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Männer, die bleiben: Porträts aus Ostdeutschland

In ländlichen Regionen Ostdeutschlands gibt es deutlich mehr Männer als Frauen. Ein europaweit einzigartiges Phänomen. Das Fotoprojekt „Bleiben“ von Sophie Kirchner zeigt diese Männer und ihre Lebenswelt.

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Lesezeit: 4 Minuten

Das junge Ostdeutschland ist Männerland. Viele Frauen zwischen 20 und circa Mitte 30 ziehen um in die Großstädte oder den Westen, Männer in dem Alter hingegen bleiben. In einigen besonders strukturschwachen ländlichen Regionen leben inzwischen rund 25 Prozent mehr Männer als Frauen. Wer sind diese Männer und was bewegt sie zum Bleiben? „Es wird immer nur über dieses Phänomen geredet, aber keiner fährt hin“, dachte sich die Fotografin Sophie Kirchner, 1984 in Ostberlin geboren. Um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, betreibt sie seit 2021 fotojournalistische Feldforschung in fast allen ostdeutschen Bundesländern. Kirchner war in Jugendclubs und Vereinen, sie hat auf Festivals fotografiert und mit Männern auf der Straße gesprochen. Hinter den gängigen Klischees, Vorurteilen und bequemen Zuschreibungen entdeckte die Fotografin – auch zu ihrer eigenen Überraschung – Männer, die sich bewusst entscheiden zu bleiben. Männer, die sich engagieren und die trotz viel Gegenwinds Haltung zeigen. „Viele fanden das Projekt super, haben sich geöffnet und wollten gesehen werden“, sagt Sophie Kirchner. Nicht als statistisch bemerkenswerte Bevölkerungsgruppe, sondern als Menschen mit einem eigenen Leben und Überzeugungen.

Fotos des Projekts „Bleiben“ von Sophie Kirchner sind vom 2. Oktober bis 12. April 2026 in der Gemeinschaftsausstellung „Ostblicke“ im Museum der Kulturbrauerei in Berlin zu sehen. Der Eintritt ist frei. Infos unter www.hdg.de und www.sophiekirchner.com

Erik, Chemnitz, Sachsen
„Ich bin selber keine queere Person, aber mir ist es wichtig für Vielfalt einzustehen. Keiner hätte gedacht, dass ein CSD in Stollberg im Erzgebirge funktioniert. Und dann waren 400 Leute da und die sind teilweise mit dem Bus aus dem Nachbarort gekommen oder wohnen 2 bis 3 Häuser weiter. Aber wir hatten in Stollberg auch Eierwürfe auf dem CSD. Es ist schon so, dass Sachsen viele Probleme mit Faschismus, Rassismus und Queer-Feindlichkeit hat. Diese werde durch strukturelle Probleme wie zum Beispiel die fehlende Finanzierung von solidarischen Strukturen wie Anlauf- und Beratungsstellen sowie Jugendarbeit noch befeuert. Die Perspektive, die ich für mich gefunden habe, ist hier zur Veränderung beizutragen.”

Quelle: Sophie Kirchner

Martin, Spreewald, Brandenburg
„Ich kenne genug Frauen, die von hier weggezogen sind. Meine Schwester zum Beispiel. Es gibt nicht genug berufliche Perspektiven hier für Frauen und das Lohnniveau ist noch niedriger als das für Männer. In meinem Dorf sind drei Viertel der jungen Männer ohne Partnerin. Ein kleiner Teil widmet sich eher seinen Hobbies oder seinem Beruf, der andere Teil wünscht sich aber schon eine Partnerin, würde ich sagen.”

Quelle: Sophie Kirchner

Pride Parade, Plauen, Sachsen
2022, die erste Pride Parade von Plauen läuft als Demozug mit Polizeischutz durch die Stadt.

Quelle: Sophie Kirchner

Malte, Sassnitz, Mecklenburg-Vorpommern
„Ich hatte mal den Gedanken wegzuziehen, aber auch nicht sooo weit weg. Während meiner Ausbildung war ich in Rostock, die Stadt hat mir von Anfang an gut gefallen. Sie ist nicht so groß, man hat noch die Übersicht. Aber dann habe ich diesen Job in Sassnitz bekommen und es hat einfach gepasst. Nach der Arbeit gehe ich gerne im Hafenbecken schwimmen. Seit noch ein paar neue Kollegen dazu gekommen sind, will ich erstmal nicht mehr weg.“

Quelle: Sophie Kirchner

Maximilian, Zwickau, Sachsen
„Ich als Punk bin hier in der Region eher die Ausnahme. Die Gruppe der Nazis hingegen ist um einiges größer. Ich sehe sie auf der Arbeit, im gesellschaftlichen Leben und in der Verwandtschaft. Auf Arbeit und in der Familie muss man sich mit den Leuten arrangieren, ob man will oder nicht. Im Gesellschaftlichen gehe ich ihnen eher aus dem Weg oder es kommt auch schon mal zu Konfrontationen. Aber ich bleibe hier, weil ich hier verwurzelt bin und viele Freunde habe.“

Quelle: Sophie Kirchner

Störfaktor Festival, Zwickau, Sachsen
Punks und Linksalternative pogen auf dem Festival-Gelände der DIY und Non-Profit-Veranstaltung „Störfaktor Festival“. Diese wird seit vielen Jahren von engagierten Menschen aus Zwickau ehrenamtlich initiiert.

Quelle: Sophie Kirchner

Treibjagd im Spreewald, Brandenburg
Jäger folgen Ihren Hunden ins Schilf.

Quelle: Sophie Kirchner

Chris, Zwickau, Sachsen
„Zwickau ist meine Wahlheimat. Ich lebe hier wirklich gern. Und ich mag den Einfluss, den man in so kleinen Provinzen hat. Die Kunstplantage, so wie es das hier gibt, wäre in Berlin oder Leipzig nicht möglich. Das lebt sehr davon, dass es nur ein bestimmtes Angebot in der Region gibt. Ich glaube, diese Unzufriedenheit war mit ein Grund, warum Leute mit angepackt haben. Und politisch: Es ist traurig, was da passiert und das macht ängstlich. Was mich so nervt ist, dass wir das jetzt seit vier Jahren sagen und man seit vier Jahren nichts getan hat. Initiativen sprechen das Problem einer Normalisierung von rechts immer wieder an.”

Quelle: Sophie Kirchner

Kunstplantage, Zwickau, Sachsen
Der Kunstplantage e.V. ist ein Ort für soziale Projekte, Kunst, Musik, Urban Gardening und Subkultur und befindet sich auf einem ehemaligen Fabrikgelände an der Mulde in Zwickau.

Quelle: Sophie Kirchner

Kreidefelsen
Blick von der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht, Nationalpark Jasmund, bei Sassnitz, Mecklenburg-Vorpommern.

Quelle: Sophie Kirchner

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