„Wir machen uns erpressbar“
● Von
- Nataly Bleuel
Lesezeit: 5 Minuten
Quelle: Robert Samuel Hanson
Im Stromsektor gab es tatsächlich riesige Fortschritte. Solche Erfolge darf man ruhig mal betonen. Der Ökostromanteil kletterte unter Robert Habeck auf fast 60 Prozent. Die Grünen haben auch durchgesetzt, dass das Ziel „Klimaneutralität bis 2045“ im Grundgesetz erwähnt wird. Allerdings sind wir beim Primärenergieverbrauch – der alle Energieformen von der Tankfüllung bis zum Industriewerk beinhaltet – immer noch zu rund 80 Prozent von fossilen Energien abhängig. Für die Klimaziele müsste sich also noch sehr viel ändern: im Verkehr, in der Landwirtschaft, bei der Heizung. Die neue Merz-Regierung bekennt sich zwar laut Koalitionsvertrag zu diesen Zielen. Leider stellt sie aber die Förderung der Erneuerbaren in Frage – und will stattdessen massiv Gaskraftwerke bauen.
Quelle: Aufwind-Luftbilder/Adobe Stock
In Ihrem Buch Milliarden-Lobby schreiben Sie über die „Gegner der Energiewende“. Wer gehört zu diesem Netzwerk?
Das sind in erster Linie die Gas- und Erdölkonzerne. Es gehören aber auch viele Stadtwerke dazu, die bis jetzt auf Öl und Gas gesetzt haben, um beispielsweise Wohnungen zu heizen. Da geht es um sehr viel Geld. Würden etwa alle Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzt werden, würde das laut unserer Rechnung einen geschätzten Einnahmeverlust von 28 Milliarden Euro für die Gaslieferanten bedeuten – pro Jahr. Das ist eine Summe, für die es sich zu bremsen lohnt. Auch große Teile der CDU zählen dazu, die am alten fossilen Modell festhalten wollen.
Haben Sie Beispiele?
Kanzler Merz stellt sich gegen das von der EU beschlossene sogenannte „Verbrenner-Aus“ ab 2035. Zudem will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche für die Versorgungssicherheit neue Gaskraftwerke mit einer Gesamtkapazität von mindestens 20 bis zu 36 Gigawatt bauen lassen – und vernachlässigt bei ihrer Rechnung umweltfreundliche, dezentrale Lösungen wie beispielsweise Batteriespeicher (die Ampel-Regierung plante mit 12,5 Gigawatt; Anm. d. Red.). Es gibt auch konkrete Beweise, dass der Einfluss der fossilen Lobby noch größer wird. In einem Zehn-Punkte-Plan von Reiche finden sich fast 1:1 Forderungen aus einem Positionspapier fossiler Energiekonzerne wieder.
Woher kommt diese Gasfreudigkeit?
Quelle: Robert Poorten/Adobe Stock
Die Desinformationskampagne zur Wärmepumpe wird tragische Folgen für viele Menschen haben, die demnächst steigende Gaspreise schultern müssen.
Mehr als die Hälfte der Deutschen heizt noch mit Erdgas, während in Skandinavien teils weit über die Hälfte aller Haushalte eine Wärmepumpe nutzen. Warum wurde das in Deutschland verschlafen?
Mit der Folge, dass sich viele Menschen schnell noch Gasheizungen einbauen ließen.
Warum hat die Springer-Presse diese emotionale Kampagne gefahren?
Wir haben für unser Buch mit zwei Personen sprechen können, die zu der Zeit für die Bild-Zeitung arbeiteten. Sie erzählten uns, dass viele Ressortleiter FDP-Anhänger gewesen sein sollen, die jede „grüne Politik“ ablehnen. Auch die FDP-Nähe von Springer-Chef Mathias Döpfner ist ja kein Geheimnis. Habecks Wirtschaftsministerium hingegen hat es versäumt, das Gesetz gut zu verkaufen, man hat den Widerstand stark unterschätzt.
Quelle: Rebecca Marshall
Annika Joeres ist Klimareporterin und hat ein Buch über die fossile Milliardenlobby geschrieben, die den Ausbau von erneuerbaren Energien mit allen Mitteln bekämpft.
Die emotionale Kampagne der Springer-Presse gegen Wärmepumpen hatte einen einfachen Grund: Viele Ressortleiter lehnten jede „grüne” Politik ab.
Was können die Grünen daraus lernen?
Viele Menschen verbinden mit Klimapolitik, dass sie auf etwas verzichten sollen.
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft betont, dass Klimapolitik auch zur Sicherheit beiträgt.
Quelle: Aufwind-Luftbilder/Adobe Stock
98 Prozent unserer Tankfüllungen müssen wir importieren. Das macht uns abhängig von autokratischen Regimen und anfällig für Erpressungsversuche fremder Regierungen.
Solarzellen und Windkrafträder können wir wieder weitestgehend in Deutschland herstellen. Und wenn man die einmal hat, stehen sie ein paar Jahrzehnte – Gas und Öl aber müssen jeden Tag, jede Sekunde, aus dem Ausland herangeschafft werden.
Wie können die Grünen aus der Opposition heraus ein „Weiter so“ verhindern?
Das alles beherrschende Thema ist doch aktuell unsere Sicherheit, Krieg oder Frieden. Und die Erneuerbaren sind, das hat selbst Ex-FDP-Chef Christian Lindner einmal in einer sehr hellen Stunde verkündet, „Freiheitsenergie.“ Sie machen uns unabhängig. Das alte fossile Modell stützt hingegen weltweit Autokratien und rasende Präsidenten wie Donald Trump. Zudem ist die Infrastruktur für Öl und Gas eine Zielscheibe im Krieg – Pipelines können gesprengt, Gastanker versenkt und überfallen werden. Dezentrale Solaranlagen sind eher keine gute Zielscheibe. Die Milliarden müssen in solche sinnvollen Projekte fließen, die jetzt für Sicherheit und Gesundheit sorgen. Es wird die schwierige Aufgabe der Grünen sein, darauf zu pochen, wenn die SPD beispielsweise mal wieder die Klimapolitik zu opfern bereit ist, um ihre Themen wie den Mindestlohn zu sichern. Der ist auch wichtig, keine Frage. Ohnehin kann die CDU nicht alles ignorieren, was die Grünen aus der Opposition heraus sagen, weil sie vielleicht noch mal mit ihnen regieren wollen.
Sollte man neben Sicherheit und Gesundheit nicht auch auf den ökonomischen Gewinn verweisen, den die Erneuerbaren für die Wirtschaft und das Land einbringen?
In der Tat können Erneuerbare die Menschen reicher machen – es gibt Städte, Gemeinden und Bürgerinitiativen, die sich mit heimischer, lokaler Solar- und Windkraft unabhängig machen und sehr viel Geld verdienen.
Am Ende Ihres Buchs skizzieren Sie fünf konkrete Schritte für eine klimagerechte Zukunft. Welche sind das?
Was wir damit meinen, lässt sich anhand eines normalen Tagesablaufs beschreiben. Anders als im Stromsektor sind wir bei der Primärenergie, mit der wir heizen und unsere Autos betanken, noch stark von Öl und Gas abhängig, das betrifft von morgens bis abends unser gesamtes Leben.
Quelle: William/Adobe Stock
Klimaschutz beginnt beim Essen: Wir sollten eine lokale und biologische Landwirtschaft fördern.
Das Frühstücksbrötchen wird mit hohem Düngemitteleinsatz produziert, wofür Gas und Mineralöl gebraucht wird. Liegt auf dem Brötchen noch eine Scheibe Wurst, wird für diese Soja und Kraftfutter importiert. Man sollte eine lokale, biologische Landwirtschaft fördern, die weniger Dünger benötigt, und gesunde Lebensmittel geringer besteuern. Wir können mit Wärmepumpen heizen, die Menschen müssen dazu besser beraten werden. Hinzu kommt die Arbeit, die Produktion. Es ist ein großer Fehler, den Industriestrompreis pauschal zu senken, denn dadurch fehlt der Anreiz, Energie einzusparen. Die Zementindustrie etwa verbraucht unheimlich viel Energie. Dabei kann man auch anders bauen als mit Beton. Es gibt zu allem Alternativen.
Ja – wenn sie auch als sicherheitspolitischer Gewinn verstanden wird.
Die preisgekrönte Journalistin und Buchautorin Annika Joeres arbeitet als Klimareporterin für die Investigativ-Redaktion correctiv.org und berichtet für die Zeit aus Frankreich, wo sie mit ihrer Familie lebt. In diesem Jahr erschienen das Buch Die Milliarden-Lobby. Wer uns von Öl und Gas abhängig macht und die Streitschrift Die Sicherheitslüge – wie Europa sich mit Waffen schützen will – aber mit Öl und Gas erpressbar macht, beide gemeinsam mit der Spiegel-Journalistin Susanne Götze.