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Agree to disagree

Der Lokalchat: Wie das Experiment der Münchner Grünen in Sachen offene Streitkultur gelaufen ist.

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Lesezeit: 4 Minuten

Ende Oktober haben sich Münchner Bürgerinnen und Bürger mit großer Mehrheit für die Olympia-Bewerbung ihrer Stadt ausgesprochen. Den Bürgerentscheid hatten die Grünen im Stadtrat einhellig gefordert und durchgesetzt. Aber in der Sache war man sich weniger einig. Es gab widerstreitende Meinungen in der Partei dazu, ob sich München für die Olympischen Sommerspiele bewerben soll oder besser nicht. Doch die Grünen in München und Bayern entschlossen sich – anders als andere Parteien – ihre Argumente offen, ehrlich und öffentlich auszutauschen. In Folge eins unseres Lokalchats lassen Olympia-Befürworter Beppo Brem und Olympia-Skeptiker Christian Hierneis ihre Erfahrung mit diesem Experiment Revue passieren.

Christian: Dass die Zahl der Befürworter*innen fast doppelt so hoch war wie die der Gegner*innen, hat mich nicht überrascht. Angesichts der massiven Werbekampagne für Olympia in den vergangenen Wochen hatten wir keine Chance.

Beppo: Aber es kamen doch durchaus beide Seiten zu Wort – auf Veranstaltungen und in den Medien. Das klare Ergebnis legitimiert auf jeden Fall den Beschluss des Stadtrats für die Olympiabewerbung. Ein knapper Ausgang hätte die Stadtgesellschaft in der Sache weiter entzweit und neue Fragen aufgeworfen.

Christian: Fragen gibt es trotzdem noch genug. Wir wissen nicht, wer das bezahlen soll und auch nicht wie der Deutsche Olympische Sportbund reagieren wird. Aber dass 460.000 Münchnerinnen und Münchner bei dem Bürgerentscheid abgestimmt haben, ist Rekord und damit eine sehr gute Nachricht.

Beppo: Das ist auch unser Verdienst. Die Münchner Grünen haben den Bürgerentscheid durchgesetzt, die Nachhaltigkeit der Spiele zur Bedingung gemacht haben – und so die Richtung vorgegeben.

Christian: Die Landtagsgrünen haben diesen Ratsentscheid zu Olympia auch unterstützt. Wir wollen Bürgerbeteiligung. Ich bin im Nachhinein froh, dass wir das Thema offensiv angegangen sind und in vielen Veranstaltungen mit Befürworter*innen und Gegner*innen im Stadtverband und in den Ortsverbänden, auf Podiumsdiskussionen und – häufig auch in einer vermittelnden Rolle – in großen Gesprächsrunden in den Medien so offen mit verschiedenen Positionen innerhalb der Partei umgegangen sind. Es gab von der Stadtspitze und der Landtagsfraktion keine Vorgabe. Die Idee war, ehrlich darüber aufzuklären, was für und was gegen Olympia spricht.

An Olympia reibt sich die grüne Seele. 

Beppo: An Olympia reibt sich die grüne Seele. Das lässt keinen kalt, weil so eine Großveranstaltung eben viele für uns wichtige Themen berührt wie Nachhaltigkeit, Schutz von Natur- und Stadträumen, gesellschaftlicher Zusammenhalt oder auch öffentliche Infrastruktur und Wohnraum. Ich wurde viel angeschrieben und angesprochen. Es gab auch viele Leute, die eine andere Meinung hatten, als ich das eigentlich erwartet hatte.

Quelle: pwmotion/Adobe Stock

Das Münchner Olympiagelände wurde für die Olympischen Spiele 1972 erbaut. Das markante Ensemble mit Zeltdach an Turm ist heute ein Wahrzeichen der Stadt.

Christian: Olympia ist eines der wenigen Themen, bei dem man als Grüner auf beiden Seiten stehen kann – ohne sich selbst verleugnen zu müssen. Ich kenne auch Grüne, die ihre Position im Diskussionsprozess gewechselt haben. Das zeigt, wie ernsthaft und sachlich die Auseinandersetzung war. Deshalb ist in der Öffentlichkeit auch nicht der Eindruck entstanden, dass wir streiten, sondern dass wir konstruktiv diskutieren.

Beppo: Man kann nach außen hin zähneknirschend eine Meinung vertreten – wie es die anderen Parteien gemacht haben – oder man führt eben eine offene Diskussion stellvertretend für die Stadtgesellschaft.

Christian: Viele Leute sind zu unseren immer sehr gut besuchten Veranstaltungen gegangen, weil sie diese Art von innerparteilicher Debatte auf offener Bühne interessant fanden. Es haben sich eben nicht wie sonst üblich Befürworter*innen und Gegner*innen erwartbare Argumente um die Ohren geschlagen. Das liegt auch daran, dass sich Gesprächspartner*innen mit einem gemeinsamen grünen Hintergrund im Allgemeinen wohlwollend begegnen.

Beppo: Aber es gab auch Kolleg*innen, die mit sehr verhärteten Ansichten in den Austausch gegangen sind. Da wurden auch Aussagen nicht richtig wiedergegeben oder aus dem Zusammenhang gerissen. Ich verstehe alle Bedenken, Befürchtungen und Risiken beim Thema Olympia. Aber wenn man sich offen auf die Seite politischer Mitbewerber schlägt und gemeinsam auftritt, finde ich das echt schwierig.

Wir sind ja keine Einheitspartei und diskutieren ständig.

Christian: Wir sind ja keine Einheitspartei und diskutieren ständig – normalerweise nur nicht über so einen langen Zeitraum in der Öffentlichkeit. Olympia war ein Sonderfall, in dem wir jetzt mal was anderes versucht haben.

Beppo: Auch aus einer gewissen Not heraus. Ich war ja sehr unglücklich darüber, dass der Antrag des Stadtvorstands für die Olympiabewerbung auf dem grünen Stadtparteitag im Juli keine Mehrheit gefunden hat. Vielleicht hätten wir die Ortsverbände und die Basis noch besser einbeziehen und noch intensiver im Vorfeld diskutieren müssen. Das ist für mich ein Learning aus den Ereignissen der vergangenen Monate.

Christian: Aber im Nachhinein war die offene innerparteiliche Diskussion ein wunderbares Experiment, das geglückt ist. Wir sind uns nicht gram und werden mit der Entscheidung leben können. Und wer weiß, ob Olympia kommt oder nicht.

Beppo: Also ich überlege schon, welche Sportart ich für 2040 wähle.

Christian: Hallenhalma.

Beppo: Oder Sommercurling, da kann man mit dem Besen vorneweg kehren.

Christian: Weißt du wie alt wir dann beide sind?

Beppo: Ich möchte von dir mit dem Rollator zur olympischen Eröffnungsfeier gefahren werden. Aber im Ernst: Ganz schlimm wäre es gewesen, hätten wir einzelne Grüne grummeln lassen. Aber durch die offene Diskussion konnten wir die innerparteiliche Kontroverse bis zu einem gewissen Grad heilen.

Christian: Jetzt ist der Entscheid vorbei. Falls München den Zuschlag bekommt, muss sich jede*r Grüne bemühen, zu einem guten Konzept für die Spiele beizutragen. In der Politik kann ich nicht nur gewinnen. Wir Grüne wissen das.

Beppo: Mir ist wichtig, dass wir die Grünen-Wähler*innen, die gegen die Bewerbung gestimmt haben, nicht verlieren. Deren Zweifel sind uns nicht egal. Unsere Aufgabe ist es, allen ein Angebot machen: Fordert weiterhin mit Nachdruck nachhaltige Spiele und gestaltet mit! Der Prozess wird weitergehen – und damit auch die Diskussion.

Zur Person

Christian Hierneis ist seit 2018 Abgeordneter des bayerischen Landtags, sein Stimmkreis ist München-Schwabing. Er ist Sprecher für Umweltschutz, Jagd und Fischereiwesen seiner Fraktion und seit 2002 Vorsitzender des BUND Naturschutz in München und dem Landkreis.

Zur Person

Beppo Brem wurde 2020 in den Münchner Stadtrat gewählt, wo er sportpolitischer Sprecher der Fraktion Die Grünen/Rosa Liste/Volt ist. Er ist im Bayerischen Landessportverband engagiert und hat die European Championships in München mitorganisiert.

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