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„Wir machen uns erpressbar“

Eine „Milliarden-Lobby“ will uns zum Schaden des Landes weiter von Öl und Gas abhängig machen, sagt Correctiv-Autorin Annika Joeres. Was können die Grünen tun, um Klimaschutz wieder zum Gewinnerthema zu machen? Ein Gespräch.

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Lesezeit: 5 Minuten

Quelle: Robert Samuel Hanson

Im Mai 2025, kurz nach dem Antritt der schwarz-roten Bundesregierung, hat die Internationale Energieagentur die „sehr beeindruckenden Fortschritte“ gelobt, die Deutschland beim Ausbau der erneuerbaren Energien erzielt habe. Es sieht also gar nicht so schlecht aus für die Energiewende?

Im Stromsektor gab es tatsächlich riesige Fortschritte. Solche Erfolge darf man ruhig mal betonen. Der Ökostromanteil kletterte unter Robert Habeck auf fast 60 Prozent. Die Grünen haben auch durchgesetzt, dass das Ziel „Klimaneutralität bis 2045“ im Grundgesetz erwähnt wird. Allerdings sind wir beim Primärenergieverbrauch – der alle Energieformen von der Tankfüllung bis zum Industriewerk beinhaltet – immer noch zu rund 80 Prozent von fossilen Energien abhängig. Für die Klimaziele müsste sich also noch sehr viel ändern: im Verkehr, in der Landwirtschaft, bei der Heizung. Die neue Merz-Regierung bekennt sich zwar laut Koalitionsvertrag zu diesen Zielen. Leider stellt sie aber die Förderung der Erneuerbaren in Frage – und will stattdessen massiv Gaskraftwerke bauen.

Quelle: Aufwind-Luftbilder/Adobe Stock

Im Stromsektor gab es riesige Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Leider bremst die aktuelle Regierung die Dynamik massiv ab und setzt auf neue Gaskraftwerke.

In Ihrem Buch Milliarden-Lobby schreiben Sie über die „Gegner der Energiewende“. Wer gehört zu diesem Netzwerk?

Das sind in erster Linie die Gas- und Erdölkonzerne. Es gehören aber auch viele Stadtwerke dazu, die bis jetzt auf Öl und Gas gesetzt haben, um beispielsweise Wohnungen zu heizen. Da geht es um sehr viel Geld. Würden etwa alle Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzt werden, würde das laut unserer Rechnung einen geschätzten Einnahmeverlust von 28 Milliarden Euro für die Gaslieferanten bedeuten – pro Jahr. Das ist eine Summe, für die es sich zu bremsen lohnt. Auch große Teile der CDU zählen dazu, die am alten fossilen Modell festhalten wollen.

Haben Sie Beispiele?

Kanzler Merz stellt sich gegen das von der EU beschlossene sogenannte „Verbrenner-Aus“ ab 2035. Zudem will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche für die Versorgungssicherheit neue Gaskraftwerke mit einer Gesamtkapazität von mindestens 20 bis zu 36 Gigawatt bauen lassen – und vernachlässigt bei ihrer Rechnung umweltfreundliche, dezentrale Lösungen wie beispielsweise Batteriespeicher (die Ampel-Regierung plante mit 12,5 Gigawatt; Anm. d. Red.). Es gibt auch konkrete Beweise, dass der Einfluss der fossilen Lobby noch größer wird. In einem Zehn-Punkte-Plan von Reiche finden sich fast 1:1 Forderungen aus einem Positionspapier fossiler Energiekonzerne wieder.

Woher kommt diese Gasfreudigkeit?

Wir recherchieren seit einem Jahrzehnt zu Lobbyarbeit – und was die Gaslobby erreicht hat, ist eine Sternstunde des Lobbyismus. Obwohl es jeder Grundlage entbehrt, hat sie dem Gas ein klimafreundliches Image verpasst und es als grüne Alternative zu Kohle und Öl positioniert. Dabei gibt es Studien, die besagen, dass Erdgas ähnlich klimaschädlich wie Kohle sei, von der wir uns glücklicherweise verabschiedet haben.

Quelle: Robert Poorten/Adobe Stock

Die Desinformationskampagne zur Wärmepumpe wird tragische Folgen für viele Menschen haben, die demnächst steigende Gaspreise schultern müssen.

Mehr als die Hälfte der Deutschen heizt noch mit Erdgas, während in Skandinavien teils weit über die Hälfte aller Haushalte eine Wärmepumpe nutzen. Warum wurde das in Deutschland verschlafen?

Weil das Thema Heizen bis in die Wohnzimmer der Wähler*innen reicht, das heiße Eisen hat vor der Ampel niemand angefasst. Im Gegenteil: Gasheizungen wurden mit Tausenden Euro gefördert, anstatt Wärmepumpen & Co. zu bezuschussen. Als Habeck das Thema anging, hat die Gaslobby über die Springer-Presse eine sehr erfolgreiche Kampagne gegen das Heizungsgesetz gefahren. Sie hatte in der Ampel-Regierung mit Frank Schäffler von der FDP sogar einen Lobbyisten sitzen, der den Klimawandel bezweifelt und in der Bild-Zeitung die Lüge verbreiten durfte, Wärmepumpen kosteten hunderttausende von Euro; später musste er einräumen, selbst eine verbaut zu haben. Das war nur eine der Falschinformationen, die über das angebliche „Heizungsverbot“ kursierten.

Mit der Folge, dass sich viele Menschen schnell noch Gasheizungen einbauen ließen.

Diese Desinformation auf höchster Ebene hat die tragische Folge, dass diese Menschen viel Geld werden zahlen müssen, wenn die Gaspreise etwa wegen Lieferengpässen und den europäischen Emissionszertifikaten für Gebäude steigen werden.

Warum hat die Springer-Presse diese emotionale Kampagne gefahren?

Wir haben für unser Buch mit zwei Personen sprechen können, die zu der Zeit für die Bild-Zeitung arbeiteten. Sie erzählten uns, dass viele Ressortleiter FDP-Anhänger gewesen sein sollen, die jede „grüne Politik“ ablehnen. Auch die FDP-Nähe von Springer-Chef Mathias Döpfner ist ja kein Geheimnis. Habecks Wirtschaftsministerium hingegen hat es versäumt, das Gesetz gut zu verkaufen, man hat den Widerstand stark unterschätzt.

Quelle: Rebecca Marshall

Annika Joeres ist Klimareporterin und hat ein Buch über die fossile Milliardenlobby geschrieben, die den Ausbau von erneuerbaren Energien mit allen Mitteln bekämpft.

Die emotionale Kampagne der Springer-Presse gegen Wärmepumpen hatte einen einfachen Grund: Viele Ressortleiter lehnten jede „grüne” Politik ab.

Was können die Grünen daraus lernen?

Das Heizungsgesetz hatte den Startfehler, dass für Haushalte mit wenig Geld zunächst zu wenig Unterstützung vorgesehen war. Menschen mit geringem Einkommen müssen finanziell unterstützt werden, wenn sie andere Heizsysteme benutzen sollen. Es ist nicht sinnvoll, Förderungen per Gießkanne zu verteilen. Davon profitieren vor allem Besserverdienende – etwa auch bei der Förderung von E-Autos, die für Geringverdienende noch viel zu teuer sind. Klimapolitik muss als Gewinnerthema für niedrige Einkommensschichten etabliert werden – sonst können Rechtspopulisten wie bislang Hass dagegen schüren. Klimapolitik muss das Leben sichtbar verbessern.

Viele Menschen verbinden mit Klimapolitik, dass sie auf etwas verzichten sollen.

Das ist eine Frage des Wordings. Schauen Sie nach Paris! Da hat man auf Autostraßen verzichtet und nun nutzen die Pariser Bürger*innen erstaunlich massiv Fahrräder. Die Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat aber nicht von Verzicht gesprochen, sondern von einem Gewinn an Gesundheit – indem sie auf das verwies, was uns am wichtigsten ist: das Leben unserer Kinder. Sie leiden stark unter Luftverschmutzung, unter Lärm, unter Unfällen. Verkehrspolitik ist Gesundheitsschutz.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft betont, dass Klimapolitik auch zur Sicherheit beiträgt.

Das sehen mittlerweile sogar Militärexpert*innen so. Gas, Kohle und Mineralöl kommen von weit her, 98 Prozent unserer Tankfüllungen müssen wir importieren. Dadurch sind wir abhängig von Autokraten und Zerstörern, die uns mit Kriegen und Zöllen bedrohen können. Eine Politik, die auf „Weiter so“ setzt, erhöht unsere Abhängigkeit vom Ausland und macht uns erpressbar. Ein Land, das seine Energie aus Sonne und Wind selbst produziert, bleibt unabhängig von den Macht- und Preiskämpfen anderer. Klimaneutralität ist kein Projekt von durchgeknallten grünen Spinnern.

Quelle: Aufwind-Luftbilder/Adobe Stock

98 Prozent unserer Tankfüllungen müssen wir importieren. Das macht uns abhängig von autokratischen Regimen und anfällig für Erpressungsversuche fremder Regierungen.

Die Infrastruktur für Öl und Gas ist eine Zielscheibe im Krieg – Pipelines können gesprengt, Gastanker versenkt und überfallen werden.
Was ist mit Solarzellen aus China, machen die uns nicht abhängig?

Solarzellen und Windkrafträder können wir wieder weitestgehend in Deutschland herstellen. Und wenn man die einmal hat, stehen sie ein paar Jahrzehnte – Gas und Öl aber müssen jeden Tag, jede Sekunde, aus dem Ausland herangeschafft werden.

Wie können die Grünen aus der Opposition heraus ein „Weiter so“ verhindern?

Das alles beherrschende Thema ist doch aktuell unsere Sicherheit, Krieg oder Frieden. Und die Erneuerbaren sind, das hat selbst Ex-FDP-Chef Christian Lindner einmal in einer sehr hellen Stunde verkündet, „Freiheitsenergie.“ Sie machen uns unabhängig. Das alte fossile Modell stützt hingegen weltweit Autokratien und rasende Präsidenten wie Donald Trump. Zudem ist die Infrastruktur für Öl und Gas eine Zielscheibe im Krieg – Pipelines können gesprengt, Gastanker versenkt und überfallen werden. Dezentrale Solaranlagen sind eher keine gute Zielscheibe. Die Milliarden müssen in solche sinnvollen Projekte fließen, die jetzt für Sicherheit und Gesundheit sorgen. Es wird die schwierige Aufgabe der Grünen sein, darauf zu pochen, wenn die SPD beispielsweise mal wieder die Klimapolitik zu opfern bereit ist, um ihre Themen wie den Mindestlohn zu sichern. Der ist auch wichtig, keine Frage. Ohnehin kann die CDU nicht alles ignorieren, was die Grünen aus der Opposition heraus sagen, weil sie vielleicht noch mal mit ihnen regieren wollen.

Sollte man neben Sicherheit und Gesundheit nicht auch auf den ökonomischen Gewinn verweisen, den die Erneuerbaren für die Wirtschaft und das Land einbringen?

In der Tat können Erneuerbare die Menschen reicher machen – es gibt Städte, Gemeinden und Bürgerinitiativen, die sich mit heimischer, lokaler Solar- und Windkraft unabhängig machen und sehr viel Geld verdienen.

Am Ende Ihres Buchs skizzieren Sie fünf konkrete Schritte für eine klimagerechte Zukunft. Welche sind das?

Was wir damit meinen, lässt sich anhand eines normalen Tagesablaufs beschreiben. Anders als im Stromsektor sind wir bei der Primärenergie, mit der wir heizen und unsere Autos betanken, noch stark von Öl und Gas abhängig, das betrifft von morgens bis abends unser gesamtes Leben.

Quelle: William/Adobe Stock

Klimaschutz beginnt beim Essen: Wir sollten eine lokale und biologische Landwirtschaft fördern.

Fangen wir mit dem Frühstück an!

Das Frühstücksbrötchen wird mit hohem Düngemitteleinsatz produziert, wofür Gas und Mineralöl gebraucht wird. Liegt auf dem Brötchen noch eine Scheibe Wurst, wird für diese Soja und Kraftfutter importiert. Man sollte eine lokale, biologische Landwirtschaft fördern, die weniger Dünger benötigt, und gesunde Lebensmittel geringer besteuern. Wir können mit Wärmepumpen heizen, die Menschen müssen dazu besser beraten werden. Hinzu kommt die Arbeit, die Produktion. Es ist ein großer Fehler, den Industriestrompreis pauschal zu senken, denn dadurch fehlt der Anreiz, Energie einzusparen. Die Zementindustrie etwa verbraucht unheimlich viel Energie. Dabei kann man auch anders bauen als mit Beton. Es gibt zu allem Alternativen.

Wird die Klimaneutralität kommen?

Ja – wenn sie auch als sicherheitspolitischer Gewinn verstanden wird.

Die preisgekrönte Journalistin und Buchautorin Annika Joeres arbeitet als Klimareporterin für die Investigativ-Redaktion correctiv.org und berichtet für die Zeit aus Frankreich, wo sie mit ihrer Familie lebt. In diesem Jahr erschienen das Buch Die Milliarden-Lobby. Wer uns von Öl und Gas abhängig macht und die Streitschrift Die Sicherheitslüge – wie Europa sich mit Waffen schützen will – aber mit Öl und Gas erpressbar macht, beide gemeinsam mit der Spiegel-Journalistin Susanne Götze.

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