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Der Sound des Widerstands

Bruce Springsteen widmet seine Tournee dem Protest gegen das Trump-Regime, Tori Amos besingt auf ihrem neuen Album den Kampf gegen die Diktatur. Ist es endlich da, das musikalische Aufbäumen der US-Popkultur? Wir haben mal reingehört.

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Lesezeit: 3 Minuten

„Du sollst singen und über Politik dein Maul halten.“ Kommentare dieser Art bekommen unzählige US-Musiker*innen dieser Tage in den sozialen Medien, wenn sie sich kritisch über die Trump-Regierung äußern. Eine Absurdität. Gerade in den USA ist das musikalische Auflehnen gegen oppressive Obrigkeit fester Bestandteil der Popkultur, für viele Künstler*innen verlieh der Protest ihrer Musik überhaupt erst einen Sinn. Wut, Widerstand und Folkpicking auf abgeschrammelten Akustikgitarren – über Jahrzehnte gehörte das zusammen.

Die Ikone: Woodie Guthrie, der in den 40er-Jahren gegen Faschismus, Rassismus und das harte Los der Wanderarbeiter*innen ansang. Auf seiner Gitarre prangte der Spruch „This Machine Kills Fascists“. Und schon damals wetterte er leidenschaftlich gegen Trump (genauer: gegen Fred Trump, den Vater des aktuellen Präsidenten, den er in einem Song als rassistischen Immobilienhai anprangerte). Dann waren da natürlich seine Erben, die großen Stimmen der Gegenkultur der 60er-Jahre, Bob Dylan, Joan Baez oder Pete Seeger mit ihren Hymnen für Frieden, Bürgerrechte und sozialen Wandel. In den 80er-Jahren wandte sich Tracy Chapman in ihren Songs gegen systemische Ungerechtigkeiten und die Hip Hop Bands jener Zeit, etwa Public Enemy („Fight The Power“), kämpften musikalisch gegen Polizeigewalt und Rassismus.

“We’ll take our stand for this land and the stranger in our midst”, singt Bruce Springsteen in “Streets of Minneapolis” – ein kämpferisches Statement gegen ICE-Brutalität und Fremdenhass. (Quelle: Columbia Records)

Und heute, da das Land wie nie zuvor in Richtung Autoritarismus und Oligarchie driftet? Sind sie durchaus wieder da, die Wandersänger*innen des Widerstands. Allerdings, so stellt man schnell fest, vor allem die älteren Semester, denen die Lieder von einst wohl noch in den Ohren klingen (sofern sie sie nicht selbst verfasst haben). Allen voran Bruce Springsteen, der sich nicht nur mit dem millionenfach gestreamten Protest-Song „Streets of Minneapolis“ gegen die Gräueltaten der US-Einwanderungsbehörde ICE wandte. Auch seine aktuelle US-Tournee mit der E Street Band steht im Zeichen des Widerstands gegen die Trump-Regierung und ihren Autoritarismus.

„Das sind die Momente, in denen ich denke, dass wir für die Gemeinschaft von echtem Wert und wirklichem Nutzen sein können“, sagte der „Boss“ der Zeitung Star Tribune. Seine Auftritte sind eine Mischung aus Konzert und politischer Demo, bei der Springsteen Abend für Abend klare Worte findet: „Das Amerika, das ich liebe (…) ist gegenwärtig in der Hand einer korrupten, inkompetenten, rassistischen, rücksichtslosen und verräterischen Regierung“, sagte er etwa beim Auftakt in Minneapolis. Von Verbalattacken Trumps (in gewohnt sachlicher Manier ätzte der Präsident, Springsteen sehe aus wie eine getrocknete Pflaume), lässt sich der Boss nicht beirren. Bei allen Konzerten fest an seiner Seite ist übrigens Tom Morello, einst Gitarrist der überaus politischen Rockband „Rage Against the Machine“ und nicht minder entschlossener Trump-Gegner.

“How much did you get for your soul?” fragt Lucinda Williams auf ihrem aktuellen Album – und prangert wütend all die Mitläufer*innen an, die Trump um des eigenen Profits willen folgen. (Quelle: Rough Trade)

Springsteen und Morello sind nicht allein. Zu Beginn des Jahres brachte die Roots-Rock-Ikone und dreifache Grammy-Preisträgerin Lucinda Williams mit „World’s Gone Wrong“ ein ganzes Anti-Trump-Album heraus, eine schonungslos düstere Analyse über den Zustand ihres Landes, vorgetragen mit grollend-brüchiger Stimme und begleitet von unheilvollen Bluesgitarrenriffs.

Nun legt die Songwriterin und Pianistin Tori Amos nach. Am 1. Mai erscheint ihr neues Album „In Times of Dragons“, das die Künstlerin beschreibt als eine „metaphorische Geschichte über den Kampf der Demokratie gegen die Tyrannei, die die gegenwärtige, abscheuliche und nicht zufällige Zerstörung der Demokratie in Echtzeit durch die ‘diktatorisch denkenden Echsen-Dämonen’ bei ihrer Machtergreifung der USA widerspiegelt.“ Amos‘ Europa-Tour läuft bereits, auch in mehreren deutschen Städten wird sie im Mai auftreten.

“Southern girls know what it means when the patriarchy menacingly says: You shush yourself down now.” Düster und bedrohlich beginnt Tori Amos’ neues Album. Es erzählt eine metaphorische Geschichte über den Kampf zwischen Demokratie und Tyrannei. (Quelle: Deutsche Grammophon)

Erfreulich also, dass die betagteren Bard*innen (Springsteen ist 76, Williams 73, Amos 62) ihr Rückgrat nicht eingebüßt haben. Auch ist es bewegend, dass der 76-jährige Tom Waits nach 15 Jahren Pause zur Musik zurückkehrt, um gemeinsam mit Massive Attack den geharnischten Protestsong „Boots on the Ground“ gegen die US-Militarisierung im In- und Ausland zu droppen. Und es ist rührend, dass der 80-jährige Neil Young den von Trump bedrohten Grönländer*innen kostenlosen Zugang zu all seinen Songs gewährte. (Young ist allerdings in Kanada geboren.)

 

Doch wie sieht es mit den Jüngeren aus?

Die 24-jährige Billie Eilish ist eine der lautesten jungen Stimmen gegen die Trump-Administration – unter anderem kritisiert sie auch deren rückwärtsgewandte Klimapolitik.  (Quelle: © Lars Crommelinck Photography)

Die könnten durchaus lauter sein. Zwar gibt es einige Künstler*innen, die sich deutlich positionieren. Von Billie Eilish etwa stammt der bewegendste Satz der diesjährigen Grammy-Verleihung, bezogen auf das brutale Vorgehen der ICE-Schergen in Minneapolis: „Niemand ist illegal auf gestohlenem Land.“ (Sie fügte auch noch ein weniger poetisches „Fuck ICE“ an, um ganz sicherzugehen, dass ihre Botschaft gehört wird.) Auch Stars wie Olivia Rodrigo oder SZA kritisierten die ICE-Einsätze in US-Großstädten.

Und dann ist da natürlich Bad Bunny, ein menschgewordenes Herzinfarkt-Risiko für Trump und diverse Fox-News-Kommentator*innen. Der Latin-Trap-Star aus Puerto Rico machte sich in der Vergangenheit nicht nur für LGBTQ-Rechte und gegen Kolonialismus stark, er kritisierte Trump mehrfach deutlich und wagte es, bei seinem Super-Bowl-Auftritt nur auf Spanisch zu singen. Allein das ein Affront für die Maga-Bewegung.

Mit musikalischem Widerstand im klassischen Sinn tritt Jesse Welles in Erscheinung. Der 33-Jährige wurde mit satirischen Protest-Songs bekannt, die auf TikTok und YouTube viral gingen (etwa „Join ICE“ oder „Sometimes You Bomb Iran“). Vier Grammy-Nominierungen erhielt er dieses Jahr. Längst wird Welles als Woodie Guthrie des Social-Media-Zeitalters bezeichnet. Da ist sie endlich wieder, die Reibeisenstimme und die abgeschrammelte Gitarre der Folksänger*innen von einst.

Doch auf die große Protest-Hymne von Taylor Swift etwa, oder das Anti-Trump-Album von Beyoncé, warten wir bislang vergeblich. Obwohl beide in der Vergangenheit oft für progressive Werte eingetreten sind und auch im Wahlkampf Trumps Gegnerin Kamala Harris unterstützten. Vergangenes Jahr protestierte Swift allerdings nicht einmal, als die Trump-Regierung ihre Songs auf Social Media nutzte. Jüngere Künstler*innen haben wohl doch mehr zu verlieren als die alte Garde, die sich in den Abendstunden der Karriere den Frust über das Trump-Regime befreit von der Seele singen kann.

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