Sozialer Brennpunkt Klimakrise
- Nina Schick
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Quelle: Leon Brauer
Die Klimakrise trifft Arme härter als Wohlhabende
Die Klimakrise macht die Armen noch ärmer: Steigenden Energie- und Lebensmittelpreise sind für Haushalte besonders hart zu schultern, die schon einen Großteil ihres Budgets für Grundbedürfnisse ausgeben müssen. Außerdem wohnen finanziell schwächere Menschen häufiger in schlecht isolierten Wohnungen, an großen Straßen, haben weniger Platz und selten einen Garten. Sie arbeiten häufiger körperlich und im Freien.
Felix: Damit die Klimakrise nicht die bestehenden Ungleichheiten weiter verschärft, muss Klimapolitik fair gestaltet werden. Wer wenig besitzt, hat am wenigsten Spielraum, sich an steigende Energiepreise oder klimabedingte Veränderungen anzupassen. Deshalb braucht es ein regional und sozial gestaffeltes Klimageld, das Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung direkt an die Bürger*innen zurückzahlt und vor allem Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen entlastet. Förderprogramme müssen ausgebaut und so gestaltet werden, dass Haushalte mit geringem Einkommen höhere Förderbeiträge erhalten. Fossile Subventionen wie beispielsweise das Dienstwagenprivileg müssen dagegen konsequent abgebaut werden. Das ist notwendig im Sinne des Klimaschutzes und dient der Klimagerechtigkeit. Denn Besserverdienende profitieren nicht nur von diesen Subventionen, sondern tragen auch überdurchschnittlich zur Klimakrise bei. Diejenigen, die das Klima schädigen, müssen auch die Kosten dafür tragen. Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit gehören zusammen – nur so entsteht Akzeptanz für die notwendigen Anpassungen.
Quelle: Alexander Raths/Adobe Stock
Steigende Lebensmittelpreise in Folge der Klimakrise treffen Haushalte mit nicht so viel Geld ungleich viel härter.
Die Klimakrise trifft Jüngere härter als Ältere
Ältere Menschen werden die Auswirkungen der Klimakrise nicht mehr in dem Maße zu spüren bekommen wie junge Menschen, die den Großteil ihres Lebens noch vor sich haben. Und doch ist es heute eigentlich die Aufgabe älterer Menschen in Entscheiderpositionen, Klimaschutz durchzusetzen. Deshalb hat das Bundesverfassungsgericht schon 2021 festgestellt, dass Klimaschutz insbesondere auch eine Frage der Generationengerechtigkeit ist.
Felix: Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts macht unsere Verantwortung für kommende Generationen deutlich. Investitionen in den Klimaschutz sind Investitionen in die Zukunft. Sie sind entscheidend für das langfristige menschliche Leben auf diesem Planeten. Deshalb muss das Geld aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Transformation auch wie vereinbart in Klimaschutz und die Zukunft unserer Kinder investiert werden – zusätzlich zum regulären Haushalt. Das Geld wird gebraucht für den klimagerechten Umbau des Landes. Ältere Generationen sind jetzt in der Pflicht, mutig zu handeln und den Wandel einzuleiten, um die Zukunft nicht zu verbauen. Generationengerechtigkeit bedeutet, nicht auf Kosten derer zu leben, die nach uns kommen. Als Vater einer kleinen Tochter habe ich mich viel mit der Frage beschäftigt, in welcher Welt sie einmal aufwachsen wird, wenn wir die Erderhitzung nicht stoppen. Ich möchte, dass unsere Kinder uns nicht irgendwann fragen: Warum habt ihr nichts getan? Sondern: Wie habt ihr das geschafft?
Die Klimakrise trifft den Globalen Süden härter als den Norden
Die Industriestaaten des Globalen Nordens haben historisch am meisten zur Klimakrise beigetragen und gehören bis heute zu den größten Emittenten von Treibhausgasen. Zugleich können sie die Konsequenzen von Fluten, Dürren und Nahrungsmittelknappheit durch ihren relativen Wohlstand abmildern. Kleine Inselstaaten, Länder der Sub-Sahara und Staaten wie Pakistan oder Indonesien hingegen können ihre Bevölkerung kaum schützen. Die Folge: Die Menschen müssen emigrieren, um überleben zu können.
Felix: Ausgerechnet die Länder, die am wenigsten zur Erderhitzung beitragen, leiden am meisten an den Folgen, während reiche Länder sich besser schützen können. Deshalb ist sozial und global gerechter Klimaschutz eine Frage der Solidarität. Als größte Volkswirtschaft und größter Treibhausgasemittent Europas steht Deutschland in besonderer Verantwortung. Dieser Verantwortung muss Deutschland gerecht werden und eine führende Rolle übernehmen. Auf der Weltklimakonferenz in Brasilien im November war davon leider wenig zu merken, das Ergebnis blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Aber aufgeben ist keine Option. Deutschland, Europa und alle Länder, die Klimaschutz ernst nehmen, müssen vorangehen und die Lücke füllen, die die USA unter Trump hinterlassen haben, Klimapartnerschaften mit dem globalen Süden ausbauen und ambitionierte Freihandelsabkommen für Klima- und Umwelttechnologien vorantreiben.
Quelle: Gyan Shahane/Unsplash
Historisch gesehen haben die Länder des Globalen Nordens am meisten zur Erderwärmung beigetragen. Den Schaden davon hat jetzt der Globale Süden.
Die Klimakrise trifft Frauen härter als Männer
Felix: Die Klimakrise verschärft bestehende Ungleichheiten, und Frauen sind in vielen Bereichen besonders betroffen. Eine gerechte Klimapolitik muss die strukturellen Unterschiede zwischen den Geschlechtern anerkennen und abbauen. Frauen müssen gleichberechtigt am ökologischen Wandel beteiligt sein – in den Entscheidungsprozessen, in der technischen Entwicklung, auf allen politischen Ebenen und in der Wirtschaft. Perspektiven und Lebensumstände von Frauen müssen im Hinblick auf den Klimawandel analysiert werden, damit wir einer möglichen Benachteiligung von Frauen bei Klimaschutzmaßnahmen sowie Förder- und Ausgleichsmaßnahmen vorbeugen können. Klimaschutz darf keine zusätzliche Last für Frauen werden, sondern muss ihre Rolle als aktive Mitgestalterinnen einer gerechten und nachhaltigen Zukunft stärken.
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Es liegt auf der Hand: Alte und kranke Menschen leiden besonders unter den Extremwetterereignissen, die der Klimawandel mit sich bringt.
Die Klimakrise trifft Kranke härter als Gesunde
Extremes Wetter geht insbesondere zu Lasten von Menschen mit vorhandenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Vorerkrankungen. Zu den besonders gefährdeten Menschen zählen Millionen, die an Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Auch Depressionen und hirnorganische Erkrankungen wie Alzheimer verschlimmern sich durch die Belastungen, die extremes Wetter mit sich bringt.
Felix: Eine verantwortliche Klimapolitik schützt nicht nur das Klima, sondern auch die Gesundheit der Menschen. Man kann jetzt schon viel tun, um die gesundheitliche Belastung durch Hitzewellen und schlechte Luft zu senken: Entsiegelung von Böden, Frischluftschneisen, den Umbau unserer Städte zu wasserspeichernden „Schwammstädten“, begrünte Gebäude sowie Ausbau von E-Mobilität und des öffentlichen Nahverkehrs. Die Bedarfe vulnerabler Gruppen müssen dabei speziell berücksichtig werden. Deshalb brauchen wir verbindliche Hitzeschutzpläne, die Schutzmaßnahmen für ältere Menschen, chronisch Kranke und Pflegebedürftige vorsehen. Unbedingt nötig sind gezielte Investitionen in Prävention, Aufklärung und ein krisenfestes Gesundheitssystem. Wir fordern, das „Förderprogramm Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“ auszuweiten und für jede pflegebedürftige Person einen festen Betrag speziell für Klima- und Hitzeschutzmaßnahmen bereitzustellen. Krankenhäuser und Pflegeheime brauchen im Hinblick auf die steigenden Temperaturen dringend eine bessere Ausstattung mit Klimaanlagen, Belüftungssystemen und kühle Schutzräumen. Und klare Pläne, was im Fall einer Hitzewelle zu tun ist. Schließlich ist Schutz der Schwächsten der Maßstab einer gerechten Klimapolitik.
Quelle: Denis Djordjevic/Adobe Stock
Ohne Klima- und Hitzeschutzmaßnahmen – gerade in den Städten – wird es künftig nicht gehen. Dazu gehören auch begrünte Gebäude.