Was treibt junge Menschen um?
- Redaktion
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Die schwarz-rote Koalition plant einen neuen Wehrdienst, der – „zunächst“ – freiwillig sein soll. Was passiert, wenn sich nicht genügend Freiwillige finden, ist in der Regierung umstritten. „Unsere Generation ist ohne Krieg aufgewachsen, der Krieg in der Ukraine ist beängstigend, gleichzeitig versuche ich, mich nicht verrückt machen zu lassen“, sagt Patrice, 23, Student aus Deggendorf. Die Diskussion über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht ärgert ihn – besonders nach zwei Jahren mit wiederkehrenden Corona-Lockdowns. „Das waren zwei Jahre, die uns fehlen, in denen wir über lange Zeit nicht in die Schule gehen durften und viele zu Hause vereinsamt sind. Die Wehrpflicht bedeutet: ein geklautes Jahr mehr! Da bestimmen Politiker*innen von oben herab, was junge Menschen tun müssen, selber würden sie aber nie in den Krieg ziehen.“
Eine Mehrheit junger Erwachsener (57 Prozent) lehnt die Rückkehr zur Wehrpflicht ab. 61 Prozent sehen darin einen erheblichen Eingriff in die persönlichen Grundrechte junger Menschen. Das zeigt eine von Greenpeace beauftragte Umfrage unter 16- bis 25-Jährigen (September 2025). 74 Prozent der Befragten wünschen sich, in die politische Diskussion um die Wehrpflicht aktiv einbezogen zu werden.
„Unsere Schulen sind in miserablem Zustand. Das ist würdelos.“
„In der 7. hatten wir keine Physik, weil es nicht genügend Lehrer gab“, sagt Felix, 15, Realschüler aus München. „Wir brauchen mehr Lehrer – jetzt!“ Emily, 20, aus Passau, die an einer Mittelschule war, kritisiert: „Unsere Schulen sind in miserablem Zustand. Die Toiletten sind verdreckt, das ist würdelos. Der Unterricht ist veraltet. Auf die Stärken der Einzelnen wird zu wenig eingegangen, dabei ist das die neue Generation!“
Bildung ist Ländersache. Laut der Kultusministerkonferenz wird der Lehrer*innenmangel bis 2033 anhalten.
„In meiner Heimatregion im Landkreis Görlitz ist der Jugendring Oberlausitz pleitegegangen – unter anderem, weil Fördergelder ausgeblieben sind“, sagt Julia, 25, die in Leipzig studiert. Viele demokratiefördernde und kulturelle Projekte würden vernachlässigt: „In den vergangenen Jahren mussten viele Jugendzentren schließen, die eine wichtige Anlaufstelle für junge Menschen sind.“ Gerade auf dem Land gibt es wenige Orte, an denen Jugendliche abhängen können, ohne Mitglied im Fußballclub oder einem anderen Verein sein zu müssen. Da aber, wo sich der Staat rauszieht, gehen die Rechten rein. „Wenn immer mehr Projekte, die Demokratie und Kultur fördern, eingestellt werden, sieht es düster aus“, sagt Julia. Von der Politik fühlt sie sich zu wenig repräsentiert: „Es sind ja kaum junge Leute, die über die Themen diskutieren und entscheiden, die uns Junge betreffen.“
Nur 20 Prozent der 18- bis 24-jährigen Jung- und Erstwähler*innen glauben, dass ihre Anliegen von den demokratischen Parteien der Mitte ernst genommen werden (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung 2024).
Felix, 15, Realschüler aus München, mahnt die Politik: „Der Klimawandel macht doch keine Pause, weil wir gerade andere Sorgen haben.“ Dass die Grünen 100 Milliarden Euro des Infrastruktur-Sondervermögens für den Klimaschutz durchgesetzt haben, finden unsere Befragten gut. Doch sie bleiben skeptisch, was mit dem Geld passiert. Für Bela, 18, Gymnasiast aus Jena, ist die Summe ohnehin viel zu klein: „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, der verdampft – wortwörtlich. Wir müssten zudem viel mehr Geld in das marode ÖPNV- und Bahnnetz stecken.“ Auf dem Land ist es ohne Auto frustrierend, berichtet Tamara, 20, die im Bayerischen Wald als Einzelhandelskauffrau arbeitet. „In unserem Dorf fährt morgens der Schulbus in die nächste Stadt und mittags zurück, für jeden Einkauf oder um abends wegzugehen, braucht man das Auto – es gibt keine Aussicht, dass sich das ändert.“
Klimawandel (63 Prozent) und Umweltverschmutzung (64 Prozent) sind laut der Shell Jugendstudie 2024 wichtige Themen für viele Jugendliche. Noch wichtiger: ein sicherer Arbeitsplatz (91 Prozent).
„Alles ist krass teuer.“
Die Mieten und Lebenshaltungskosten steigen. „Unbezahlte Praktika oder eine lange Ausbildung kann sich kaum jemand leisten“, sagt Erstwählerin Emily, 20, Auszubildende aus Passau. Sie lebt nicht mehr bei ihren Eltern und muss vom Azubigehalt die WG-Miete zahlen. „Jede und jeder sollte unabhängig vom Elternhaus die Ausbildung machen können, die sie oder er machen will. Da wünsche ich mir mehr Unterstützung“, sagt Emily. Auch Julia beobachtet: „Viele Ausbildungswege stehen nur sehr privilegierten Menschen offen.“ Emily und Julia sprechen sich, wie die Grünen, für ein elternunabhängiges Bafög aus. Patrice wünscht sich mehr Regulierung von Mietpreisen: „Es ist krass, wie teuer das Leben geworden ist.“
Im Jahr 2023 waren 36 Prozent der Studierenden in Deutschland armutsgefährdet. Von den Studierenden, die allein oder in WGs leben, gelten sogar mehr als 80 Prozent als arm. 2023 waren knapp 13 Prozent der Studierenden BAföG-berechtigt.
„Wir haben keine Lobby.“
Die Grünen haben das Wahlalter bei der Europawahl 2024 auf 16 gesenkt. Gut so, sagen unsere Befragten. Auf Bundesebene bräuchte es dafür eine Grundgesetzänderung. „Wenn man bei allen Wahlen mit 16 wählen dürfte, hätten wir mehr Mitbestimmungsrecht“, sagt Felix. Von unseren Befragten ist nur Bela politisch aktiv. Vier Jahre lang war er im überparteilichen Jugendparlament in Jena, zwei Jahre als Vorsitzender: „Mir war es wichtig, die Stimme der Jungen zu vertreten, denn die Jugend hat leider keine Lobby in der Politik.“ Bela schätzt den Austausch mit Jugendlichen, die auch andere politische Ansichten vertreten. Gemeinsam organisierten sie im Jugendparlament Podiumsdiskussionen, etwa vor den Landtags- und Kommunalwahlen in Thüringen. Die Polarisierung in der Politik bereitet Bela Sorgen: „Politiker*innen gehen kaum noch aufeinander zu, es geht immer gegeneinander statt miteinander.“
Mehr als die Hälfte der Jugendlichen interessiert sich für Politik. 36 Prozent gaben an, sich selbst politisch zu engagieren (Shell Jugendstudie 2024). Wichtig bei allen Beteiligungsformaten: Vorschläge der Jungen müssen auch umgesetzt werden.
„Wir brauchen keine tanzenden Politiker*innen auf TikTok.“
Patrice findet es gut, dass Politiker*innen auf TikTok & Co. sichtbar sind: „Doch die meisten sind aus der Stadt, die Leute auf dem Land werden oft vergessen.“ Julia sagt: „Wir brauchen keine tanzenden Politiker*innen, wir wollen ernstgenommen werden. Warum fragen die nicht, was junge Leute eigentlich bewegt?“ Auch Patrice wünscht sich leicht verständliche Videos, in denen Politiker*innen ihre Parteiprogramme erklären, aber auch Fragerunden und Social-Media-Sprechstunden abhalten, in denen man direkt nachhaken kann.
Laut der JIM-Studie 2024 (Jugend, Information, Medien) nutzen 54 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in Deutschland TikTok regelmäßig.
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