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Natürlicher Widerstand

Wälder, Moore und Meere leiden unter dem Klimawandel, doch zugleich sind sie unverzichtbar im Kampf gegen seine Folgen. Der Biodiversitätsforscher Josef Settele erklärt, warum diese Leistungen oft nicht wahrgenommen werden, welche Rolle Artenvielfalt dabei spielt und was die neue EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur leisten kann.

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Lesezeit: 5 Minuten

Quelle: Sebastian Wiedling

Josef Settele leitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung das Department für Naturschutz.

Warum wird über die Rolle intakter Natur als Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise so wenig gesprochen?

Josef Settele: Ich glaube, das liegt unter anderem daran, dass diese Leistungen nicht direkt sichtbar und deshalb nur schwer zu vermitteln sind. Beim Wald ist es noch relativ einfach. Er steht in der Landschaft und seine Funktion als Lunge des Planeten und CO₂-Speicher ist relativ bekannt. Bei anderen Ökosystemen wie Grünland etwa, also Weiden und Wiesen, oder Mooren wird es schon schwieriger. In diesen Böden hat sich über Jahre hinweg abgestorbenes Pflanzenmaterial, gesammelt, das viel Kohlenstoff speichert – besonders dann, wenn der Boden nicht ausgetrocknet ist und auch nicht intensiv genutzt wird. Aber mit dem Boden ist es wie beim Ozean: Sichtbar ist nur die Oberfläche, nicht das, was darunter passiert.

Wie hilft intakte Natur, die Auswirkung des Klimawandels abzumildern?

Die Bindung klimaschädlicher Gase einschließlich der Aufnahme von CO₂ aus der Atmosphäre ist ein zentraler Beitrag der Natur, um die Auswirkungen des Klimawandels zu bremsen. Darüber hinaus schützen intakte Ökosysteme wie Wälder vor Bodenerosion, und auch Auen und Moore beispielsweise dienen als wichtiger Wasserspeicher. Diese Schutzfunktionen sind mit Blick auf steigende Temperaturen und zunehmende Extremwetterereignisse essenziell wichtig. Doch die Natur kann uns nur schützen, wenn Ökosysteme wie Wälder, Moore oder Meere weitgehend intakt sind. Und das ist bekanntermaßen vielfach nicht der Fall.

Quelle: Elia Massignan/Unsplash

Vielfalt hilft: Mischwälder, in denen unterschiedliche Baumarten wachsen, können auch großer Hitze und Dürre widerstehen ohne ihre Funktion als CO₂-Speicher einzubüßen.

„Die Bindung klimaschädlicher Gase ist ein zentraler Beitrag der Natur, um die Auswirkungen des Klimawandels zu bremsen.“

Welchen Beitrag leistet die Artenvielfalt, damit Ökosysteme langfristig stabil bleiben?

Einen ganz wichtigen Beitrag, das lässt sich sehr gut an Wäldern sehen. Ich wohne am Harz, wo der Borkenkäfer in den vergangenen Jahren enorme Schäden angerichtet hat. Das liegt auch daran, dass wir es dort überwiegend mit Fichtenmonokulturen zu tun haben. Hitze und Dürre – ein großes Problem für die Fichte – schwächen die Fichtenwälder so stark, dass der Borkenkäfer leichtes Spiel hat. In einem vielfältigeren Wald hätten andere, hitzebeständigere Baumarten ihre Funktionen weiter erfüllen können. Artenvielfalt ist für die Natur ein wichtiger Puffer: Ein Teil eines Ökosystems mag unter bestimmten Umständen ausfallen, aber eben nie das gesamte System.

Woran kann man eigentlich erkennen, ob ein Ökosystem intakt ist und funktioniert?

Ein gutes Beispiel sind Moore. Dort wachsen bei sehr gutem Zustand sehr spezielle, seltene Arten wie Wollgräser oder verschiedene Sonnentau-Arten. Sonnentau kennen viele Menschen allerdings vor allem in Form kultivierter Zimmerpflanzen. Sie zeigen an, dass Feuchtgebiete funktionieren und die richtigen Bedingungen herrschen, um zum Beispiel Kohlenstoff im Boden zu speichern.

Quelle: Rebel/Adobe Stock

More Moor: Es lohnt sich nicht nur optisch, sondern vor allem auch ökologisch Moorgebiete zu renaturieren. Sie speichern klimaschädliche Gase und Wasser. Außerdem sind sie ein Refugium für seltene Tiere und Pflanzen.

„Leider merken wir oft erst sehr spät, dass sich ein System grundlegend verändert.“

Wie berechenbar sind die Folgen, wenn Ökosysteme unter dem Druck von Klimawandel und Übernutzung durch den Menschen geschwächt werden?

Leider merken wir oft erst sehr spät, dass sich ein System grundlegend verändert. Ein Beispiel ist der Amazonas-Regenwald. Durch klimatische Veränderungen wie die Erderwärmung, aber auch durch Abholzung oder Waldbrände könnte er sich relativ schnell in Richtung Savanne entwickeln. Wenn dieser Prozess erst einmal weit genug fortgeschritten ist, wäre eine Rückkehr zum Regenwald praktisch unmöglich. Dann hätten wir ein völlig anderes Ökosystem – mit deutlich geringerer Kohlenstoffbindung und weniger Artenvielfalt. Ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die Erderwärmung wäre dann verloren.

2024 hat die EU mit der Wiederherstellungs-Verordnung erstmals ein Gesetz beschlossen, das die Mitgliedstaaten zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme verpflichtet. Ein wichtiger Schritt?

Ich habe diese Wiederherstellungsverordnung sehr stark unterstützt. Ich war auch persönlich in Brüssel im Europaparlament und habe dort beispielsweise mit Abgeordneten unter anderem der konservativen EPP-Fraktion diskutiert. Das Gesetz wurde schließlich mit einer sehr knappen Mehrheit beschlossen. Natürlich ist es nicht perfekt, aber aus meiner Sicht der richtige Weg. Fachlich ist vieles gut angelegt, etwa bei der Wiedervernässung von Mooren oder bei Regelungen für Agrarlandschaften. Es geht darum, Landwirtschaft wieder so zu gestalten, dass Insekten, Vögel und andere Arten dort Lebensraum finden. Das Gute an der Verordnung ist, dass hier Biodiversität, Klimaschutz, Klimaanpassung und Nahrungsmittelproduktion für Europa gemeinsam gedacht wurden.

Und wie steht es um die Umsetzung der guten Absichten?

Die wird Zeit brauchen, weil die Mitgliedstaaten zunächst nationale Wiederherstellungspläne erarbeiten müssen. Und wir dürfen auch nicht erwarten, dass Natur sofort reagiert. Selbst wenn Renaturierung gelingt, lassen sich positive Effekte oft erst nach Jahren nachweisen. Entscheidend ist, dass mit dem Gesetz erstmals ein verbindlicher Rahmen geschaffen wurde, der die Wiederherstellung von vormals mehr oder weniger stark beeinträchtigten Landschaften ermöglicht.

Quelle: Markus Spiske/Unsplash

Platz da: Für die Produktion von Fleisch benötigen wir sehr viel Land – für den Anbau von Viehfutter beispieslweise. Eine pflanzenbasierte Ernährung hingegen würde mehr Raum für Natur schaffen.

„Aus wissenschaftlicher Sicht spricht vieles dafür, stärker pflanzenbasiert zu essen.“

Was müsste zusätzlich geschehen, damit wir die Natur als Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise nicht verlieren?

Ein zentraler Punkt ist für mich die Landnutzung – insbesondere durch die Landwirtschaft. Da wir unsere Äcker weiterhin primär zum Anbau von Futterpflanzen für Vieh nutzen, geht sehr viel Energie verloren und es werden enorme Flächen benötigt. Aus wissenschaftlicher Sicht spricht deshalb vieles dafür, den Fleischkonsum deutlich zu reduzieren und stärker pflanzenbasiert zu essen. So könnten wir viel mehr Raum für Ökosysteme schaffen, die eben nicht nur das Klima präventiv schützen, sondern auch die Auswirkungen des Klimawandels für uns abbremsen.

Zur Person

Der Biologe und Ökologe Prof. Dr. Josef Settele ist seit 1993 am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ tätig. Derzeit leitet er dort das Department für Naturschutzforschung. Als Experte seines Fachs berät er zahlreiche Fachgremien auf internationaler und nationaler Ebene. Er ist zentral aktiv im Weltbiodiversitätsrat IPBES, wo er am 6. Februar 2026 wieder in das wissenschaftliche Beratungsgremium MEP gewählt wurde, und hat als leitender Autor an Berichten des Weltklimarats IPCC mitgewirkt. In Deutschland gehört er dem Sachverständigenrat für Umweltfragen und dem „Wissenschaftlichen Beirat für Natürlichen Klimaschutz“ der Bundesregierung an.

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