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„Das Versprechen hält nicht mehr“: Ricarda Lang über deutsche Bildungspolitik

Die Themen der jüngsten Wahlkämpfe? Vieles, nur nicht Bildung. Die Reaktionen auf die erschütternden Ergebnisse der neuen PISA-Studie? Gelangweilt und resignierend. Bildungspolitik hat in diesem Land keine Priorität. „Schön dumm“, findet Ricarda Lang. Schließlich ist es die Bildung, die Deutschland wettbewerbsfähig macht, zu mehr sozialer Gerechtigkeit führt und die Demokratie stärkt. Ein Gespräch über erschöpfte Eltern, großartige Lehrkräfte und grüne Ideen für eine bessere Bildungspolitik.

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Lesezeit: 4 Minuten

Quelle: Elias Keilhauer

Ricarda, als 2001 die Ergebnisse der ersten PISA-Studie ans Licht kamen, stand das Land unter Schock. Jetzt sind die Ergebnisse noch bedenklicher, aber es gab nicht viel mehr als ein Schöckchen. Was sagt das über den Stellenwert von Bildungspolitik aus?

Dass es keinen Schock gab, ist das eigentlich Schockierende. Und das nicht zum ersten Mal. Ähnlich war es ja auch bei vorherigen, ebenfalls beunruhigenden PISA-Ergebnissen. Große Teile des politischen Betriebs nehmen hin, dass wir uns in der Bildung in die falsche Richtung bewegen – und zwar auf zwei Ebenen. Da sind einerseits die fehlenden Grundkenntnisse, etwa in Mathe oder Deutsch. Andererseits sehen wir eine wachsende Gerechtigkeitslücke: Die neueste PISA-Studie hat ergeben, dass Bildungserfolg in Deutschland so stark wie nie zuvor von der sozialen Herkunft der Kinder abhängt.

Warum bleibt die Gerechtigkeit auf der Strecke?

Weil Bildung individualisiert wird. Stellvertretend dafür steht die Aussage von Bildungs- und Familienministerin Karin Prien, die nach den neuen PISA-Ergebnissen sagte, sie sei überrascht, dass viele Eltern es wohl nicht so wichtig fänden, ob ihr Kind in der Schule erfolgreich sei oder nicht. Diese Aussage ist nicht nur eine Unverschämtheit gegenüber allen Eltern, die Arbeit und Kinderbetreuung jonglieren, hohe Mieten zahlen, soziale Kürzungen schlucken – und dann auch noch für die Ergebnisse der PISA-Studie verantwortlich gemacht werden. Sondern diese Aussage ist auch politisch falsch. Gute Bildung ist ein politischer Auftrag. Und dieses Land scheitert seit Jahren daran, diesen Auftrag zu erfüllen.

Bei der Vorstellung der PISA-Ergebnisse sagte Studien-Co-Autor Francesco Avvisati, gute Bildungspolitik fuße auf der Erkenntnis, „dass das Lernen eines jungen Menschen auch für andere wichtig ist“. Warum versteht man das in Deutschland nicht?

Wir sprechen zu wenig über den Wert von Bildung. Über den ökonomischen Wert: Wenn wir als Land ohne Rohstoffe bei der Bildung international abgehängt werden, wird’s eng mit der Wettbewerbsfähigkeit. Über den sozialen Wert: Wenn von zwei Kindern, die ähnlich motiviert, klug und fleißig sind, das Kind die deutlich besseren Chancen hat, dessen Eltern mehr Geld haben, ist das zutiefst ungerecht. Und auch über den Wert von Bildung für die Demokratie: Bildung ist vielleicht die wichtigste Grundlage, um die Welt zu verstehen, Dinge kritisch zu hinterfragen und sich selbst zu entfalten. Geht’s hier bergab, schwinden zugleich die Voraussetzungen für eine Gesellschaft, in der wir füreinander Verantwortung übernehmen.

„Bildung ist vielleicht die wichtigste Grundlage, um die Welt zu verstehen, Dinge kritisch zu hinterfragen und sich selbst zu entfalten.“

Mit welchen kurzfristigen Maßnahmen ließe sich mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen?

Ein Beispiel ist die Lernmittelfreiheit, die immer mehr eingeschränkt wird. Der Unterschied zwischen Kindern aus gut oder weniger gut situierten Haushalten zeigt sich oft schon vor der ersten Unterrichtsstunde: am Schulranzen, an den Büchern. Eine Familie mit zwei oder mehr Kindern gibt schnell mal mehrere hundert Euro für Lernmittel aus. Wer weniger Geld zur Verfügung hat, muss hier sparen – und das sehen die Mitschüler. So wird die Ungleichheit schon am ersten Schultag manifestiert. Das ließe sich verhindern, wenn mehr Lernmittel kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Und wo könnte man langfristig ansetzen?

Echte Chancengleichheit entsteht, wenn wir in den Schulen auf die Stärken und Schwächen einzelner Schülerinnen und Schüler besser eingehen können. Die Lehrkräfte wissen das. Doch sie haben kaum die Chance, das auch umzusetzen. Die Klassen sind zu groß, Stunden fallen aus, die Qualität des Unterrichts leidet. Wir haben zu wenig Geld ins System gesteckt, zu wenig in Schulsozialarbeiter*innen oder Inklusionshelfer*innen investiert. So bleibt alles bei den Lehrkräften hängen, denen die Zeit fehlt, Schüler*innen zu fördern und Familien zu helfen, wo Eltern überfordert sind. Die Folge ist, dass in jedem Jahr zehntausende Kinder die Schule ohne Abschluss verlassen. Ein Großteil von ihnen kommt aus Elternhäusern mit wenig Geld. Diese Familien wohnen oft in kleinen Wohnungen, in denen es den Kindern etwa an ruhigen Lernräumen fehlt. Unterstützung durch Nachhilfe ist nicht bezahlbar, die Eltern selbst können die Kinder oft nicht genügend fördern, weil es ihnen an Zeit und manchmal auch an Wissen fehlt. Warum sollten diese Kinder an sich selbst glauben, wenn ihnen die Gesellschaft dauernd das Gefühl gibt, dass sie es nicht tut? Es ist ein Teufelskreis. Und der ist brandgefährlich für unsere Gesellschaft.

Quelle: Ovid Studio/Adobe Stock

Schule ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche nicht nur Mathe und Deutsch, sondern auch einen verantwortungsvollen Umgang miteinander lernen sollen. Gute Bildungspolitik stärkt deshalb den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit unsere Demokratie.

Inwiefern?

Das Versprechen ist doch eigentlich: Bildung eröffnet allen die Chance, individuelle Erfolgsgeschichten zu schreiben – unabhängig vom Einkommen der Eltern und der Herkunft. Natürlich braucht es den eigenen Fleiß und Einsatz, aber alle sollen zumindest dieselben Möglichkeiten haben. Doch dieses Versprechen hält nicht mehr. Wenn nun die Menschen zudem das Gefühl erhalten, dass die politische Mitte dieses dysfunktionale System verteidigt oder mindestens laufen lässt, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Parteien abseits der Mitte stärker werden. Das zeigt sehr deutlich: Gute Bildungspolitik hat das Potenzial, unsere Demokratie zu stärken, aber momentan passiert das Gegenteil. So geht Vertrauen in die Demokratie und eine offene Gesellschaft verloren.

Gute Bildung ermöglicht soziale Mobilität. Was waren da deine persönlichen Erfahrungen als Tochter einer alleinerziehenden Mutter?

Ich hatte das große Glück, Lehrerinnen und Lehrer zu haben, die sich richtig reingehängt haben. Da war meine Deutschlehrerin zum Beispiel, Frau Adams, und der Gemeinschaftskundelehrer, Herr Meier. Beide haben gerade in Phasen, in denen für mich als Teenagerin vieles attraktiver war als die eigene Bildung, sehr offen mit mir gesprochen und mich motiviert. Bei uns zuhause war Geld knapp, aber meine Eltern haben mir kulturell ganz viel mitgegeben. Ich habe als Kind viel gelesen, war neugierig. Das hat meine Mutter immer unterstützt. Dieses Potenzial wurde von Frau Adam und Herrn Meier gesehen und gefördert. Sie haben mitgeholfen, die Basis dafür zu legen, dass ich mir selbst etwas zutraue.

Sind es also vor allem einzelne Menschen im Bildungssystem, die Chancengleichheit ermöglichen?

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat erforscht, welche Faktoren in Bildungsbiografien von Kindern einen Unterschied machen. Zu den wichtigsten Faktoren zählen die finanzielle Situation der Eltern, Orte des Lernens abseits der Schule wie Bibliotheken, offene Sporteinrichtungen oder Jugendzentren, aber eben auch direkte Bezugspersonen, die Kindern und Jugendlichen das Gefühl geben: Du bist etwas wert. Natürlich wünschen wir uns alle, dass die Eltern zu diesen Personen zählen. Wo das aber nicht so ist, brauchen wir Lehrkräfte oder Schulsozialarbeiter*innen, die einspringen.

„Wir erleben in der Schule eine hohe Regelungsdichte, die Lehrpläne sind wenig flexibel. Ich finde, wir sollten den Lehrerinnen und Lehrern mehr vertrauen.“

Quelle: Elias Keilhauer

Die grüne Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang hat in ihrer Schullaufbahn das große Glück gehabt, dass sich Lehrer*innen für sie eingesetzt und ihr Selbstvertrauen gegeben haben.

Nur die haben kaum Zeit und Kraft dafür.

Genau, deshalb dürfen wir die Menschen im Schuldienst nicht zu sehr belasten. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir Lehrer*innen mehr eigene Handlungsmöglichkeiten geben. Wir erleben auch in der Schule eine hohe Regelungsdichte, die Lehrpläne sind wenig flexibel. Ich finde, wir sollten den Lehrerinnen und Lehrern mehr vertrauen. Schließlich wissen sie am besten, wie sie auf ihre Schüler*innen eingehen können. Diese Freiheit würde auch die Motivation im Schuldienst erhöhen.

Wo müsste man zuerst ansetzen, um das Bildungssystem gerechter zu machen?

Ich bin Anfang 30 und damit in einem Alter, in dem viele Menschen aus meinem privaten Umfeld Kinder bekommen. Was ich bei jungen Eltern häufig erlebe, ist Erschöpfung. Klar, das gehört bei der Familiengründung zu einem gewissen Maß dazu. Mein Eindruck ist aber, dass es schlimmer geworden ist und Belastungsgrenzen erreicht sind. Junge Eltern hasten von der Kita zur Arbeit, abends geht’s noch schnell zur pflegebedürftigen Mama, im Radio eine üble Nachricht nach der anderen – und auf Instagram erzählen ihnen Influencer*innen, was sie in der Erziehung alles falsch machen. Abends gibt’s noch Beziehungsstress darüber, ob die Care-Arbeit gleichberechtigt verteilt ist, und nachts halten einen die Sorgen um die Stromrechnung wach. Auch diese Erschöpfung haben wir total individualisiert. Zumindest in meinem Bekanntenkreis suchen die Eltern den Fehler oft bei sich, nach dem Motto: „Alle anderen kriegen es doch auch hin, vermutlich strenge ich mich einfach noch nicht genug an.“ Aber natürlich ist das Problem nicht individuell, sondern strukturell. Hier müssen wir ansetzen, denn genau hier wirkt Politik: an den Strukturen.

Wie zum Beispiel?

Indem wir die Straßen so sicher machen, dass du dein Kind morgens unbesorgt allein zur Schule schicken kannst. Indem wir die Schulen gut ausstatten und genügend Lehrkräfte einstellen, die motiviert ihrer Arbeit nachgehen können. Indem die Mieten wieder bezahlbar werden. Indem das Steuersystem nicht ausgerechnet Familien mit durchschnittlichem Einkommen am stärksten belastet. Es gibt unzählige Hebel. Was nichts anderes bedeutet als: Wir haben es selbst in der Hand. Und das ist eigentlich doch eine sehr gute Nachricht.

Gleiche Chancen für alle!

Wir fordern eine nationale Bildungsoffensive mit einer besser datengestützten Bildungspolitik, konkreten Bildungszielen, mehr berufliche Bildung und individueller Förderung, egal ob in der Ganztagsschule oder bei der Sprachentwicklung bereits in der Kita. Infos zu unseren Ideen für gerechte Bildungspolitik, unseren Initiativen und konkreten Zielen findest du hier. 

Im vergangenen Juni hat der Länderrat zudem die Sassnitzer Erklärung verabschiedet. Darin fordern Bündnis 90/Die Grünen wohnortnahe Bildung auch für Kinder, die auf dem Land leben. Mehr dazu hier.

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