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„Let’s flood the zone with hope“

Die Mischung macht’s: Beim Zukunftskongress „Im/Puls“ von Bündnis 90/Die Grünen Ende Mai in Berlin trafen Aktivisten und Wissenschaftler, Ideen und Analysen, Wünsche und Wirklichkeit und Theorie und Praxis aufeinander. Nach dem Wochenende bleibt die Erkenntnis, dass noch nichts entschieden und Hoffnung vor allem auch (Zusammen-)Arbeit ist.

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Lesezeit: 6 Minuten

Quelle: Elias Keilhauer

Vor seiner Umnutzung war das „Kalle“ in Neukölln ein Kaufhaus mit Dutzenden von Abteilungen. An diesem Wochenende Ende Mai sind in dem Komplex an der Karl-Marx-Straße Ideen im Angebot. So viele, dass man sich als Konferenzteilnehmer kaum entscheiden kann, wo man zugreifen soll.

In acht verschiedenen Sälen, Räumen, Werkstätten wird vorgetragen, diskutiert, gestritten, gearbeitet. Und dann gibt es noch die Lichthöfe, die Lounge, das Treppenhaus und die Dachterrasse. Was für ein Gewusel! Überall Menschen, die sich begrüßen, miteinander reden, Kaffee trinken, Chili sin Carne löffeln oder schon wieder auf dem Weg sind zur nächsten Veranstaltung.

Im/Puls nennt sich das neue Format, das sich die beiden Bundesvorsitzenden Franziska Brantner und Felix Banaszak im vergangenen Jahr ausgedacht haben. Es soll eine Art grüne re:publica sein, auf der man grundlegend und grundsätzlich diskutieren kann. Ein Ort, wo man anderen zuhören kann ohne die Impulse und Gedanken sofort bewerten und einordnen zu müssen. Ein Ort, wo Brücken gebaut und Ideen gesponnen werden können. Ein Forum für die Zukunft eben.

Anscheinend haben die Grünen damit einen Nerv getroffen. Der Andrang ist groß, Karten gibt es schon lange nicht mehr. Über tausend Teilnehmer sind nach Berlin gekommen. Parteimitglieder, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Autor*innen, Unternehmer*innen und Neugierige. Darunter auch viele bekannte Namen wie der Politikwissenschaftler Carlo Masala, die Klima- und Umweltschutzexpertin Jennifer Morgan oder der Ökonom Marcel Fratzscher.

Quelle: Elias Keilhauer

Dass die Menschen Lust auf diese offene Form der Begegnung haben, ist an jeder Ecke des Gebäudekomplexes spürbar. Man kann sich im „Kalle“ oder „Smart Village“, wie der von Bündnis 90/Die Grünen gebuchte Trakt korrekt heißt, vor lauter Austausch kaum retten. So viele große Namen, so viele Vorträge, Panels, Arbeitsrunden gibt es. 80 Speaker*innen aus Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft sind der Einladung nach Berlin gefolgt. „Es sind jede Menge Leute hier, die es gut mit uns meinen, aber unsere Positionen nicht einfach nur bestätigen, sondern die Grünen auf Leerstellen hinweisen und den Finger in die Wunden legen“, erklärt Felix Banaszak. Dieser Mut zur Kontroverse und Offenheit prägt die gesamte Veranstaltung – in der Cafeteria genauso wie auf der großen Bühne der Agora.

Dort spricht zum Beispiel der Soziologe Armin Nassehi über die „Schließung der Gesellschaft“. Der Versuch, Kontrolle über die komplexe Realität zu erlangen, ginge heute mit der Exklusion von Personen, Gruppen und Denkarten einher. Danach beschwört Lyriker und Sachbuchautor Max Czollek die Pluralität. Und Franziska Brantner hält eine große Rede über das Frei-Sein als gemeinschaftliche Aufgabe. „Freiheit braucht Gleichheit und Zugehörigkeit“, sagt sie und wendet sich damit gegen einen neoliberalen Freiheitsbegriff, der nur Freiheit insbesondere den Märkten zubilligt. Aber auch Freiheit als individuelle Selbstverwirklichung sei nicht genug. Bildung, bezahlbares Wohnen und Kultur für alle seien zentrale Grundlagen der Freiheit. Freiheit als Tätigkeit, Freiheit als gemeinsames Handeln, denn „Frei sind wir nur im Wir.“ Deshalb sei es auch so wichtig, das Gefühl der Zugehörigkeit zu stärken, Einsamkeit zu bekämpfen und Möglichkeiten für Begegnung im öffentlichen Raum zu schaffen. Brantner nennt das „Geschwisterlichkeit“. Da seien auch Bündnis90/Die Grünen gefragt. Sie wünscht sich den Mut, „auch mal ins Unklare zu gehen“ und übt Selbstkritik. Die Grünen sollten nicht als Lehrer auftreten, „bestenfalls als Übersetzer“. Man wolle eine „Partei der Innovation“ sein und Wege freiräumen für das Neue.

Quelle: Elias Keilhauer

Dass das Neue und Innovative auf diesem Forum bereits um sich greift, wird schnell spürbar im Nebeneinander von großer Bestandsaufnahme und poetischer Betrachtung, von kämpferischem Anspruch und praktischen Beispielen des Gelingens auf unternehmerischer, kommunaler und kultureller Ebene. Überraschend offen, hoffnungsvoll und sogar fröhlich fühlt sich dieser Mischmasch aus Inspirationen an.

Daran können auch die ernsten Worte von Frauke Brosius-Gersdorf nichts ändern, die am Samstagmorgen zum Auftakt des zweiten Konferenztags redet. Die durch eine rechtskonservative Kampagne verhinderte Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht macht auf die eklatanten Defizite Deutschlands im Bereich der Bildungs- und Generationengerechtigkeit aufmerksam und warnt davor, Demokratie selbstverständlich zu nehmen.

Felix Banaszak beginnt seine Keynote mit einer schauspielerischen Einlage. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ruft er voll Pathos ins Publikum und meint damit das Auseinanderklaffen von hehrem Anspruch und der realpolitischen Umsetzung. „Mir geht es um die Lücke zwischen der Größe der Herausforderung und der Kleingeistigkeit der uns präsentierten Lösungen“, sagt Banaszak und vertritt anschließend die These, dass die Menschen im Gegensatz zur landläufigen Meinung „erneuerungsbegierig“ seien und lediglich ermüdet vom Status Quo. Banaszak möchte Stärke daraus beziehen, „sich verunsichern zu lassen“. Und er möchte in den Dialog mit Menschen treten, die zu wenig gehört werden. „Wir werden uns etwas zumuten“.

Quelle: Elias Keilhauer

Ehe die Panels eröffnet werden, tritt Michel Friedman auf die Bühne. „Bitte nicht erschrecken“, sagt der 70-Jährige, „ich habe Zuversicht“. Und dann setzt er zu einem wortgewaltigen Plädoyer für die Demokratie und die Vielfalt an. Mut seine Meinung zu sagen, braucht es in Teheran oder Moskau, aber nicht in Berlin, wettert der Publizist, Talkmaster und frühere CDU-Politiker. Gänsehaut, donnernder Applaus, Umarmungen.

Am Nachmittag hat man dann die Qual der Wahl. Verschiedene Formate sind im Angebot. Bei fast allen kann sich das Publikum einmischen und mitmachen. Also, lieber zu den Best Practice Vorträgen über Fair-Tech gehen oder zur Präsentation über Radikalen Optimismus als politische Strategie? Lieber über Entbürokratisierung oder die Herausforderungen der Metropolen diskutieren? Auf jeden Fall später in den Creator Space, wo sich die Buchautorin Anne Dittmann, der Ex-Fußballprofi, Reality TV-Star und Influencer Kevin Plath und Felix Banaszak über Männerbilder und „Junge Männer im Sog des Faschismus“ unterhalten. Wie er den Coolness-Faktor der Grünen wahrnehme, will Banaszak am Ende des Gesprächs von Plath wissen. „Da ist noch Luft nach oben“, sagt der Influencer und nestelt an seinem glitzernden Armband.

Gefühlt steigt der Coolness-Faktor der Partei auf dieser Veranstaltung aber von Minute zu Minute. Das macht die Mischung. Die Mischung aus wissenschaftlichem Input und praxisnahen Einblicken, aus Erfahrungsberichten und großen Gedanken, aus der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Politik und Aktivist*innen-Alltag. Auf dem Dach geben junge Kommunalpolitiker Einblicke in ihr tägliches Geschäft. Sie erklären, wie es auf Vereinssitzungen zugeht, dass man nicht immer weiß, wen man duzen darf und wie man die Politik und das Studium unter einen Hut bekommt.

Quelle: Elias Keilhauer

Am Schluss kommen dann alle wieder in der großen Agora zusammen. Voller Impulse und neuen Ideen. „Läuft!“, stellt Franziska Brantner zufrieden fest und nimmt einen großen Schluck aus einer Wasserflasche. Im letzten Teil der Veranstaltung redet der Medientheoretiker, Autor und Kurator Rafael Dernbach über den Philosophen Ernst Bloch und dessen „Prinzip Hoffnung“. Für Bloch ist Hoffnung etwas, das gemeinsam in die Praxis umgesetzt werden muss. Eine Arbeit. „Let’s flood the zone with hope“, gibt er dem Publikum mit. Das könnte das Motto der ganzen Veranstaltung sein. Man hat den Eindruck, dass sich Aufbruchsstimmung unter den Teilnehmenden breit macht.

Aber noch ist die Konferenz nicht zu Ende. Auftritt Max Richard Leßmann. Der Sänger und Autor von Büchern wie „Liebe in Zeiten der Follower“ oder „Sylter Welle“ trägt einen geblümten Overall und eine pinke Sturmhaube. In seiner Lesung geht es um Eulen, ums Kotzen und – schon wieder – die Hoffnung. „Verlier ruhig die Hoffnung“, heißt es in einem seiner Gedichte, „sie findet dich wieder wie ein sanftes treues Tier“. Was soll man dem noch hinzufügen? Höchstens zwei bis drei Getränke, die es im Anschluss gibt.

Offen diskutieren, Brücken bauen und Kontroversen zulassen: Mehr als tausend Menschen kamen zum Zukunftskongress von Bündnis 90/Die Grünen Ende Mai nach Berlin – darunter auch viele große Namen aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. 
(Bilder von Elias Keilhauer und Gianina Morgenstern)

Im/Puls zum Nachschauen

Das Programm vom Freitag und vom Samstag können auf YouTube zusammengefasst nachgeschaut werden – genauso wie ausgesuchte Keynotes und ein Beitrag aus dem Creator Space.

Quelle: Elias Keilhauer

„Raum fürs Zuhören“

 

Die Bundesvorsitzenden waren als Gastgeber des Im/Puls-Forums gefragte Ansprechpartner während der gesamten Veranstaltung. Wir haben Felix Banaszak in einer Kaffeepause erwischt.

Wie kam es zu diesem neuen Veranstaltungsformat?

Nach dem letzten Parteitag saßen Franziska und ich beim Kaffee zusammen und haben überlegt, was der nächste Schritt sein könnte. Wie können wir den Bedarf nach grundlegender und grundsätzlicher Diskussion stillen? Auf Parteitagen geht das nicht, weil man da immer sofort eine Lösung und einen Beschluss braucht. Uns schwebte ein Format vor, auf dem man anderen zuhören kann, ohne deren Impulse sofort zu bewerten. Der Bundesvorstand und das Team waren sofort einverstanden – und unsere Leute in der Bundesgeschäftsstelle haben das trotz knapper Zeitvorgaben herausragend verwirklicht.

Nicht nur die Grünen betonen in der derzeit so angespannten Situation die Bedeutung des Zuhörens. Warum ist das so wichtig?

In vielen Fällen ist Zuhören nur ein Abwarten, bis man wieder selbst senden kann, man spürt dann ständig diese Unruhe. Wir wollen auf dieser Veranstaltung Räume schaffen, in denen man nicht sofort antworten muss. Das setzt eine Bereitschaft voraus, dem anderen ein gutes Motiv zu unterstellen und keine Böswilligkeit. Nur wenn mein Gegenüber versteht, was mich umtreibt und wenn ich verstehe, was mein Gegenüber umtreibt, kann daraus etwas Gemeinsames entstehen.

Ganz andere Frage: Dein Vortrag heute hatte eine sehr körperliche Komponente. Du bist ja förmlich über die Bühne getanzt. Kommt da der Turniertänzer durch, der du ja früher warst?

Vielleicht (lacht). Schulsport war für mich richtig schlimm. Erst durch das Tanzen habe ich einen Zugang zu meinem Körper gefunden und ihn als Teil meiner Selbst akzeptiert. Ich habe gelernt, dass man den Inhalt seiner Rede unterstreichen kann, wenn man eine Bühne bespielt. Insofern hatte das für mich heute etwas Experimentelleres, auch die schauspielerischen Elemente. Dieses neue Format bietet eben auch mir die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die auf einem Parteitag oder im Bundestag nicht möglich wären.

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