Rutger Bregman im Interview: Headhunter für eine bessere Welt
Vor zwei Jahren gründete der niederländische Historiker und Bestsellerautor Rutger Bregman die „School for Moral Ambition“. Sein Ziel ist es, eine Allianz hochqualifzierter Idealist*innen zu versammeln, um große globale Probleme zu lösen. Ob das funktionieren kann und warum auch ein deutscher Grüner zu seinen Vorbildern zählt, erläutert Bregman im Interview.
- André Boße
Lesezeit: 6 Minuten
Quelle: Frank Ruiter
Rutger Bregman (37) ist Historiker, Bestsellerautor und gilt als wichtige Stimme progressiver Kräfte. Mit seinem neuesten Projekt will er Banker und Berater dazu bringen, sinnlose Jobs an den Nagel zu hängen und sich stattdessen für eine bessere Welt einzusetzen.
Sie haben vor zwei Jahren den Entschluss gefasst, weniger zu reden und zu schreiben und stattdessen zu handeln. Wie läuft es seitdem für Sie?
Rutger Bregman: Ich bin nicht unzufrieden. Aber darf ich zunächst kurz erklären, warum ich mich dafür entschieden habe, den Schwerpunkt meiner Arbeit zu verlegen?
Nur zu.
Ich habe ein Jahrzehnt meiner Karriere in der Awareness-Industrie verbracht, Artikel und Bücher geschrieben, Interviews gegeben und Podcasts aufgenommen. Mein Ziel war es, wichtigen Themen die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdienen. Dann aber rutschte ich in eine Midlife-Crisis. Ich hatte mich selbst satt und das Gefühl, nichts zum Guten zu bewegen. Den allermeisten ist bekannt, wie gefährlich die Klimakrise ist und dass der Reichtum auf dieser Welt sehr ungerecht verteilt ist. Doch das Wissen um diese Missstände allein ändert nichts. Es gibt eine große Kluft zwischen dem Bewusstsein für ein Problem und der Bereitschaft der entscheidenden Akteur*innen, dieses durch entsprechendes Handeln zu lösen. Ein gutes Beispiel ist die vergleichsweise viel zu geringe Besteuerung sehr reicher Menschen. Jeder weiß um das Problem, aber es wird nichts getan.
„Es gibt eine große Kluft zwischen dem Bewusstsein für ein Problem und der Bereitschaft, dieses durch entsprechendes Handeln zu lösen.“
Sie forderten 2019 auf dem Weltwirtschaftsgipfel eine Reichensteuer. Ein Satz ging viral: „Taxes, taxes, taxes – all the rest is bullshit!“
Weil ich damals in Davos ein paar böse Dinge über Milliardär*innen gesagt habe, wurden sehr viele Menschen auf mich aufmerksam. Plötzlich war ich beliebt, verkaufte mehr Bücher – aber sonst passierte nichts. Vielleicht war ich naiv, zu glauben, dass nach der starken Reaktion auf meine Worte in Davos die richtigen Leute die Initiative ergreifen. Aber dazu kam es natürlich nicht. Mir wurde klar: Ich muss meine Energie anders nutzen und selbst etwas auf die Beine stellen. Deshalb bin ich zum Unternehmer geworden und habe die School for Moral Ambition aufgebaut. Sie ist eine globale Allianz ambitionierter Idealist*innen, bei der ich jetzt als Mitbegründer arbeite.
Was zeichnet diese ambitionierten Idealist*innen aus?
Dass sie eben nicht nur „taxes, taxes, taxes” rufen, wie ich damals, sondern dass sie notwendige Koalitionen mit Expert*innen bilden, um die Möglichkeiten zu identifizieren, mit denen zum Beispiel die Superreichen ihre Steuern umgehen. In einem zweiten Schritt erarbeiten sie Vorschläge, wie das künftig verhindert werden kann, und platzieren diese in den relevanten Institutionen wie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, der Europäische Kommission oder dem Internationalen Währungsfonds. Sie machen konkrete Lobbyarbeit für echte Veränderungen.
Fällt es Ihnen schwer, für diese Arbeit gute Leute zu gewinnen?
Im Gegenteil! Was mich überrascht, ist unsere immense Anziehungskraft. Es gelingt uns, sehr talentierte Leute abzuwerben, die in sinnlosen Professionen ihre Zeit vergeuden. In zwei Jahren haben wir mehr als 24.000 Mitglieder aus mehr als 150 Ländern gewonnen. Leute in den USA und Europa kündigen ihre Jobs bei Unternehmensberatungen wie McKinsey oder Investmentbanken, um zu uns zu kommen. Außerdem haben wir den USA ein Stipendienprogramm an der Harvard University ins Leben gerufen, für das sich zehn Prozent der Juniorstudierenden beworben haben.
So funktioniert die School for Moral Ambition
Die 2024 gegründete School for Moral Ambition mit Niederlassungen in New York, Amsterdam und Brüssel hat sich zum Ziel gesetzt, beruflich ambitionierten und idealistischen Menschen auf der Suche nach Sinn eine Plattform und ein Netzwerk zu bieten, um ihre Karriere neu auszurichten. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: ein kostenloses Programm namens „Moral Ambition Circles”, bei dem Gruppen von sechs bis acht Personen sich selbst organisieren. Sie sollen ihren ihren persönlichen Weg finden, um etwas zu bewirken. Die andere Option sind die Stipendien, für die sich interessierte Menschen bewerben können und für die sie auch bezahlt werden. Über einen Zeitraum von sieben Monaten widmen sie sich in Vollzeit dem Aufbau einer Karriere mit Wirkung. Sie bekommen sie erstklassige Schulungen, praktische Erfahrung und arbeiten an einem Einsatzort im Zentrum des Geschehens – dort, wo echte Veränderungen angestoßen werden können.
Was sind für Sie sinnlose Professionen?
Bullshit-Jobs, in denen Menschen als Marketingfachleute oder Berater*innen ihr Talent verschwenden. Sie verdienen gutes Geld, fördern aber in keiner Weise das Gemeinwohl.
Wie erklären Sie sich diese Attraktivität der School for Moral Ambition für Leute mit Bullshit-Jobs?
Viele Menschen in den Businesseliten sind einsam. Sie merken, dass oberflächlicher Konsum nicht glücklich macht. Sie suchen nach Gemeinschaft, tun sich aber schwer, etwas zu finden, das sie begeistert. Und viele Menschen sind zutiefst besorgt über den Zustand der Welt. Für diese Leute wollen wir eine Anlaufstelle sein. Wir bekämpfen Einsamkeit und Zynismus, indem wir gemeinsam daran arbeiten, die Welt zu verbessern. Unser Leitgedanke lautet: Mach was – und zwar viel! Es reicht nicht, die Welt nur ein bisschen zu verbessern. Dafür gibt es zu viel zu tun. Und zwar so viel, dass wir Prioritäten setzen müssen. Wir gehen dabei nach der von uns so genannten Gandalf-Frodo-Methode vor.
Gandalf und Frodo aus dem Fantasy-Roman „Der Herr der Ringe“?
Genau. In dieser Geschichte von J.R.R. Tolkien will das Böse den Ring – und damit an die Macht. Gandalf geht zu Frodo, dem Helden des Romans, und sagt: „Das ist ein großes Problem, und du musst es lösen.“ Wir haben in unseren Reihen Priorisierungsforscher*innen, die unsere Gandalf-Figuren sind. Sie ermitteln große, aber lösbare Probleme und geben unseren Leuten dann den Auftrag: Geht das bitte an.
Welche Probleme sind das?
Zum Beispiel die Umstellung auf ein nachhaltiges System zur Produktion von Nahrungsmitteln – ein in unseren Augen völlig vernachlässigter Aspekt im Kampf gegen den Klimawandel. Und zudem ein Verbrechen an den Tieren, insbesondere im Hinblick auf industrielle Haltungsformen. Wir haben deshalb kleine Armeen von ehemaligen Unternehmensjurist*innen, Berater*innen oder Finanzleuten zur EU nach Brüssel geschickt, um ungewöhnliche Koalitionen zu schließen, mit Veganer*innen aus dem linken politischen Spektrum und wertkonservativen Landwirt*innen. Beide Seiten trennen politisch Welten. In ihrem sehr kritischen Blick auf die Massentierhaltung sind sie aber in der Sache vereint. Warum sollten sie also in diesem einen Feld nicht zusammenarbeiten?
Quelle: niromaks/Adobe Stock
Probleme, die lösbar sind: Die nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln und mehr Tierwohl haben für die Teams der School for Moral Ambition Priorität.
Sie haben vorhin davon gesprochen, dass Sie jetzt viel lieber an konkreten Projekten arbeiten. Warum?
Endlich gehe ich Risiken ein! Als Journalist und Autor habe ich häufig Dinge geschrieben oder gesagt, die ziemlicher Unsinn waren. Da gab es dann ein paar kritische Feedbackstimmen in den sozialen Netzwerken, aber ansonsten hatte das keinerlei Konsequenzen. Mich hat das unzufrieden gemacht. Wenn ein Friseur sich verschneidet, ist der Kunde wütend. Friseur*innen haben also etwas zu verlieren. Daher haben sie ein großes Eigeninteresse daran, gute Arbeit zu leisten. In vielen gesellschaftlich wichtigen Bereichen existiert dieses Eigeninteresse an effektiver Arbeit jedoch nicht.
„Der Grüne Hans-Josef Fell hat mit seinem Einsatz für die Subvention der Solarindustrie die Weltgeschichte verändert.“
Haben Sie ein Best Practice-Beispiel?
Die „Against Malaria Foundation“ ist die mit Abstand effektivste Organisation im Kampf gegen eine Krankheit, an der jährlich 600.000 Menschen sterben. Was hat diese NGO anderen voraus? Rob Mather, einen ehemaligen Unternehmensberater, der sein strategisches Talent heute nicht mehr in Bullshit-Branchen verschwendet, sondern dafür einsetzt, Leben zu retten. Für die „Against Malaria Foundation“ hat er supereffektive Fundraising- und Betriebsstrukturen aufgebaut. Alle, die dort arbeiten, werden permanent zur Rechenschaft gezogen. Funktioniert das, was wir da machen? Wenn nicht, dann machen wir es besser. Beim professionellen Qualitätsmanagement kennen sich Leute, die früher beispielsweise in Investmentbanken gearbeitet haben, sehr gut aus. Mather ist damit eine von diesen Einzelpersonen, die Großes bewirken und dafür viel zu wenig gefeiert werden. Ein anderer ist übrigens bei den deutschen Grünen. Seltsam, dass er in Deutschland kein Held ist.
Wen meinen Sie?
Hans-Josef Fell. Er hat mit seiner Idee von Subventionen für Solarzellen und als einer der Urheber des Erneuerbare-Energien-Gesetzes die Weltgeschichte verändert.
Das müssen Sie erklären.
Sein Ansatz war stark vereinfacht: Lasst uns die Solarindustrie so stark subventionieren, dass die Produktion billig wird und die Lernkurve steil ist. Vor ihm gehörte diese Energieform zu den teuersten. Nun ist sie dank der schnellen Fortschritte in der Technologie und der Produktion die kostengünstigste Variante unter den erneuerbaren Energien. Davon profitiert die ganze Welt – ökonomisch und ökologisch. Viele Länder Afrikas können dank billiger Solarenergie mit wesentlich weniger fossilen Brennstoffen einen ganz neuen Weg wirtschaftlicher Entwicklung einschlagen. Und stellen Sie sich vor, wir hätten im Kampf gegen den Klimawandel keine bezahlbare Solarenergie. Als saubere, erneuerbare und in vielen Teilen der Welt zuverlässige Energieform ist sie das mächtigste Instrument, um die Erderwärmung zu bremsen.
Quelle: Johan/Adobe Stock
Ein mächtiges Instrument gegen die Erderhitzung: Solarenergieanlagen, wie hier in Malawi, sind in vielen Teilen der Welt eine saubere, günstige und erneuerbare Energiequelle.
Was entgegnen Sie Leuten, die sagen: Von diesen Investitionen in Solarenergie hatte Deutschland ja nicht viel, weil China mittlerweile die Solarindustrie dominiert.
Ich finde diese Sichtweise einfältig. Es ist doch logisch, dass China als industrielle Großmacht viel eher in der Lage ist, Milliarden von Solarmodulen in großem Maßstab zu produzieren. Vielleicht dachten die Deutschen, sie würden von ihrer damals sehr frühen Förderung von Solarenergie nur selbst profitieren. In Wirklichkeit aber hat das der gesamten Menschheit geholfen. Man sollte das feiern! Und dann gleich die nächste weltbewegende Idee entwickeln. Das ist die Einstellung, die ich als moralische Ambition bezeichne.
Was ist Ihr Ratschlag für eine gute politische Arbeit im Sinne moralischer Ambition?
Gebt euch nicht mit knappen Niederlagen zufrieden! Gewinnen ist moralische Pflicht. Man muss sich ständig anpassen, muss schnell reagieren. Dabei geht es nicht um die reine Lehre, sondern darum, gute Ergebnisse zu erzielen.
„Wir führen hier keinen Kampf, um unsere Meinungen durchzusetzen. Wir führen den Kampf für eine bessere Welt.“
Der Zweck heiligt die Mittel?
Wir führen hier keinen Kampf, um unsere Meinungen durchzusetzen. Wir führen den Kampf für eine bessere Welt. Wenn es also darum geht, ein genehmigtes Windrad aufzustellen, aber ein Nachbar will das nicht, dann stellt das Windrad trotzdem auf und holt die Kamera raus, um zu dokumentieren, dass ihr es durchzieht. Dabei sehe ich auch die grünen Parteien Europas in der Pflicht. Sie sind diejenigen, die die sprichwörtlichen Schaufeln in den Boden rammen müssen.
Zur Person
Rutger Bregman (Jahrgang 1988) ist ein niederländischer Historiker, Autor und Unternehmer. Er erwog er eine Karriere als akademischer Historiker, ging dann aber in den Journalismus. 2014 veröffentlichte er das Buch „Utopien für Realisten“, das ihn zum globalen Bestsellerautor machte. 2024 war er Mitbegründer der „School for Moral Ambition“. Inspiriert dazu hat er sich selbst: Nach der Arbeit an seinem Buch „Moralische Ambition“ mit dem Untertitel „Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt“ schien ihm die Zeit gekommen, selbst auch an der konkreten Umsetzung notwendiger Veränderungen zu arbeiten. (Porträt: Maartje ter Horst)
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