Jetzt redest du!
Den Menschen wirklich zuhören, erfahren was sie bewegt, was sie ärgert und was sie antreibt – das ist erklärtes Ziel der grünen Bundesvorsitzenden. Vor allem junge Menschen sollen stärker Gehör finden. Und zwar online wie offline, im Netz ebenso wie beim Sofa-Plausch. Kann das funktionieren? Unsere Autorin hat es sich angesehen.
- Nataly Bleuel
Lesezeit: 5 Minuten
Zuhören offline: Auf einer Couch in Heidelberg
Franziska Brantner hört nun schon seit ein paar Stunden zu. Natürlich nicht ausschließlich, manchmal sagt sie auch was. Zum Beispiel zu dem Mann, Matthias Meder heißt er, der sich gerade zu ihr auf das Sofa vor dem Heidelberger Café gesetzt hat. Er möchte Lobbyarbeit machen für Menschen, die sonst keine Lobby haben, sagt er. Seit 30 Jahren arbeite er in der Wohnungsnotfallhilfe und die EU und Deutschland hätten sich ja verpflichtet, bis 2030 Obdachlosigkeit abzuschaffen.
„Ich weiß”, sagt Franziska Brantner und nickt. „Riesenziel!”
Und der Anteil der Frauen unter Obdachlosen: von 5 auf 25 Prozent gestiegen, berichtet Meder. „Scheiße!”, entfährt es der Vorsitzenden der Grünen. In den sozialen Medien kann man sich dieses und andere der Gespräche ungefiltert ansehen, die Franziska Brantner bei der Aktion „Jetzt redest du!” mit Bürger*innen aus ihrem Wahlkreis in Heidelberg führt. Vor allem viele junge Menschen erzählen ihr, was sie beschäftigt: der Einsatz des Sondervermögens – ein Vertrauensbruch –, die Vernachlässigung des Klimaschutzes, die Unterstützung der Automobilwirtschaft, Soziales Jahr oder Wehrpflicht, die Abhängigkeit von amerikanischen Big-Tech-Konzernen bei KI und Sozialen Medien – und immer dieser harte, fordernde Ton gegenüber der Jugend!
Quelle: Bündnis 90/Die Grünen
Lobbyarbeit machen für Menschen, die sonst keine Lobby haben: Matthias Meder hat sich zu Franziska Brantner gesetzt, um über Obdachlosigkeit zu sprechen.
Vor allem viele junge Menschen erzählen Franziska Brantner, was sie beschäftigt.
Es ist ein sehr kalter Tag im Frühling. Franziska Brantner hat sich gewappnet mit zwei Wärmflaschen, Block und Stift. Nach Stunden auf dem Sofa im Freien zieht sie um in ein warmes Café – und sitzt nun einer jungen Mutter gegenüber. „Ich bin gekommen, um einfach mal zu erzählen”, sagt sie und erzählt von ihrer kleinen Tochter. Vier Jahre alt. Sie hat eine seltene genetische Erkrankung, das Rett-Syndrom. Eines von 10.000 Mädchen ist davon betroffen. Sie kann nicht laufen, nicht stehen, nicht sprechen und ihre Hände nicht mehr zielgerichtet benutzen. „Sie wird ihr Leben lang 24/7 auf Unterstützung angewiesen sein“, sagt die Mutter. Ihr Mann und sie teilen sich die Pflege, beide haben ihre Arbeitszeit reduziert.
Franziska Brantner fragt: „Wie schaffen Sie das?“
Da steigt der jungen Frau sichtbar ein Kloß in den Hals.
Quelle: Bündnis 90/Die Grünen
Da sein für Angehörige: Eine junge Mutter erzählt Franziska Brantner von ihrer Tochter, die eine seltene genetische Erkrankung hat, beide Eltern teilen sich die Pflege.
Was hier in Heidelberg passiert ist ein Experiment, der Versuch, Politik so zu machen, wie sie eigentlich sein sollte: Ein Mensch hat es schwer, eine Politikerin hört zu, fragt nach, versteht und kann sich in der Folge dafür einsetzen, dass Menschen wie diese junge Mutter von der Gesellschaft und dem Gesundheitssystem nicht allein gelassen werden.
„Ein bisschen Aufregung ist bei solchen Aktionen immer dabei”, wird Franziska Brantner später sagen. „Man weiß nie, wem man gegenübersitzen wird und in welche Richtung sich ein Gespräch entwickelt.“ Von sachlichen Debatten bis zu persönlichen Angriffen könne alles dabei sein.
Nicht immer wird es an diesem Tag so emotional. Ein 20-Jähriger schlägt im Gespräch mit Franziska Brantner einen trockeneren Ton an: „Ich fühle mich verarscht, man könnte sagen veräppelt.“ Er meint das Sondervermögen, 500 Milliarden, von denen bislang nur ein Bruchteil in echte Investitionen fließe. „Uns wurde versprochen: Wir investieren in die Schiene, in Klimaschutz, die Brücken funktionieren. Wir erben die Schulden – aber dafür auch eine funktionierende Infrastruktur. Und jetzt sieht es danach aus: Wir erben Schulden, und die Bahn fährt immer noch nicht gescheit.”
Zwei Jugendliche, Jahrgang 2008, der erste Jahrgang, der von einer möglichen Wehrpflicht betroffen wäre, bemängeln: „Es wurde halt total wenig mit uns Jugendlichen diskutiert und viel über uns.” Sie wünschen sich ein verpflichtendes Soziales Jahr für alle – innerhalb dessen sie zwischen Wehrdienst und anderen gemeinnützigen Tätigkeiten wählen können.
Quelle: Bündnis 90/Die Grünen
Mehr als nur Wehrpflicht: Franziska Brantners Gesprächspartner*innen, beide Jahrgang 2008, plädieren für ein soziales Jahr für alle jungen Erwachsenen.
„Beim Thema Wehrpflicht wurde viel über uns Jugendliche diskutiert. Aber wenig mit uns.“
„Das fändet ihr gut?“, fragt Franziska Brantner, wie erstaunt.
„In meinem Umkreis entscheiden sich fast alle für ein FSJ, und es wird nicht mitgedacht, dass es da schon so viel Engagement und Bereitschaft gibt.“ Und dann die KI und die Sozialen Medien – zu sehr von den Amerikanern abhängig, finden die beiden: „Das beschäftigt viele junge Menschen!” Franziska Brantner nickt: Europäische digitale Souveränität sei eines ihrer Hauptthemen, seit Jahren.
Wohnungslosigkeit, Berufsanerkennung, Gewalt gegen Frauen, Verbrenner-Ausstieg, Klimaschutz, Diesel-Subventionen: Franziska Brantner ist, das sagt sie hinterher, beeindruckt von der Vielfalt der Themen, die die Menschen auf ihrem Sofa einbringen. Und von den Momenten der Offenheit, die man im Gespräch mit dem Gegenüber zu spüren bekommt. Das Ungerechtigkeitsempfinden junger Leute, die Angst etwa vor dem Abbau des Gesundheitssystems oder der Agitation der AfD gegen Menschen mit Behinderung: „Das hat mich sehr bewegt.“
Manchmal wisse sie auch keine Antwort. Selbst als Politikerin könne man nicht immer Expertin in allen Themen sein. Und es sei normal zuzugeben, dass man für eine Frage gerade nicht die perfekte Antwort habe. Aber das Problem als solches anerkenne: „Auch das ist Teil des Zuhörens.”
Franziska hat zugehört: Hier könnt ihr das Video mit Matthias sehen, der sich seit 30 Jahren in der Obdachlosenhilfe engagiert.
Zuhören online: Ein Algorithmus, der verbindet
Die Aktion „Jetzt redest du!“ in Heidelberg ist keine Eintagsfliege. Sie ist Teil einer größeren Kampagne, bei der es einmal nicht um große politische Ankündigungen gehen soll. Stattdessen wollen die beiden grünen Bundesvorsitzenden Bürger*innen die Möglichkeit geben, ihre Probleme, Sorgen, Ideen und Wünsche direkt einzubringen. Und das überall und jederzeit – nämlich online. Vor allem die 16- bis 25-Jährigen sind dazu aufgerufen, weil diese Altersgruppe immer wieder spiegelt, dass sie sich von der Politik nicht gehört und gesehen fühlt, sagt Franziska Brantner. „Als wären sie Deko, nach dem Motto: Kann man machen, muss man aber nicht.” Brantner und Banaszak wollen das ändern – über eine in Deutschland noch wenig bekannte Online-Plattform. Sie heißt Polis.
Polis ist kein klassisches Umfragetool. Statt Fragen mit Ja-Nein-Vielleicht-Antworten vorzugeben, funktioniert es so: Teilnehmende formulieren eigene Aussagen wie etwa „Ich fände ein soziales Pflichtjahr für alle sinnvoll.“ Und stimmen über die Aussagen anderer ab (zustimmen, ablehnen, neutral). Im Hintergrund läuft ein Algorithmus, der das Gegenteil dessen fördert, wofür X, Instagram, TikTok & Co. berüchtigt sind: Statt Polarisierung und Empörung zu belohnen, sucht er das Verbindende, das quer durch sonst gegensätzliche Lager Zustimmung findet. Fachleute nennen ihn Brücken- oder Konsens-Algorithmus.
Die Umfrage mit Polis läuft im April und Mai 2026. Den Schlusspunkt markiert das IM/PULS – Forum für Zukunft, dort werden die Ergebnisse auch thematisiert, etwa bei einem Panel mit jungen Kommunalpolitiker*innen. Anfang Mai hatten bereits mehr als 6.500 Personen über Polis teilgenommen, sagt die Referentin für Mobilisierung und Campaigning Leonie Vandersee. Es seien mehrere tausend Statements eingereicht und über 180.000 Mal abgestimmt worden.
Quelle: Rido/Adobe Stock
Bildungssystem reformieren, Klimaschutz priorisieren, Superreiche stärker besteuern: Die Teilnehmenden der Zuhörkampagne sind sich in vielen Belangen einig.
Psychische Gesundheit bewegt junge Menschen: Lange Therapie-Wartezeiten ernten Kritik
Eine Zwischenauswertung dieser nicht-repräsentativen Befragung liefert schon jetzt erste Anhaltspunkte dafür, wo bei den 16- bis 25-Jährigen Konsens herrscht – und wo es brennt. In vielem sind sich die Teilnehmenden einig: Bildungssystem reformieren, Klimaschutz endlich politisch priorisieren, Superreiche stärker besteuern, Obdachlosigkeit nach finnischem Modell bekämpfen: All das erreicht hohe Zustimmungswerte. Auch eine positive politische Zukunftserzählung wünschen sich nahezu alle Teilnehmenden.
Emotional am stärksten besetzt ist das Gefühl politischer Vernachlässigung: Die Aussagen, langfristige Probleme hätten in der Politik keine Priorität und von Jugendlichen werde viel gefordert, aber wenig zurückgegeben, liegen beide bei über 90 Prozent Zustimmung.
Und es kristallisieren sich Themen heraus, die den jüngeren Teilnehmenden noch wichtiger sind als den Älteren. Etwa die psychische Gesundheit: Kritik an langen Therapiewartezeiten trifft auf enorme Zustimmung, sie werden von vielen als Grundversorgungsproblem beschrieben. Besonders starken Zuspruch von den Jüngeren gab es auch für enteignende Maßnahmen gegenüber Milliardären, für Kritik an einem Rentensystem, das die Älteren bevorzugt, aber auch dafür, Fahrräder als selbstverständlichen Teil des ÖPNV zu betrachten.
Bei der Frage eines Social-Media-Verbots für Jugendliche machen die jungen Teilnehmenden besonders deutlich: Die Politik muss die Betroffenen einer solchen Regelung befragen, statt über sie hinweg zu entscheiden. Zusammen mit dem Befund, dass Politik generell an Jugendlichen vorbeiagiere, ergibt sich hier ein deutliches Signal: keine paternalistischen Entscheidungen ohne Einbeziehung! Auffällig ist auch ein Statement mit sogar einhundertprozentiger Zustimmung: Neben dem Zuhören müsse das Wissen, wie Politik funktioniert, gefördert werden.
Es gibt also einiges zu tun. Für die Gesellschaft. Und für die Parteivorsitzenden der Grünen. Offene Ohren und die Bereitschaft, wirklich zuzuhören, dürften dabei klar von Vorteil sein.
Lust bekommen, mitzumachen? Hier kannst du selbst über Polis mitteilen, was dich bewegt!
Miteinander statt aneinander vorbei: Das Tool Polis
Polis wurde von einer kleinen amerikanischen Non-Profit-Organisation, dem Computational Democracy Project, entwickelt. Drei Programmierer in Seattle gründeten das Projekt, als sie nach Occupy Wall Street und dem Arabischen Frühling eine Frage umtrieb: Wie können große Gruppen miteinander reden, ohne dass die lautesten gewinnen? Bekannt wurde das Tool dank seiner Verwendung in Taiwan. Dort wurden damit unter anderem Konflikte um Uber, Alkoholverkauf im Netz, Rachepornos und Plattformregulierung diskutiert – mit Ergebnissen, aus denen Gesetze entstanden. Großbritannien nutzt es für Konsultationen zur nationalen Sicherheit, Finnland für die regionale Gesundheits- und Sozialplanung, etwa für Programme rund um die Sicherheit älterer Menschen oder die psychische Gesundheit von Kindern. In Österreich brachte der Klimarat tausende Bürger*innen und Expert*innen über die Plattform zusammen. Lokal setzen Amsterdam, einige britische Städte und Bowling Green in Kentucky das Tool ein. Und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen ermöglichte es 30.000 jungen Menschen in Bhutan, Osttimor und Pakistan, mit Hilfe von Polis ihre Prioritäten in puncto Klimaschutz zu diskutieren.
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