„Wir sind nicht wütend genug“
Ostdeutsch with attitude: Die Politikberaterin Luna Möbius will kein Blatt vor den Mund nehmen. Und sie hat vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt einiges zu sagen. Für Luna geht es nicht nur darum, eine AfD-Regierung zu verhindern, sondern auch um einen grundsätzlich anderen Umgang mit Ostdeutschen und ihren spezifischen Lebenserfahrungen.
- Redaktion
Lesezeit: 2 Minuten
Quelle: Gianina Morgenstern
Du bezeichnest dich in deiner Insta-Bio als „Sachsen-Anhalts finest rage girl“. Was macht dich gerade besonders wütend und was ziehst du aus dem Gefühl der Wut?
Ich finde, wir sind nicht wütend genug, obwohl es so viele Gründe dafür gibt. Sei es die Tatsache, dass unsere Bundesregierung unser Gesundheitssystem kaputtspart und in Kauf nimmt, dass eine gute Gesundheitsversorgung für viele nicht mehr garantiert sein wird. Sei es die Tatsache, dass unsere Lebensgrundlagen jeden Tag mehr und mehr zerstört werden, Großkonzerne heftig Kohle machen und wir das einfach geschehen lassen. Oder auch der Fakt, dass über 35 Jahre nach der Wende eher Quizshowmoderatoren Platz auf offiziellen Regierungsfotos zum 3. Oktober finden als Ostdeutsche. Meiner Wut keinen Raum zu geben, hat mich lange krank gemacht. Heute ziehe ich daraus vor allem Kraft und den Mut, laut zu bleiben.
Wie erlebst du persönlich Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl?
Die Stimmung ist angespannt, viele Menschen sind in Angst und Sorge. Ich habe das Gefühl, dass viele sich davon lähmen lassen. Oft höre ich den Satz: „Ich würde gern auswandern, aber weiß nicht wohin.“ Ich fürchte aber auch, sollte eine AfD-Regierung verhindert werden können, dass sich Politiker*innen aller anderen Parteien dann den Schweiß von der Stirn wischen und so weitermachen wie bisher.
„Es wird bis heute so getan, als gäbe es nach der Wende keine Spaltungen mehr zwischen Ost und West. Das stimmt aber nicht.“
Was läuft in der Kommunikation in und über Sachsen-Anhalt schief?
Sachsen-Anhalt wurde zu lange nicht beachtet. Über das Saarland macht man wenigstens noch Witze. Aber Sachsen-Anhalt? „Da bin ich bestimmt mal durchgefahren“, habe ich schon oft zu hören bekommen. Mein Vorschlag, dass man ja auch mal in Halle, Dessau, Wernigerode oder Schönebeck aussteigen könnte, wird meist belächelt. Allgemein haben progressive Parteien Ostdeutschland lang nicht genug beachtet. Stattdessen wird bis heute so getan, als gäbe es nach der Wende keine Spaltungen mehr zwischen Ost und West. Das stimmt aber nicht. Noch immer bekommen Menschen in Sachsen-Anhalt knapp 26 Prozent weniger Gehalt, als im Rest der Republik. Noch immer sind Spitzenämter, Firmenzentralen und Medienhäuser überwiegend westdeutsch besetzt und verwaltet. Noch immer haben sich zu viele Westdeutsche nicht mit deutsch-deutscher Geschichte auseinandergesetzt und tun so, als wäre die Zeit der DDR nicht auch Teil unserer Geschichte.
Wie kann Vertrauen in die Politik und den politischen Prozess in Ostdeutschland zurückgewonnen werden?
Ich glaube, es müssen sich ganz grundlegende Dinge ändern. Wie wir mit Ostdeutschen und über Ostdeutsche und ihre Probleme sprechen, wird auch darüber entscheiden, ob und wie wir Vertrauen zurückgewinnen können. Das heißt konkret: Nicht sofort dichtmachen, wenn Ossis übers Ossisein, über Ost und West und über strukturelle Unterschiede sprechen. Nicht sofort alles erklären, sondern wieder mehr zuhören. Und nicht sich selbst in den Mittelpunkt politischen Handelns rücken, sondern Vereine, Organisationen und zivilgesellschaftliche Akteure. Außerdem fehlt es an Identifikationsfiguren. Zu viele Ostdeutsche, vor allem meiner Generation, haben den Eindruck, sich mehr anstrengen zu müssen und dabei doch weniger erreichen zu können als Menschen aus westdeutschen Bundesländern.
Zur Person
Luna Möbius (26) ist in Sachsen geboren und in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Mittlerweile lebt sie in Berlin, wo sie freiberuflich als Speakerin und Content Creatorin arbeitet. Zum Beispiel berät sie Ricarda Lang zu ihrem Social-Media-Auftritt. Luna ist seit 2021 Mitglied der Grünen und nutzt als Aktivistin ihre Online-Accounts um zu queeren Perspektiven, über politische Kommunikation und aktuelle Entwicklungen in Ostdeutschland zu posten.
Das könnte dich auch interessieren …