem großen Respekt vor den demokratischen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland sprach. Und auch heute eckt er gelegentlich an in seiner eigenen Partei. Das Thema „Verbrenner-Aus“ drängt sich auf, als wir auf unserem Rückweg aus der Natur die Alexanderstraße überqueren und geradewegs in eine Abgaswolke marschieren. Cem hatte sich zuletzt beim Ausstiegstermin flexibel gezeigt und damit bei manchen Parteifreund*innen für Überraschung gesorgt. Er bleibt dabei: „Man darf die Jahreszahl 2035 nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen.“ Der Termin sei ohnehin nicht haltbar, weil es Staaten in der EU gäbe, die noch so gut wie keine Ladestationen hätten. „Aber wir dürfen natürlich nicht die Hände in den Schoß legen – wie die CDU das gerade tut“. Dringend brauche es eine KFZ-Steuer-Befreiung für E-Autos in allen EU-Ländern und einen schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur. „Das Elektroauto ist die Zukunft und eindeutig das bessere Fahrzeug“. Aber man müsse, so Cem, eben auch die Skeptiker*innen mitnehmen. Besonders diejenigen, die im Automobilsektor arbeiten und um ihren Arbeitsplatz fürchten.

Als wir uns dem Ende des Spaziergangs nähern, hageln Cems Argumente immer schneller auf mich ein. Ich finde das angesichts der Herausforderungen, die er zu meistern hat, ziemlich angemessen und verzeihe ihm, dass der Ton immer offizieller wird. Als Erstmaßnahme gegen die Krise in der Wirtschaft schlägt Cem etwas vor, das er „Effizienzgesetz“ nennt. Die Idee: Berichts- und Dokumentationspflichten fallen zu einem Stichtag automatisch weg, sofern sie bis dahin nicht glaubhaft als notwendig begründet wurden. „Die Betriebe krachen zusammen unter Vorgaben, die nicht mehr umsetzbar sind“, sagt er. Zu viele Details, zu viele Sonderfälle. „Ich will dafür sorgen, dass sich Unternehmen und Startups um neue Entwicklungen und Innovation kümmern können, statt um Papierkram“. Baden-Württemberg, sagt er, soll das Paradebeispiel für eine schlanke, schlagkräftige Verwaltung werden. „Wir brauchen einen Kulturwandel: Mehr Vertrauen in den gesunden Menschenverstand und mehr Zutrauen gegenüber den Mitarbeiter*innen“.

Quelle: Gero Günther

„Ich will dafür sorgen, dass sich Unternehmen und Startups um neue Entwicklungen und Innovation kümmern können, statt um Papierkram.“

Schon in Sichtweite seiner Wohnung ist Cem immer noch voll in Fahrt. Er will noch von den „Hidden Champions“ erzählen, die er im Wahlkampf besucht hat. Firmen, die für zukunftsweisende Technologien stehen, „aber zunehmend auch explizit europäische Werte vertreten“. Wer wisse denn schon, dass fast jeder Satellit, der nicht aus China oder Russland stammt, Technologie aus Backnang enthält? Oder dass Metzingen ein Mekka in der humanoiden Robotik ist? Grüne Technologien und der Gesundheitssektor seien in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren besonders gewachsen. Man verdiene gutes Geld damit, „dass wir emissionsfrei werden, aus fossilen Energieträgern aussteigen, sparsam mit Rohstoffen umgehen und recyceln“. An den alten Erfinder- und Unternehmergeist, der das Ländle groß gemacht hat, will er anknüpfen, wenn es um nachhaltige Zukunftstechnologien geht. „Jetzt ist es Zeit für ein Baden-Württemberg 2.0. Das möchte ich anpacken“.

Anpacken muss Cem jetzt allerdings erstmal ganz buchstäblich. Wir sind wieder in seiner Wohnung angekommen und beenden unser Gespräch einigermaßen abrupt, um noch ein paar Tische und Stühle, die für die Party umgestellt worden waren, an ihre Ursprungsorte zurückzutragen. Erst müssen die Aufräumarbeiten erledigt werden, ehe es für den Kandidaten weitergeht. Am Schluss steht nur noch die Frage im Raum: Bleibt dem Geburtstagskind noch genügend Zeit, um eine kurze Siesta einzulegen?

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