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„Wir sitzen global in einem Boot“
Je heißer, desto weniger Wasser. Je weniger Wasser, desto heißer. Hitze und Wassermangel sind zwei Seiten einer Medaille, die sich gerade zu einem existenziellen Problem auswachsen. Treibende Kraft hinter der Entwicklung ist der Klimawandel. Warum Deutschland, Europa und die ganze Welt viel enger zusammenarbeiten müssten, um die Wasserversorgung der Menschheit insgesamt langfristig zu sichern, erklärt der Klimafolgenforscher Dieter Gerten im Interview.
- Elisa Holz
Lesezeit: 8 Minuten
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Trockene Flussbetten, verdorrte Felder, brennende Wälder und Rationierung von Wasser in München am eigentlich wasserreichen Alpenrand. War die Häufung der Symptome für eine Wasserkrise diesen Sommer auch für Sie überraschend?
Dieter Gerten: Leider nein. Die Folgen des Klimawandels für den Wasserhaushalt sind bekannt und gut erforscht – von Dürren über den schlechten Zustand der Wälder, die aufgrund der Trockenheit in Brand geraten, bis hin zu dramatischen Flutereignissen wie vor fünf Jahren im Ahrtal. Das war und bleibt alles zu erwarten. Was mich aber überrascht hat, ist die Nonchalance, mit der viele in Politik, Gesellschaft und Medien der Wasserkrise begegnen. Die Hitzetoten wurden gezählt, die Schäden bilanziert. Doch sollte der kommende Sommer wieder etwas nasser werden, gerät der Wassermangel schnell wieder in Vergessenheit. Man denke nur an die Dürrejahre 2003, 2018/2019, 2022 und jetzt auch 2026 – der bislang vorläufige Höhepunkt. Wobei uns dieses Jahr im Rückblick wahrscheinlich noch als vergleichsweise gemäßigt erscheinen wird.
In der Summe kann Wasser unserem Planeten ja nicht verloren gehen. Wo ist denn das ganze Wasser hingekommen?
Das stimmt, unterm Strich bleibt die Menge an Wasser im Kreislauf immer gleich. Wasser verdunstet, steigt in die Atmosphäre und regnet irgendwann wieder ab. Die Frage ist nur wo, wann und wie stark. Bislang verteilte der globale Wasserkreislauf das Wasser nach einigermaßen regelmäßigen räumlichen und zeitlichen Mustern um. Doch die verschieben sich durch den Klimawandel. Es gibt immer mehr Gebiete, die ungewöhnlich viel Regen abbekommen oder eben immer trockener werden, wie es längerfristig in Mitteleuropa der Fall ist – wenn auch durchsetzt mit nassen, dann oft von Hochwasser dominierten Phasen. In Deutschland zum Beispiel gab es in den vergangenen zehn Jahren oft viel zu wenig Niederschlag, auch im Winter, aber auch fast rekordnasse Jahre wie 2023. Ein Umverteilungsproblem, auf das wir nur begrenzten Einfluss haben.
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Am Tiefpunkt: Die Wasserstände am Rhein waren in diese Herbst an und streckenweise an der Nullgrenze. Nicht nur eine ökologische, sondern auch ein ökonomische Katastrophe. Als Transportroute für die zahlreich entlang des Fluss liegenden Industrieunternehmen ist der Fluss in dem Zustand nicht nutzbar.
„Es ist wichtig zu verstehen, dass beim Thema Wasser wirklich alles mit allem zusammenhängt.“
Was hat diese Umverteilung von Wasser für Konsequenzen?
Bislang war die vorherrschende Denkweise noch viel zu oft: Wir brauchen so und so viel Wasser und schauen mal, wo wir es herbekommen – ohne besondere Rücksicht auf die ökologischen Auswirkungen oder die künftige Verfügbarkeit von Wasser zu nehmen. Aber am Angebot können wir im Großen und Ganzen nicht mehr schrauben, sondern eher an den Bedarfen, die naturgemäß unterschiedlich sind. Die große Frage ist: Wer braucht und verbraucht wie viel Wasser und wofür?
Da wären wir auch schon beim Konfliktpotenzial, das ein knappes und (über-) lebenswichtiges Allgemeingut wie Wasser birgt. Wo zeigen sich die Verteilungskonflikte?
Wasserkonflikte können sehr unterschiedlicher Natur sein. Am sichtbarsten und häufigsten sind sie auf lokaler Ebene, wenn Landwirte, Industrie und Privathaushalte um begrenzte Wasservorkommen konkurrieren müssen. Denken Sie beispielsweise an die Proteste der lokalen Bevölkerung wegen des hohen Wasserbedarfs der Tesla-Gigafactory in Grünheide. Auch über Ländergrenzen hinweg kommt es vielfach zu Konflikten. Meist geht es um Staudämme im Oberlauf von Flüssen, die Ländern am Unterlauf dieser Flüsse sozusagen das Wasser abgraben könnten, wie es zum Beispiel derzeit für einen Megastaudamm am Nil in Äthiopien befürchtet wird, gegen den Ägypter*innen und Sudanes*innen protestieren. Wir sehen außerdem, dass Wasser zunehmend zur Waffe in Kriegen wird. In der Ukraine wurden Staudämme gesprengt und im Nahen Osten Entsalzungsanlagen bombardiert.
Hatte der ehemalige UN-Generalssekretär Kofi Annan recht als er 2001 sagte, dass der Kampf um Frischwasser künftig Kriege auslösen wird?
Noch gab es keinen Krieg, der ausschließlich um Wasser geführt wurde. Aber es ist dennoch erstaunlich, dass Wasser auf der globalpolitischen Eben noch kein so großes Thema ist. Es braucht einfach die globale Perspektive, um zu verstehen, wie sich unsere gewohnten Lebens- und Wirtschaftsmuster gerade durch die neue Verteilung von Wasser ändern. Wenn zum Beispiel die Regenwälder wie im Amazonas oder in Zentralafrika weiter abgeholzt werden, reduziert sich auch die Verdunstung von Wasser, das diese Wälder in großem Maße speichern. Dadurch regnet es in den Anrainerländern weniger, was wiederum die Nahrungsmittelproduktion dort beeinflusst. Das kann zu Missernten bis hin zu Hunger vor Ort führen oder auch die Fähigkeit zum Export von Nahrungsmitteln einschränken, die in anderen Teilen der Welt dringend gebraucht werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass beim Thema Wasser wirklich alles mit allem zusammenhängt. Was die Wasserversorgung beziehungsweise den Wassermangel angeht, sitzen wir global alle in einem Boot.
Das heißt wir, also Staaten, Unternehmen, aber auch Privatpersonen, müssen kooperieren, damit dieses Boot nicht kentert.
Genau – und zwar sowohl auf vertikaler als auch auf horizontaler Ebene.
Das müssen Sie erklären.
Unter vertikaler Kooperation verstehen wir die Zusammenarbeit auf verschiedenen politischen und räumlichen Ebenen. Also zwischen den Vereinten Nationen beispielsweise, der Europäischen Union oder anderen Zusammenschlüssen von Staaten und natürlich den Nationalstaaten bis runter zu den Behörden für Wasserwirtschaft in den Kommunen. Auf jeder dieser Ebenen sollten Institutionen und Akteur*innen aber auch horizontal über verschiedene Politikbereiche hinweg kooperieren – zuvorderst Umwelt-, Klima-, Agrar-, Wirtschafts- und Ernährungspolitik. Für alle diese Bereiche bildet Wasser eine essenzielle Querverbindung. In der Praxis ist diese Art der Zusammenarbeit natürlich schwierig, aber dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.
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Über Dekaden hinweg haben die Menschen Moore trockengelegt, um Boden zu gewinnen. Das rächt sich jetzt. Die Moore fallen nicht nur als Wasserspeicher aus, sondern fangen bei großer Trockenheit auch leicht Feuer. Dabei werden Unmengen von Treibhausgasen frei. Im Bild: ein Moorbrand im Münsterland.
„Je knapper das Wasser, desto größer die Notwendigkeit zur Kooperation. Denn der Wasserkreislauf kümmert sich nicht um Ländergrenzen.“
Was ist Ihrer Meinung nach die Voraussetzung für effektive Kooperation?
Ein gemeinsames Verständnis für die Komplexität des Problems, faire Regularien und verbindliche Abkommen über das Management von Süßwasser beispielsweise, Gewässerschutz, Renaturierung und eventuell auch gemeinsame Initiativen im Hinblick auf wasserschonend Formen der Landnutzung oder auch in der Gewinnung von Energie. Es gibt schon einige gute Beispiele für solche Abkommen überall auf der Welt. Im südlichen Afrika arbeiten Länder wie Malawi, Botswana und Sambia zusammen, um Dürreereignisse in ihren Ländern über gezielte Handelsmaßnahmen auszugleichen. In der EU gibt es seit 2025 eine Wasserresilienzstrategie gegen die Folgen des Klimawandels, die zu einer besseren Wasserbewirtschaftung in der EU beitragen und insbesondere den Wirtschaftsraum vor den Auswirkungen von Wassermangel schützen soll. Und Deutschland hat seit drei Jahren eine Nationale Wasserstrategie – Gott sei Dank.
Laut dem Wasseratlas der Heinrich-Böll-Stiftung gibt es mittlerweile mehr als 800 zwischenstaatliche Abkommen zu Wasserverteilung, -verschmutzung oder Fischerei. Wie steht es um die Umsetzung all der Strategien und Abkommen?
Die Nationale Wasserstrategie und die EU-Wasserresilienzstrategie sind ja noch relativ neu. Deren Einfluss bleibt also abzuwarten. Aber generell mahlen die Mühlen wie immer langsam, das ist das Problem. Auf internationaler Ebene sollten bereits geschlossene Abkommen zwischen Staaten natürlich eingehalten werden. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Schwächung des internationalen Rechtssystems durch Großmächte wie die USA und der Rückzug ins Nationale kommen da zur Unzeit.
Aber Wasser ist letztendlich ja auch ein verbindendes Element. Man denke nur an Flüsse, die viele Länder durchfließen.
Das ist ein weiteres Beispiel für den widersprüchlichen Charakter von Wasser. Einerseits birgt die Verteilung und der Zugang zu Wasser großes Konfliktpotenzial, andererseits zwingt es Staaten und auch wirtschaftliche Akteure zur Zusammenarbeit. Je knapper das Wasser, desto größer die Notwendigkeit zur Kooperation. Denn der Wasserkreislauf kümmert sich nicht um Ländergrenzen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen: In Gegenden, in denen schon länger Dürre herrscht, kooperieren auch Staaten, die sich sonst nicht besonders grün sind. In Zentralasien zum Beispiel. Es kommt natürlich darauf an, wer die Akteure sind und welche Interessen sie treiben. Aber offenbar ist vielen dann letztendlich doch klar: Wenn jeder nur schaut, wo er selbst bleibt, ist am Ende keinem geholfen.
Wie organisiert man Kooperation am besten – von unten nach oben oder von oben nach unten?
Das ist eine Frage, die auch uns stark beschäftigt. Aus meiner Sicht müssten die globale, die regionale und die lokale Ebene ineinandergreifen in einem sogenannten genesteten Ansatz, bei dem kleinere Einheiten sich auch als Teil des großen Ganzen begreifen. Auch die Einbindung der Zivilgesellschaft ist wichtig.
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Unser Fluss soll schöner werden: Die Emscher war bis vor wenigen Jahren völlig verbaut und verschmutzt. In einem Gemeinschaftsprojekt zusammen mit vielen Bürger*innen ist es gelungen, den Fluss im Ruhrgebiet zu renaturieren.
„Die wachsende Weltbevölkerung verbraucht immer mehr Wasser. Umso wichtiger, dass jede und jeder Wasser als knappe Ressource ernstnimmt und wertschätzt.“
Können Sie da ein Beispiel nennen?
Für Deutschland fällt mir da spontan die Renaturierung der Emscher ein, eines vormals völlig verbauten und verschmutzten Flusses im Ruhrgebiet. In einem Gemeinschaftsprojekt ist es über viele Jahre gelungen, diesen offenen Abwasserkanal zu renaturieren und wieder zu einem naturnahen, sauberen Fluss zu machen. Die Bürger*innen waren in das Projekt aktiv einbezogen – durch Bachpatenschaften oder sie haben auch selbst Hand angelegt. Für mich zeigt das: Beteiligung und eine positive Zukunftsvision begünstigt Kooperation, weil es den Menschen lokal die Bedeutung von Wasser näherbringt.
Die Renaturierung von Flüssen und Mooren ist eine wichtige Maßnahme, um wasserreiche Ökosysteme zu erhalten. Welche weiteren Maßnahmen halten Sie angesichts der momentanen Situation für besonders wichtig?
Schwammlandschaften und Schwammstädte sind für mich zentral, um den Wassermangel zu managen. Denn ein Teil der Niederschläge in Deutschland gelangt nicht in den Boden und damit ins Grundwasser, sondern fließt durch gezielte Entwässerungsmaßnahmen und Kanäle ungenutzt ab. Regen sollte in der Landschaft gehalten werden – durch Entsiegelung in den Städten und Regenrückhaltemaßnahmen auf den Feldern beispielsweise. Wichtig sind auch Maßnahmen zur effizienteren Nutzung von Wasser in der Industrie, besseres Recycling von Abwasser und die Reduktion von Wasserverschmutzung, damit Wasser auch weiterverwendet werden kann. Auch in der Landwirtschaft werden gute Ansätze diskutiert, um Wasser effizienter zu nutzen. Es gibt wirklich viel, was man tun kann.
Auch jede und jeder Einzelne?
Klar. Wassersparende Waschmaschinen und Duschköpfe haben in der Summe schon viel gebracht. Und es lohnt sich, über den eigenen Konsum nachzudenken, denn viele Produkte benötigen zur Herstellung sehr viel „unsichtbares“, also nicht im Produkt selbst enthaltenes, virtuelles Wasser. Fleisch zum Beispiel. Ein Fünftel der globalen Bewässerung wird für den Anbau von Tierfutter verwandt. Oder denken Sie an die Unmengen an Wasser, die in Zentralasien für den Anbau von Baumwolle verbraucht werden. Der Baumwollanbau hat übrigens zur Austrocknung des Aralsees geführt, der in den 1960er-Jahren noch zu den größten Binnenseen der Erde zählte.
Sie fordern schon lange einen neuen Wasserethos. Was meinen Sie damit?
Ganz grundlegend meine ich damit, dass wir unser Bewusstsein für das existenziell wichtige Kultur- und Naturgut Wasser schärfen müssen. Die wachsende Weltbevölkerung braucht und verbraucht immer mehr Wasser. Umso wichtiger wäre es, dass jede und jeder Wasser als schützenwertes Gut und knappe Ressource ernstnimmt und wertschätzt.
Zur Person
Dieter Gerten (56) ist Professor für Klimasystem und Wasserhaushalt im globalen Wandel an der Humboldt-Universität zu Berlin. Hauptberuflich forscht er am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Seine Schwerpunkte sind unter anderem globale Wasserressourcen, landwirtschaftliche Wasserknappheit und menschlicher Einfluss auf Wasser und Biosphäre. Mit Sorge beobachtet der Wissenschaftler, dass nun auch sein Forschungsgebiet Teil des Kulturkampfs zu werden droht und die Wasserknappheit in Deutschland und der Zusammenhang mit dem Klimawandel abgestritten, verharmlost oder sogar geleugnet wird.
Hitzeschutz hat Priorität – wir handeln!
Der vergangene Hitzesommer hat gezeigt, dass die Klimakrise für viele Menschen zur Existenzfrage wird. Für ältere und kranke Menschen, für Kinder und Schwangere. Für Menschen, die hart körperlich arbeiten und für Landwirte, deren Ernte verbrannt ist. Und für Unternehmen, die auf Wasser in den großen Flüssen und hitzeresistente Bahngleise angewiesen sind. Ganz Deutschland zahlt dir Rechnung für jahrzehntelang verschlafenen Klimaschutz durch CDU und SPD. Wir fordern, dass Städte und Gemeinden bei Vorsorge vor Hitze und Klimaanpassung unterstützt werden müssen. Wir brauchen akute Hitzeschutzpläne und ambitionierte Maßnahmen, die Stadt und Land resilienter gegen Extremwetterereignisse machen. Was wir im Bundesvorstand dazu konkret beschlossen haben, lest ihr hier.
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