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Nicht reden, handeln: Warum wir mit politischen Diskussionen unsere Zeit vergeuden

Wer Menschen überzeugen will, kann sich abstrakte Debatten sparen. Die Politikwissenschaftlerin und Psychologin Sarah Stein Lubrano erklärt im Interview, warum wir nicht ums bessere Argument kämpfen, sondern endlich handeln sollten.
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Lesezeit: 5 Minuten

Quelle: Sarah Stein Lubrano

„Worte sind nur Kosmetik“: Dr. Sarah Stein Lubrano sorgt mit ihrem Buch „Don’t Talk About Politics“ für Aufsehen.

Der Glaube an die Macht der Worte ist tief verwurzelt in Politik und Gesellschaft. Das zeigt sich täglich. Etwa daran, wie Donald Trump über ihm missliebige Stimmen in Rage gerät und Kritiker*innen aktiv ins Visier nimmt. Gerade erst forderte er abermals wutentbrannt den Rauswurf des Late-Night-Hosts und Trump-Kritikers Jimmy Kimmel. Vor einer Weile war dieser auf Druck der Trump-Regierung bereits temporär aus dem Programm genommen worden. Doch was kann ein TV-Moderator mit seinen Worten politisch überhaupt bewirken? Sarah Stein Lubrano hat dazu eine klare Meinung.

Frau Stein Lubrano, Donald Trump scheint mehr an die Wirksamkeit seiner Kritiker*innen zu glauben, als diese selbst. Jimmy Kimmel etwa sagte kürzlich: „Ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied macht, was ich sage. Ich mache mir keine Illusionen, dass irgendjemand wegen mir seine Meinung ändert.“ Hat Kimmel da recht?

Sarah Stein Lubrano: Ja, das trifft es ziemlich genau. Vielleicht hat er mein Buch gelesen (lacht). Ich habe mir die besten Forschungsarbeiten angesehen, die sich mit der Frage befassen, ob öffentliche politische Statements und Argumente dazu führen, dass Menschen ihre Meinung ändern. Die Antwort ist nein. Sie haben kaum einen Effekt. Das gilt auch für TV-Debatten und Diskussionen – und ziemlich sicher auch für Jimmy Kimmel. Generell kann man sagen: Worte und Argumente sind überhaupt nicht effektiv, um Menschen zu überzeugen.

„Worte und Argumente sind überhaupt nicht effektiv, um Menschen zu überzeugen.“

Ihr kürzlich erschienenes Buch heißt deshalb auch „Don’t Talk About Politics“. Wie kamen Sie dazu, sich mit dieser Frage zu befassen?

Ich habe politische Theorie und Psychologie studiert. Dabei wurde mir klar, dass die Erkenntnisse moderner Psychologie in der politischen Theorie zu wenig berücksichtigt werden. Die Theorie geht häufig davon aus, dass sich Menschen rational verhalten. Das tun sie aber oft nicht. Man braucht die Blickwinkel beider Disziplinen, um zu verstehen, wie politische Überzeugungen entstehen.

Warum wirken Worte allein nicht?

Es gibt eine Fülle von Gründen dafür, ausschlaggebend ist vor allem ein Phänomen namens „kognitive Dissonanz“. Vereinfacht gesagt bedeutet es: Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie innere Widersprüche verspüren – etwa, wenn sie mit Informationen oder Ideen konfrontiert werden, die ihren eigenen Handlungen oder Verhaltensweisen zuwiderlaufen. Um diesen Widerspruch aufzulösen, neigen sie dazu, ihre Überzeugungen ihrem Verhalten und ihren Erfahrungen anzupassen. Es gibt erstaunliche Studien darüber. Eine zeigt beispielsweise, dass Frauen, denen eine – von ihnen gewünschte – Abtreibung verwehrt wurde, danach stärker gegen das Recht auf Abtreibungen eingestellt waren. Wir gleichen also unsere Einstellungen an unsere Erfahrungen an, das macht uns die Welt verständlicher und erträglicher.

Eigene Erfahrungen beeinflussen uns also stärker als Argumente?
Ja. Unsere Überzeugungen werden durch tiefgreifende psychologische Prozesse geformt. Unsere Handlungen, Erlebnisse und vor allem unsere Beziehungen zu anderen Menschen sind dafür von viel größerer Bedeutung als Worte oder Argumente. Die sind nur Kosmetik. Mit ihnen verschwenden wir oft nur Zeit.

Das wird manche gerade in progressiven Kreisen hart treffen. Die Kraft der Worte, eine lebendige Debattenkultur – für viele sind das hohe Güter.

Das habe ich zu spüren bekommen (lacht.) Ich dachte mir schon, dass mein Buch auf Widerstand stoßen würde, aber ich habe unterschätzt, wie emotional die Menschen das Debattieren verteidigen würden. Ich fühle mit ihnen und ich verstehe, dass es frustrierend ist, zu erfahren, dass manche Aspekte unserer politischen Kultur auf Mythen basieren. Für viele aus dem bildungsbürgerlichen Milieu ist die Fähigkeit zu debattieren Teil ihres Selbstwertgefühls. Sie halten sich für klug und einflussreich, wenn sie gut argumentieren können. Aber da liegen sie falsch. Diese Annahme verstellt unseren Blick auf wichtigere Dinge. Auf Wege, wie wir die Welt wirklich zum Guten verändern können.

Welche Wege sind das? Ich frage für einen Freund (aka eine Partei in Deutschland, der unter anderem Freiheit, Demokratie und Klimaschutz sehr am Herzen liegen).

Die Forschung zeigt: Menschen formen Überzeugungen, wenn sie anderen Menschen begegnen – und wenn sie selbst aktiv werden. Beides können wir fördern und begünstigen. Anstatt unsere Energie in Rhetorik zu stecken, sollten wir lieber einfache Wege aufzeigen, wie man zum Beispiel ein Solarpanel auf dem Dach installieren, einen geflüchteten Menschen bei sich aufnehmen, einem Nachbarn helfen oder ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen gründen kann.

Wie verhält es sich mit Demos und Protestaktionen? Sinnvoll?

Ja, wenn auch auf andere Weise, als viele denken. Sie haben kaum direkte Auswirkungen auf die öffentliche Meinung. Aber sie haben einen Effekt auf die Teilnehmenden. Wenn Menschen aktiv werden, sich gemeinsam organisieren – das formt und festigt ihre Überzeugungen. Insofern sind Demos vor allem gut, um Menschen langfristig für eine Sache zu begeistern.

Quelle: Jonathan Kemper/Unsplash

Handeln hilft: Demonstrationen beeinflussen vielleicht nicht die öffentliche Meinung, aber festigen das Engagement der Teilnehmenden, sagt Sarah Stein Lubrano.

Wer Ihr Buch liest, erfährt: Wichtiger noch als zu demonstrieren ist es, sich für soziale Infrastruktur einzusetzen…

Ja. Wir brauchen mehr Orte der Begegnung, an denen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen zusammenkommen. Dabei sind weniger die Konversationen wichtig, die an solchen Orten stattfinden, sondern die persönlichen Beziehungen und Netzwerke, die dort entstehen. Sie fördern eine gesunde politische Kultur und Offenheit für neue Ideen. Für solche Orte sollte sich die Politik stark machen. Aber auch jede und jeder Einzelne kann in der eigenen Gemeinde dafür etwas tun.

Warum ist dieses Engagement so wichtig?
Weil die Zahl der Gemeindezentren und Jugendclubs überall zurückgeht, ebenso die Zahl der Gaststätten mit erschwinglichen Preisen. Stattdessen haben wir Home Office, Netflix und Lieferservices, damit wir möglichst viel zuhause bleiben. Das hat Folgen.

„Wenn wir die Begegnungen mit anderen Menschen reduzieren, verlernen wir wichtige soziale Fähigkeiten.“

Welche?

Ein zunehmend gefährliches Phänomen, das sich als „soziale Atrophie“ beschreiben lässt: Wenn wir die Begegnungen mit anderen Menschen reduzieren, verlernen wir wichtige soziale Fähigkeiten. Unsere Gehirne schrumpfen buchstäblich – man kann das in MRT-Scans sehen. Das bedeutet, soziale Interaktionen werden für uns zunehmend anstrengender und wir fühlen uns weniger wohl dabei. Ein Teufelskreis, denn dies führt dazu, dass wir soziale Interaktionen immer häufiger meiden und unsere Isolation wächst.

Was hat das für Auswirkungen auf die politische Kultur?
Die Menschen entwickeln oft negative Ansichten über die soziale Welt, an der sie nicht länger teilhaben. Sie werden besorgter, obsessiver. Sie misstrauen zunehmend ihren Nachbarn, fürchten sich vor Kriminalität. Ich bin daher überzeugt, dass soziale Atrophie auch rechtsextreme Ansichten fördert.
Welche Art sozialer Infrastruktur brauchen wir also?
Wissen Sie, wenn ich all das bei Vorträgen erzähle, gibt es immer wieder Leute, die dann sehr motiviert sagen: „Oh super, ich stelle Räume für ayurvedisches Yoga zur Verfügung“ oder so etwas in der Art. Das meine ich aber nicht. So ein Angebot wäre wieder nur für eine homogene Gruppe. Ich spreche von etwas anderem: Kämpfe dafür, dass die öffentliche Bücherei wieder öffnet, die in deiner Kommune geschlossen wurde. Schaffe einen Ort, wo Eltern mit ihren Kindern hingehen können, wenn es am Spielplatz zu kalt ist. Gründe eine Lebensmittel-Kooperative, in der sich die Menschen auch in anderen Belangen des Lebens gegenseitig helfen. So entstehen Begegnungen, Beziehungen, Solidarität. Das fördert Demokratie und differenziertes politisches Denken.

Quelle: Jacob Lund/Adobe Stock

„Wir brauchen mehr Orte der Begegnung“: Eine gute soziale Infrastruktur ist laut Sarah Stein Lubrano von zentraler Bedeutung für die politische Kultur eines Landes.

Welche Rolle spielen soziale Medien in der sozialen Infrastruktur?

Nun, aktuell keine gute. Die Algorithmen begünstigen die Inhalte rechtsautoritärer Parteien wie der AfD in Deutschland und Reform UK von Nigel Farage in Großbritannien. Und das entfaltet Wirkung. Nicht, weil diese Inhalte mit Argumenten überzeugen, sondern weil sie gelebte Erfahrungen von Menschen – wie Isolation und mangelnde Perspektiven – bestätigen und verstärken. Die Betreiber der Plattformen ändern aus wirtschaftlichen und ideologischen Interessen nichts daran. Da müssen wir dagegenhalten. Aber nicht, indem wir debattieren. Ich versuche, auf Social Media Dinge zu posten, die Leuten Hoffnung machen und ihnen Wege aufzeigen, aktiv zu werden.

„Rechtsextreme Strategen rekrutieren Menschen, indem sie ihnen das Gefühl vermitteln, zu einer Bewegung zu gehören.“

Haben Rechtspopulist*innen generell besser verstanden, wie man Menschen überzeugt?
In vielen Fällen leider ja. Rechtsextreme Strategen wie Steve Bannon in den USA wenden im Grunde eine dunkle Version meines Buches an. Sie rekrutieren Menschen, indem sie ihnen geschickt das Gefühl vermitteln, zu einer Bewegung zu gehören – und selbst etwas bewegen zu können. Bannon zeigt ihnen Handlungsoptionen auf – etwa auf lokalen Pöstchen in der republikanischen Partei. In Großbritannien rekrutieren extrem rechte Kreise in Fitnessstudios und Online-Fitness-Gruppen. Gemeinschaft, Kameradschaft und Aktivität werden so mit einer rechten Gesinnung verknüpft. Bei solchen Umtrieben müssen wir wachsam sein, aufklären und auch zivilgesellschaftlichen Widerstand leisten.
Eine Frage liegt noch auf der Hand: Wenn Worte allein wenig bewirken – was bringt ein Gespräch, wie wir es soeben geführt haben? War das etwa ganz umsonst?

(lacht.) Nun, tatsächlich wird niemand wegen dieses Interviews eine tief empfundene Überzeugung ändern. Aber für Strategien und Handlungsempfehlungen sind wir Menschen offener. Ich sehe meine Aufgabe vor allem auch darin, Menschen zu ermutigen, am Ball zu bleiben. Politisch engagiert zu sein heißt hartnäckig sein. Man braucht einen langen Atem. Ich will Menschen motivieren, sich weiter für gute Sachen einzusetzen und nicht aufzugeben. Damit wäre schon viel gewonnen.

Zur Person

Dr. Sarah Stein Lubrano studierte in Harvard und Cambridge, ihren Doktortitel erlangte sie an der Universität Oxford. Ihr Großvater überlebte den Holocaust. In Deutschland geboren, floh er im Alter von 15 Jahren in die USA. „Ich wuchs in einer Familie auf, in der das Bewusstsein herrschte, dass nichts in der Welt unpolitisch ist“, sagt Sarah Stein Lubrano. Die US-Amerikanerin lebt in Großbritannien. Ihr Buch „Don’t Talk About Politics: How to Change 21st-Century Minds“ ist bei Bloomsbury Continuum in englischer Sprache erschienen.

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