Please login to bookmark Close

Brücken bauen in der WG: Gedanken zum Beziehungsstatus von Wir und Ich

Wenn der Begriff Freiheit ins Feld geführt wird, um individuelle Interessen gegen das Gemeinwohl auszuspielen, läuft etwas fundamental schief, findet der Autor und Philosoph Jan Skudlarek. Er plädiert für ein Wir, das persönliche Autonomie und gesellschaftliche Verantwortung zusammendenkt.

● Von

Lesezeit: 5 Minuten

Quelle: Maximilian Gödecke

In Ihrem Buch „Wenn jeder an sich denkt, ist nicht an alle gedacht“ beschreiben Sie die Gefahren, die aus einem – wie Sie es nennen – „autonomistischen Denken“ erwachsen. Was meinen Sie damit?

Wir leben in Zeiten, in denen man uns ständig erzählt, dass wir unseres eigenen Glückes Schmied sind und dass es nur um einen selbst geht. Auch unser Kanzler Friedrich Merz bedient sich bekanntlich sehr gern dieses neoliberalen Narrativs. Das Motto lautet: Ich, ich, ich. Wer so argumentiert, blendet die sozialen Gegebenheiten, die Wir-Haftigkeit des Menschen aus. Die Eingebundenheit in Strukturen und die damit einhergehende Verantwortung werden zu oft außer Acht gelassen. So wird rücksichtsloser Egoismus salonfähig gemacht. Langfristig bedeutet das auch: Entsolidarisierung.

„Die nationalistische Argumentation schmeichelt dem kleinbürgerlichen Egoismus.“

Wiegt die Verantwortung der globalen Perspektive zu schwer?
Mitunter ja. Während die nationalistische Argumentation dem kleinbürgerlichen Egoismus schmeichelt, sprechen linke und grüne Parteien von einer Verantwortung für den Planeten und das Wohlergehen zukünftiger Generationen. Die Konservativen machen es sich hingegen leicht und betreiben eine massive Rückabwicklung, sie suchen die Flucht nach hinten. Die Grenzen werden dichtgemacht, die Brücken hochgezogen. Deutschland kümmert sich erstmal nur um sich selbst. Das ist Renationalisierung, Vergangenheitspolitik. Wenn Merz davon spricht, dass Migrant*innen ein Problem im Stadtbild darstellten, bedient das Vorurteile, reaktionäre Angstgefühle und rassistische Sehnsüchte. Es geht um die vermeintlich „gute alte Zeit“, um eine Retrotopie.

Im Umkehrschluss verstehen viele Menschen Verantwortung für das Allgemeinwohl als unzumutbare Einschränkung ihrer Freiheit.

Ja. Ein Zeichen dafür ist, dass Freiheit oft zu individualistisch verstanden wird und man ohne Rücksicht auf Verluste auf seine vermeintlichen Rechte beharrt. Und nicht nur das: Menschen, die sich um das Klima sorgen, werden als Moralisten diskreditiert. Man wirft „Gutmenschen“ vor, über andere bestimmen und ihre Freiheit einschränken zu wollen. Das ist natürlich Heuchelei, vor allem wenn manche Konservative gleichzeitig Absurditäten durchsetzen wollen, wie das Verbot der Bezeichnung von Veggieprodukte als „Steak“ und „Wurst“. Moral und Ethik sollten aber nicht als etwas Nerviges gesehen werden. Es geht in der Ethik doch darum herauszufinden, wonach wir unser soziales Leben ausrichten wollen. Was das gute Leben ausmacht, was wünschenswert und nachahmenswert ist – für alle. Moral ist kein Schimpfwort, sondern die Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

„Moral ist kein Schimpfwort, sondern die Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.“

Quelle: Ninara/Flickr

Veränderung zum Positiven: In Paris ist die Luft durch die grüne Politik der Bürgermeisterin Anne Hidalgo viel besser und die Stadt lebenswerter und grüner geworden.

Ethik und Moral schreiben sich ja eigentlich auch der Konservativismus und Liberalismus auf die Fahnen.

Eigentlich. Doch der Rückzug auf die eigenen egoistischen Interessen wird von Leuten wie Markus Söder als Freiheit verkauft. Ich nenne das „Freiheitspopulismus“. Eine Methode, die die Verantwortung für die Gemeinschaft leugnet. Ist doch latte, ob man einen Langstreckenflug bucht oder mit dem Zug fährt. Wir haben ja eh keinen Einfluss auf die globale Entwicklung, behaupten die Freiheitspopulisten. Was stimmt: Dass man eine Teil-Verantwortung für das Wohlergehen anderer, für den Umgang mit den begrenzten Ressourcen und die Erwärmung des Planeten hat, ist ein durchaus stressiger Gedanke. Wer jedoch Rücksichtnahme auf zukünftige Generationen als persönliche Einschränkung empfindet, reagiert nicht selten mit Trotz. Die Psychologie spricht da von Reaktanz. So werden der Konsum von Fleisch und Wurst und das Heizen mit Gas schnell zum Freiheitskampf. Das ist total absurd. Aber vermutlich haben wir die Bockigkeit der Menschen unterschätzt. Und die Mobilisierungskräfte der fossilen Industrien,…
… die die Transformationsmüdigkeit aktiv schüren.
Ganz genau! Dahinter stehen handfeste politische und wirtschaftliche Interessen, unter anderem von Öl- und Gasfirmen, Stadtwerken und Autobauern und allen, die finanziell vom Ist-Zustand profitieren. Dass über Heizungen mit so viel Zorn gesprochen wird, ist kein Zufall. Die Bildzeitung hat eine Kampagne gegen das „Heizungsgesetz“ gefahren. Wir sollten diesen gezielten Agitationen aus dem unternehmerisch-medialen Komplex eine progressive Politik entgegensetzen, die nicht nur wirksam, sondern auch sexy ist. Die Bürger*innen müssen spüren, dass die Transformation etwas Positives ist und eine höhere Lebensqualität bietet. Nehmen wir ein Beispiel wie Paris, wo die Luft durch die grüne Politik der Bürgermeisterin Anne Hidalgo in kurzer Zeit besser und die Stadt viel grüner geworden ist. Davon profitieren alle. Allerdings muss das auch ankommen in der Gedanken- und Gefühlswelt der Leute.

„Die spalterische Rhetorik – Links gegen Rechts oder Stadt gegen Land – ist verlockend, aber unproduktiv.“

Was können wir noch tun, um dieser Transformationsmüdigkeit entgegenzuwirken?

Wir sollten Brücken bauen. Auch sprachliche Brücken – und etwa mit Konservativen über die Bewahrung der Schöpfung sprechen. Wir schützen ja nicht abstrakt irgendein Klima, sondern unsere wirkliche Welt. Die spalterische Rhetorik – Links gegen Rechts oder Stadt gegen Land – ist verlockend, aber unproduktiv. Kulturkampf polarisiert nur und lenkt ab von den wichtigen Themen und Problemen. Insbesondere in den sozialen Netzwerken müssen wir aufpassen, uns nicht sinnlos aneinander abzuarbeiten und uns im Freund-Feind-Schema zu verlieren. In dieser entkörperten Kommunikation vergreift man sich besonders leicht im Ton. Und klar, auch ich bin nicht immer nachsichtig im Netz. Man muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Doch wo die Polarisierung zunimmt, ist langfristig das Gemeinwohl in Gefahr.

Quelle: Florian Siedl/Unsplash

Skudlarek vergleicht unsere Gesellschaft gerne mit einer Wohngemeinschaft, denn echtes soziales Miteinander erleben wir vor allem im Kleinen.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Streitschrift für ein neues Wir“. Wie soll dieses neue Wir aussehen?

Ich bemühe in dem Zusammenhang gerne die Metapher der Wohngemeinschaft. Es gibt die Erde als gemeinsames planetarisches Haus, aber das soziale Miteinander erleben wir meist im Kleinen, in unserem Kiez. Wie geht’s meinem Nachbarn? Wie steht’s um meine Straße? Wie ist die Luftqualität? Gibt es einen Park? Oder nur Parkplätze? Im Lokalen müssen wir Lösungen über die Parteigrenzen und Weltanschauungen hinweg finden. Mit einem größtmöglichen Pragmatismus. In diesem Zusammenhang ist es gut, dass wir derzeit von ehemaligen CSU-Parteichefs wie Horst Seehofer vermehrt Kritik an der Söder’schen Linie hören, die im Wesentlichen aus substanzlosem Grünen-Bashing besteht. Es ist gut, dass es auch bei den Konservativen viele Menschen gibt, die die Brücken zu den Grünen auf keinen Fall abbrechen wollen. Was mit einer Demokratie ohne überparteilichen Dialog passiert, sehen wir momentan in den U.S.A. Man sollte unter Demokraten halbwegs respektvoll miteinander umgehen – trotz aller Differenzen.

Zur Person

Jan Skudlarek, Jahrgang 1986, hat Philosophie und Hispanistik studiert und in Sozialphilosophie promoviert. Er ist Autor von Sachbüchern, Professor für Soziale Arbeit und Speaker. Skudlarek postet zu gesellschaftlichen, politischen und philosophischen Themen und bezeichnet sich unter anderem als „Bluesky- und Wärmepumpen-Ultra“. www.janskudlarek.de

Das könnte dich auch interessieren …

Please login to bookmark Close

Im Osten viel Neues

Warum haben es die Grünen in Ostdeutschland so schwer und was kann man tun, um politisch wieder Land zu gewinnen? Eindrücke, Einsichten und Ausblicke von drei ostdeutschen Politiker*innen.

● Von

Please login to bookmark Close

Energiewende auf Wachstumskurs

Kurven und Balken, die Hoffnung machen: Momentaufnahmen eines Trends, der nicht mehr zu stoppen ist.

● Von

Please login to bookmark Close

Grüne Power für die Ukraine

Wie zwei geflüchtete Ingenieur*innen mit Solarenergie in ihrer Heimat helfen wollen.

● Von

Nach oben scrollen