Please login to bookmark Close

Was wir von Kretsch lernen können

Mit Winfried Kretschmann scheidet der erste grüne Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes aus dem Amt. Er verabschiedet sich nach 15 Jahren als dienstältester Landesvater. Ralf Fücks erklärt für uns das „Phänomen Kretsch“ – und welche Lehren die Grünen aus seinen Erfolgen ziehen können.
● Von

Lesezeit: 3 Minuten

Quelle: Landesverband Grüne Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann ist eine Ausnahmeerscheinung der deutschen Politik: ein Regierungschef, der über die letzten Dinge nachdenkt, belesen, sprachmächtig, grün und katholisch, ein Büchermensch und passionierter Handwerker, der selbst aufs Dach steigt, um die Ziegel zu richten.

Wer wissen will, was ihn umtreibt, sollte seine Bücher lesen – seine Überlegungen zu einem modernen Konservatismus und sein jüngstes Buch über seine Lieblingsdenkerin Hannah Arendt: „Der Sinn von Politik ist Freiheit.“ Wer die Freiheit so ins Zentrum rückt, geht im Wertkonservativen nicht auf. Man sollte ohnehin nicht versuchen, Kretsch in eine der gängigen Schubladen zu stecken. Kretsch ist zugleich liberal und konservativ, veränderungsoffen und bewahrend, ein Mann des Glaubens und der praktischen Vernunft. Für ihn schließen sich solche Paradoxien nicht aus. Sie miteinander in Einklang zu bringen, in der Politik wie im persönlichen Leben, darin liegt der Reiz.

Man versteht seine Art Politik zu machen nicht ohne seine Prägung als „in der Wolle gefärbter Katholik.“ Für Atheisten ist es schwer nachvollziehbar, dass die Verankerung im Glauben frei macht. Auch unser Grundgesetz ist christlich imprägniert. Kretsch kann das wunderbar übersetzen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist eine profane Formulierung für „Die Würde des Menschen ist heilig“.

Zu Beginn seines Studiums – Biologie und Chemie, ein solides Fundament für einen Ökologen – war er noch Mitglied einer katholischen Verbindung. Dann kam die erste große Kehre, die radikale Wendung nach links. Der Versuchung des Radikalismus sind seit jeher viele kluge Köpfe erlegen. Radikalismus erscheint als edel und kühn, Realpolitik als langweilig, Kompromiss als Verrat.

Die Grünen brauchten lange, um sich von der Gesinnungs- zur Verantwortungsethik durchzuringen. Kretschmann ging voran. Nicht aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung, dass jeder Schritt wirklicher Veränderung wichtiger ist als alle scheinradikalen Proklamationen. Manche nehmen das immer noch übel. Sie würden die Grünen lieber als Rufer in der Wüste sehen, die sich nicht mit der schnöden Wirklichkeit gemein machen.

Für Kretsch war der Schritt zu den Grünen keine Fortsetzung linker Politik mit anderen Mitteln, sondern ein Neuanfang. Im Zentrum standen drei Fragen:

Erstens die Entdeckung der Ökologie als Menschheitsthema, das sich der klassischen rechts-links-Zuordnung entzieht.

Zweitens die Aneignung der Demokratie – nicht als Mittel zu diesem oder jenem Zweck, sondern als Wert an sich. Ökologische Politik muss das Primat der Demokratie anerkennen und der Versuchung widerstehen, ökologische Ziele notfalls auch mit autoritären Mitteln durchzusetzen.

Und drittens die Hinwendung zur Marktwirtschaft als freiheitliche ökonomische Ordnung – komplementär zur freiheitlichen Demokratie. Daraus folgt auch: Wir müssen marktwirtschaftliche Antworten auf die ökologische Krise finden, statt immer weiter in Richtung Dirigismus und Mikromanagement abzudriften. Wer das nicht versteht, provoziert ein massives Rollback. Es braut sich schon zusammen.

Bei den Grünen war Kretsch die meiste Zeit in der Minderheit, alles andere als ein Darling der Partei. Es gab bittere Niederlagen, Pfiffe und Demütigungen. Aber am Ende war es doch so, dass alles auf ihn hinauslief: der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

Kretsch ist alles drei: überzeugter Ökologe, überzeugter Demokrat und überzeugter Verfechter der Marktwirtschaft. Für ihn ist die ökologische Marktwirtschaft ein Markenkern der Grünen. Politik muss den Rahmen setzen, die Schwungkraft entsteht aus Unternehmergeist und Eigeninitiative der Bürgergesellschaft. Ziel ist die Entkopplung von wirtschaftlicher Wertschöpfung und Naturverbrauch: Green Growth statt Degrowth. Die ökologische Transformation wird nur gelingen, wenn sie auch ein ökonomisches Erfolgsprojekt wird. Das gilt erst recht für ein ausgeprägtes Industrieland wie Ba-Wü. Strukturwandel ist unvermeidlich, aber ein industrieller Fadenriss würde die ökonomische Basis der Transformation ebenso zerstören wie ihre politische Akzeptanz.

Bei den Grünen war Kretsch die meiste Zeit in der Minderheit, alles andere als ein Darling der Partei. Es gab bittere Niederlagen, Pfiffe und Demütigungen. Aber am Ende war es doch so, dass alles auf ihn hinauslief: der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Bei seiner ersten Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2011 halfen noch die Proteste gegen Stuttgart 21 und die Anti-Atom-Stimmung nach Fukushima. Aber dass ihn die Baden-Württemberger noch zweimal im Amt bestätigten, bei der Landtagswahl 2021 mit einem Traumergebnis von 32 Prozent, das hat vor allem mit ihm zu tun. Das waren Kretschmann-Wahlen. Wie heißt es so schön: Kleider machen Leute. Auch Ämter machen Leute. Manche steigen auf der politischen Karriereleiter hoch, bis sie definitiv überfordert sind; andere wachsen mit ihren Aufgaben.

Regieren eröffnet die Möglichkeit, die Dinge zu gestalten. Nicht mit dem Zauberstab und nicht per ordre de Mufti, sondern durch hartnäckige Kärrnerarbeit: überzeugen, Allianzen bilden, das Machbare ausloten, seine Ziele beständig mit der Wirklichkeit abgleichen. Man kann von Kretsch lernen, was politische Führung im besten Sinne bedeutet: Orientierung geben. Vertrauen stiften. „Dranbleiben an den Zielen. Standhaft in den Überzeugungen. Glaubhaft in den Aussagen, mit Ausdauer und Augenmaß“, wie es so schön in einem Wahlspot von 2016 hieß.

Dazu gehört auch ein Politikstil, für den er schon früh einen originellen Namen gefunden hat: „Die Politik des Gehörtwerdens.“ Das ist eine ziemlich verschraubte Wortschöpfung. Dennoch versteht fast jeder auf Anhieb, was damit gemeint ist. Gelebte Demokratie bedeutet mehr als freie Wahlen. Bürger haben ein Recht darauf, mit ihren Anliegen, ihren Argumenten, ihrem Sachverstand gehört zu werden. Zwar muss am Ende klar sein, wer entscheidet: gewählte Parlamente und Regierungen. Aber der Witz ist, dass politische Entscheidungen besser sind und eher akzeptiert werden, wenn sie aus konsultativen Verfahren hervorgehen. Nicht zu verwechseln mit endlosem Palaver und einem Vetorecht lautstarker Minderheiten.

Nach 15 Jahren als grüner Ministerpräsident kann man von einer Ära Kretschmann sprechen. Inzwischen bläst der Zeitgeist den Grünen nicht mehr in die Segel, sondern ins Gesicht. Dass Cem Özdemir dennoch das Kunststück wiederholen konnte, das Feld von hinten aufzurollen, obwohl die Wahl schon verloren schien, grenzt an ein politisches Wunder. Es zeigt: Am Ende entscheiden Personen, ihr Charakter, ihre Glaubwürdigkeit, Kompetenz und die Fähigkeit, Vertrauen zu stiften.

Dass Winfried Kretschman keine einmalige Episode als grüner Ministerpräsident bleibt, rundet seine Erfolgsgeschichte ab. Man kann von ihm lernen, wie es geht. Tausend Dank dafür, alles Gute für die Zeit danach – und Dir viel Glück und Erfolg, Cem!

Zur Person

Ralf Fücks ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Thinktanks „Zentrum Liberale Moderne“ in Berlin. Zuvor war er 21 Jahre lang Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Fücks ist seit 1982 Mitglied der Grünen. Er war von 1989 bis 1991 Co-Vorsitzender der Partei, anschließend Bremer Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz sowie stellvertretender Regierungschef in der damaligen Bremer Ampelkoalition. Fücks ist Autor mehrerer Sachbücher, etwa „Freiheit verteidigen: Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen“, erschienen 2017 im Hanser Verlag. Anlässlich des 70. Geburtstags von Winfried Kretschmann gab Fücks zusammen mit Thomas Schmid den Sammelband „Gegenverkehr“ heraus – ein Debattenbuch, zu dem Persönlichkeiten wie Angela Merkel, Andreas Voßkuhle und Alexander van der Bellen Essays beisteuerten.

Das könnte dich auch interessieren …

Please login to bookmark Close

Energiewende auf Wachstumskurs

Kurven und Balken, die Hoffnung machen: Momentaufnahmen eines Trends, der nicht mehr zu stoppen ist.

● Von

Please login to bookmark Close

Aufdecken, was nicht vergessen werden darf

Die exil-iranische Autorin und Künstlerin Mina Khani engagiert sich von Deutschland aus für die Opfer des iranischen Regimes. Uns beschreibt sie, wie es der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten geht – und was ihr Hoffnung für die Zukunft gibt.

● Von

Please login to bookmark Close

Über den Atlantik in den Amazonas

Kathrin Henneberger, Klimaaktivistin und ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, ist zur COP30 über den Atlantik gesegelt.

● Von

Nach oben scrollen